Aufbruch ins Unbekannte (7/18)

Posted on Mai 11, 2012

0


Schwungvoll breitete Teese das magische Tuch, das Ro ihr gegeben hatte über dem Bett aus und begann sich anzuziehen. Zuerst ihre Hemdrüstung aus Adamant, dann die Hose und das lindgrüne Hemd, das sie gestern in Thorhafen getragen hatte.
Zu guter letzt schlüpfte Teese in ihre Schuhe und nahm den Umhang von dem Tuch herunter. Draußen war es sehr kalt und da würde man von einem kleinen Mädchen erwarten, dass es einen Umhang trug. Dass sie unter ihrer Kleidung ein magisches Adamant-Hemd trug, das sie warm halten würde, konnte immerhin niemand ahnen.
Nachdem Teese sich angezogen hatte, packte sie die letzten Dinge, die sie mitnehmen wollte, auf das Tuch. Von Liina hatte sie gestern einen ganzen Stapel gefalteter Zettel bekommen, die jeweils mit einem rosafarbenen Seidenband zugebunden worden waren. Auf jedem Zettel stand in Liinas lupenreiner Handschrift, was für ein Zauber in seinem Inneren verborgen war.
Teese war gestern nicht dazu gekommen, sich die Schriftzauber anzusehen und Liina hatte auch keine Zeit gehabt, ihr mehr zu sagen als dass dies die Zauber waren, die sie für ihre Reise angefertigt hatte. Sie würde sie sich unterwegs in einer ruhigen Minute genauer ansehen. Sicher wäre es sinnvoll vorher zu wissen, was sie zu ihrer Verfügung hatte als erst dann zu schauen, wenn sie etwas brauchen würde.
Teese zögerte als sie überlegte, ob sie ihren Kuschelhasen mitnehmen sollte und entschied sich dann dagegen. Was, wenn sie das magische Tuch verlieren würde? Dann wäre ihr Hoppi für immer verschollen. Zusammengefaltet war das Tuch immerhin nicht größer als ein Taschentuch. Wie leicht konnte so etwas verloren werden. Sie setzte den Hasen entschieden auf dem Kopfkissen zurecht. Dort konnte er auf sie warten.
‚Hauptsache, Du nimmst mich mit‘, sagte Fleck amüsiert.
‚Du kannst auf Dich selbst achtgeben, oder?‘, wollte Teese wissen.
‚Keine Sorge. Seelentiere sind sehr robust.‘
Teese musste bei den Worten daran denken, wie die Magister Roaths Seelentier zerstört hatten. Die Strahlende hatte Ro sie genannt. Ein Drache in irisierenden Farben, wunderschön und voller Magie. In Streifen war sie abgezogen worden in einer magischen Häutung bis auf den Kern herunter. Ros Schreie gegen Ende der Urteilsvollstreckung würde sie nie vergessen können.
‚Das ist nicht der Normalfall, Teese‘, sagte Fleck beruhigend. ‚Magier und Seelentier bleiben für immer zusammen oder wenigstens lebt es so lange der Magier am Leben ist. Wenn Du mich nicht zu diesem schauerlichen Reservat schickst…‘
‚Niemals.‘ Teese schüttelte sich mit Schaudern. Noch eine unangenehme Erinnerung.
‚Dann lass uns jetzt frühstücken, bevor Ro kommt.‘
Auch Fleck schien das Thema nicht zu gefallen.
Teese nickte und faltete das Tuch zusammen, um es in der Tasche ihres Umhangs verschwinden zu lassen.
Gerade noch im letzten Moment fiel ihr ein, dass es noch etwas anderes gab, das sie unbedingt mitnehmen musste und sie lupfte ihr Kopfkissen, unter welchem sie die Nacht über Marisans Brief an Nysrael versteckt hatte. Sie steckte den Brief nach kurzem Zögern in die andere Tasche ihres Umhangs und wandte sich dann zum Gehen.
Mit einem letzten Blick auf ihr Zimmer und die unter ihrer Decke vergrabene Flaumschnabel verließ Teese den Raum. Fleck hoppelte ihr hinterher, bis sie zur Treppe kamen und Teese das Kaninchen auf den Arm nahm.
Unten brannte Licht und der Geruch von Kakao und Grießbrei stieg Teese in die Nase. Magister Nabi stand am Herd und rührte in einer kleinen Kasserolle. Auf dem Tisch stand ein Gedeck, das wohl für Teese gedacht war.
Auf dem Stuhl daneben stand ein altmodischer Rucksack aus zerkratztem Leder. Er wirkte sehr voluminös und war anscheinend gut gefüllt. An seiner Seite war eine der Wasserflaschen befestigt, die Teese noch gestern in ihrem magischen Tuch gesehen hatte und die sie heute nicht wirklich vermisst hatte, die aber tatsächlich nicht mehr in ihm gewesen waren.
Der Rucksack war offen und Teese konnte sehen, dass zu Oberst mehrere kleine Päckchen lagen, die wie in Papier eingepackte Pausenbrote aussahen. Der Zehrkuchen, den sie mit Marisan und Liina gebacken hatte, stand auf dem Tisch davor auf einem ähnlichen Papier. Vermutlich war Magister Nabi dabei gewesen, ihren Proviant einzupacken.
„Setz Dich hin“, wies Magister Nabi Teese an. „Ezzo ist schon auf dem Weg.“
Teese ließ Fleck auf den Boden nieder, setzte sich auf den Stuhl und trank eilig einen Schluck Kakao. Sie war gespannt, wie diese Offenbarung aussehen würde, die Dekan Ezzo ihr gegenüber machen würde. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, worum es sich dabei handelte. Alles, was sie der Ratsversammlung hatte entnehmen können, war, dass es helfen würde, mit ihr in Kontakt zu bleiben.
„Ach, Du weißt es schon?“ Magister Nabi stellte Teese einen Teller mit dampfendem Grießbrei auf den Tisch und wandte sich dann dem Zehrkuchen zu, den sie etwas umständlich in das Papier einschlug.
Teese überlegte, ob die Magister ihre Gedanken hatte hören können, aber Fleck verwarf diesen Gedanken an ihrer Stelle.
‚Du hast nicht nachgefragt, als sie sagte, der Dekan sei auf dem Weg.‘
‚Oh, stimmt‘, erkannte Teese. Woher hätte sie wissen sollen, dass Dekan Ezzo zu ihnen kommen würde?
„Ja, aber ich weiß nicht genau, was er machen wird“, sagte Teese.
Magister Nabi zuckte mit den Schultern. „Er wird sich Dir offenbaren.“
„Ja, aber was bedeutet das?“
„Danach wirst Du ihn kennen und er wird Dich kennen. Menschen, die nicht miteinander in Gedanken reden können, aber darauf beharren, dass sie es doch wirklich wollen, offenbaren sich einander. Danach funktioniert es so oder so.“
„Aha.“
Das verriet zwar immer noch nicht, wie genau es funktionierte, aber Teese verstand jetzt wenigstens ein wenig mehr.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements