Aufbruch ins Unbekannte (9/18)

Posted on Mai 18, 2012

0


„Die Offenbarung geht von dem Magier mit dem größeren Können aus“, erklärte der Dekan ihr. „In diesem Fall von mir. Alles, was Du tun musst, ist mich zu berühren und anzunehmen, was ich mit Dir teile.“
Das klang einfach und gleichzeitig ein wenig kryptisch. „Okay“, sagte Teese, um zu zeigen, dass sie dem Dekan soweit folgen konnte.
„Dann würde ich vorschlagen, Du setzt Dich an den Tisch.“ Dekan Ezzo machte eine einladende Geste zu Teeses Platz am Tisch. „Und ich setze mich Dir gegenüber.“
Teese ging zu ihrem Stuhl und setzte sich. Sie schob ihren noch immer leeren Teller zur Seite und den Becher mit dem Kakao.
Dekan Ezzo nahm auf dem Stuhl auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches Platz und beugte sich nach vorne.
„Stelle die Ellenbogen auf dem Tisch“, befahl er.
Teese kam der Aufforderung etwas ungeschickt nach. Ihre Mutter mochte es gar nicht, wenn man so am Tisch saß. Sie sagte immer, das wäre ein Benehmen wie bei den Bauern. Leute mit guten Manieren stützten ihre Ellenbogen nicht auf den Tisch.
„Und jetzt legst Du die Handflächen aneinander.“ Dekan Ezzo nahm Teese gegenüber genau diese Haltung ein.
Unvermittelt musste Teese an einen Holzschnitt denken, der bei ihrer Großmutter neben dem Bett hing. Er hieß ‚Die betenden Hände‘ und zeigte zwei Hände, bei welchen sich die Handflächen berührten. Teese hatte das schon immer merkwürdig gefunden, denn gebetet wurde doch mit gefalteten Händen, bei welchen die Finger jeweils in dem Freiraum zwischen zwei Fingern der anderen Hand lagen.
Wie von Dekan Ezzo vorgemacht, presste Teese ihre Handflächen aneinander, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt.
„Strecke die Hände zu mir vor“, forderte der Dekan Teese auf.
Teese beugte ihre Arme nach vorne. Der Dekan beugte seine Arme nach vorne. Über der Tischplatte berührten sich ihre Fingerspitzen beinahe, als der Dekan seine Hände auseinander nahm und Teeses Hände in seinen einschloss. Seine großen Hände umschlossen Teeses kleine dabei vollständig.
So saßen sie sich am Tisch in Magister Nabis Haus gegenüber. Jahre später, nachdem Teese das erste Mal eine Offenbarung nach einer Magisterprüfung gesehen hatte, verstand sie erst, welchen banalen Vorgang Dekan Ezzo aus diesem eigentlich so feierlichen Akt gemacht hatte.
Eine Offenbarung war die Aufnahme eines Magiers in die Riege der Magister. Erst mit diesem Tag war er oder sie ein vollwertiger Magier mit allen Rechten und Pflichten, welche der Titel des Magisters mit sich brachte.
Ein angehender Magister trug bei der Zeremonie nur seine schwarze Robe, ohne eine Schärpe und keine Schuhe. Er kniete barfuß auf dem Boden der Taberna am Ende des Raumes, dort wo das große Glasfenster zur Kapelle hin zeigte.
Vor dem knienden Magister stand der Dekan und umschloss die zu ihm hinaufgestreckten Hände mit seinen eigenen. Die Zeremonie war alt und ehrwürdig. Magister Elgin würde Teese später einmal Abbildungen von Königen zeigen, die in dieser Haltung gemalt worden waren. In der alten Welt hatte die Zeremonie dazu gedient, dass Grafen und Fürsten einem König die Treue schworen.
Davon war hier an dem schlichten Holztisch im Wohnraum des Hauses allerdings wenig zu spüren. Auf dem Tisch stand ein halbgetrunkener Kakao und auf dem Herd kochte der Grießbrei. Teese und Dekan Ezzo saßen sich gegenüber als würden sie Karten spielen oder dieses Kinderspiel, das Teese und ihre Schwester manchmal spielten und bei dem es darum ging, dass einer schnell genug die Hände wegzog, wenn der andere nach ihnen schlug.
Es war überhaupt nichts Feierliches an der ganzen Angelegenheit und Teese war weit davon entfernt, eine vollwertige Magierin zu sein. Dennoch war sie inzwischen erfahren genug, um zu spüren, was Dekan Ezzo in diesem Moment machte.
Sie spürte die Magie als Wärme seiner Hände, die zuerst die Außenseite von Teeses Händen wärmte und dann über ihre Unterarme kroch, als hätte Teese ihre Hände in heißes Wasser gehalten. Die Wärme schlängelte sich über die Haut ihrer Oberarme und über ihre Schultern den Kopf hinauf und gleichzeitig nach unten über ihre Brust und den Bauch hinein in die Beine bis in die Füße.
Teese verstand nun, was der Dekan mit dem kontrollierten Magieschlag gemeint hatte. Anstatt einem Schlag an Magie, war es eine sanfte Berührung. Wenn bei einem Magieschlag Magie schlagartig von einem großen und übervollen Gefäß in ein recht leeres, kleines schoss, dann war dies hier ein vorsichtiges Eingießen von Magie aus einem vollen in ein eher leeres Gefäß.
Dekan Ezzo erfüllte Teese mit seiner eigenen Magie und Teese konnte fühlen, wie seine Hände kalt wurden, als die Wärme in sie überging. Teese konnte im nachhinein nicht genau sagen, wann es passiert war, aber als sie begann ihre Magie im Austausch zurück zu geben, wusste sie einfach, dass sie dies tun musste, weil der Dekan wusste, dass es das war, was sie nun tun musste.
Sie erkannte, was Offenbarung bedeutete. Sie kannte Dekan Ezzo, so wie sie ihre Schwester kannte oder ihre beste Freundin. Natürlich hatte sie bereits vorher einige seiner Charakterzüge gekannt, da er mit ihr mehr zu tun gehabt hatte als mit den anderen Kandidaten und Studenten. Dennoch war er ihr aber nicht vertraut gewesen. Doch genau dies war auf einmal der Fall.
Es fühlte sich merkwürdig an und gleichzeitig fühlte sich Teese verpflichtet, ihn im Gegenzug an sich selbst teilhaben zu lassen. Es ergab sich einfach von ganz alleine. Offenbarung bedeutete nicht, dass man alles über jemanden wusste. Sie wusste nicht, woher er stammte, wie alt er wirklich war, wie sein Name in der alten Welt lautete und ob er dort vielleicht Geschwister oder Freunde hatte. Aber dennoch war er ihr nun vertraut und Teese wusste, mit wem sie ihre Gedanken teilen konnte, wenn sie das wollte.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements