Aufbruch ins Unbekannte (8/18)

Posted on Mai 14, 2012

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„Unten sind die Putzsachen für Nanu“, sagte Magister Nabi und Teese benötigte einen Augenblick um zu erkennen, dass sie wieder einmal einfach das Thema gewechselt hatte.
„Oh, gut.“
Daran hatte Teese nicht mehr gedacht. Ihr Drache würde sie immerhin begleiten. Nanu würde sich in der freien Natur wohl selbst mit Nahrung versorgen, aber putzen musste Teese ihren Drachen schon. Wie die Drachen das in Nanus natürlicher Umgebung wohl machten? Teese hatte darüber noch nichts gelesen.
Sie warf einen Blick über ihre Schulter und sah aus dem Fenster in den Garten. Draußen war es noch immer dunkel und Teese konnte ihren Drachen nur als grauen Berg auf dem Rasen ausmachen.
„Und das daneben ist die Transporttasche für Dein Seelentier“, fuhr Magister Nabi fort und packte den Zehrkuchen in Teeses Rucksack.
„Hm?“
Teese sah über den Rand ihres Bechers zu dem Rucksack und entdeckte tatsächlich eine Tasche, die über der Lehne des Stuhls hing. Es war eine Umhängetasche aus ockerfarbenem und weißem Webstoff. Darauf waren seltsam fremdartige Muster zu erkennen und mehrere Gesichter, die Teese an afrikanische Masken erinnerten.
Die Tasche sah sehr hippiemäßig aus, fand sie. So etwas gab es im Dritte-Welt-Laden in ihrem Nachbarort zu kaufen. Teese war mit ihrer Mutter einmal dort gewesen, als sie Fair-Trade-Kaffee gekauft hatten. Der Laden hatte neu aufgemacht und Teeses Mutter hatte einmal schauen, wollen, was es dort gab. Allerdings war ihr der Laden wohl zu teuer gewesen oder hatte ihr aus einem anderen Grund nicht gefallen. Jedenfalls kaufte sie ihren Kaffe weiterhin im Supermarkt im Ort ein.
„Die Tasche ist für den Transport von kleineren Seelentieren ausgelegt“, erklärte Magister Nabi erstaunlich bereitwillig, auf Teeses schlichtes ‚Hm‘ hin. „Darin habe ich mein Seelentier mitgenommen, wenn ich unterwegs war – früher.“
Sie sah nachdenklich auf die Tasche und hob dann den Blick. „Machst Du dem Dekan bitte die Tür auf, Teese?“
Teese stellte ihre Kakao ab und ging zur Tür. Sie wunderte sich schon lange nicht mehr über Magister Nabis Fähigkeit oft mehr zu wissen als man eigentlich konnte.
Als Teese die Tür öffnete, kam Dekan Ezzo gerade die letzten Schritte den Inselberg hinunter. In der Dunkelheit wirkte er noch massiger auf Teese, wie ein gerüsteter Ritter – nur wesentlich leichtfüßiger.
Unter den Arm hatte der Dekan eine kleine Kiste geklemmt, die Teese vage bekannt vorkam. Er nickte Teese zu, als er an ihr vorbei eintrat.
„Guten Morgen, Teese.“
„Guten Morgen, Dekan Ezzo.“
Teese schloss hinter ihm die Tür. Mit wenigen Schritten hatte der Dekan den Tisch erreicht und stellte die Kiste auf ihm ab.
„Guten Morgen, Ezzo“, grüßte Magister Nabi und ging an ihm vorbei zurück zum Herd, auf dem noch immer Teeses Frühstück kochte. Teese fragte sich, warum das so lange dauerte. Wenn ihre Mutter ihr Grießbrei machte, war er in wenigen Minuten fertig. Man kochte Milch, schüttete Grieß und Zucker hinein und wartete kurz, dass alles aufquoll und ein Brei daraus wurde.
„Guten Morgen, Nabi“, erwiderte Dekan Ezzo.
Sein Blick streifte über den Tisch und den gepackten Rucksack.
„Ro ist noch nicht unterwegs“, sagte Magister Nabi als hätte der Dekan danach gefragt.
Teese blieb ein wenig unschlüssig, was man von ihr erwartete, zwischen Tür und Tisch stehen.
Der Dekan drehte sich zu ihr um. „Du weißt, warum ich hier bin?“
„Sie weiß Bescheid“, sagte Magister Nabi an Teeses Stelle.
Teese nickte zur Verstärkung.
„Gut.“ Dekan Ezzo musterte nun Teese. „Nach dem Vorfall in Thorhafen gestern hat der Magisterrat entschieden, dass zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen nicht schaden würden. Und auch wenn ich der Meinung bin, dass Dir keine Gefahr auf dieser Reise droht, schadet es sicher nicht, wenn Du die Möglichkeit hast, mich in Gedankenrede zu erreichen und ich Dich. Daher werde ich mich Dir offenbaren – ein Vorgang, der ansonsten nur bei der Prüfung zum Magister vorgenommen wird. Allerdings war der Rat der Meinung, bei Dir eine Ausnahme machen zu können.“
Teese dachte an Magister Felyths Reaktion. Er jedenfalls war nicht dieser Meinung gewesen. Und den Vorschlag hatte auch nicht der Magisterrat gemacht, sondern Dekan Ezzo hatte ihn in den Raum gestellt. Allerdings hatten sie darüber abgestimmt und somit hatte wirklich der Magisterrat entschieden, dass Dekan Ezzo sich ihr offenbaren würde – wie auch immer dies nun aussehen würde.
Als habe der Dekan Teeses Gedanken erraten können, fuhr er fort: „Eine Offenbarung ist eine kontrollierte Art des Magieschlags ohne die üblichen Nebenwirkungen.“
Teese nickte verstehend. Immerhin hatte sie diese Nebenwirkungen bereits zu Genüge kennengelernt und gestern Abend hatte Magister Elgin sie genutzt, um Teese die Magisterversammlung mitverfolgen zu lassen. Warum er das getan hatte, darüber hatte Teese noch nicht nachgedacht. Jetzt kam sie allerdings auch nicht dazu, dies noch zu tun.

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