Aufbruch ins Unbekannte (6/18)

Posted on Mai 7, 2012

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Sie lag in ihrem Zimmer in Magister Nabis Haus. Es war noch dunkel in ihrem Zimmer, aber die Dunkelheit währte nur einen kurzen Moment. Die Deckenlampe leuchtete auf, als jemand die Tür öffnete und Magister Nabi herein kam.
„Guten Morgen, Teese“, sagte sie fröhlich. „Zeit für Dich aufzustehen. Der frühe Vogel fängt die Fliege.“
Teese blinzelte geblendet in die unvermittelte Helligkeit des Zimmers. Das Licht war nur gedimmt, aber für ihre verschlafenen Augen war es als hätte sie direkt in die Sonne geschaut. Flaumschnabel im Bett ihr gegenüber schien das genauso zu empfinden, denn mit einem empörten Gegurre drehte sich das Formori-Mädchen zur Seite und zog sich die Bettdecke über ihren Eulenkopf.
Teese überlegte, ob sie Magister Nabi korrigieren sollte, und ihr sagen, dass der Spruch hieß: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Aber zum einen war sie zu müde und zum anderen würde die Magister ohnehin überrascht sein und darauf bestehen, dass ein Vogel keine Würmer ‚fangen‘ müsse, weil Würmer nicht sonderlich schnell waren – oder irgendetwas in der Art.
Daher gähnte Teese nur und murmelte, dass sie gleich aufstehen würde. Das genügte der Magister anscheinend, denn nicht weniger gut gelaunt, verschwand sie wieder aus dem Zimmer und schloss die Tür.
Teese setzte sich im Bett auf und rieb sich die Augen. An ihrem Fußende lag Fleck und streckte sich mit einem langgezogenen Gähnen.
‚Viel zu früh‘, kommentierte Teese.
‚Ja, aber leider hat sie Recht‘, erwiderte das Kaninchen. ‚Die Sonne geht bald auf und Ro sagte, dass wir aufbrechen, bevor es hell wird.‘
Teese gähnte und streckte sich in dem Versuch irgendwie wach zu werden. Sie hatte das Gefühl, eben erst ins Bett gegangen zu sein. Allerdings hatte Fleck wohl Recht und es war bereits Morgen. Magister Nabi war immerhin anscheinend von der Magisterversammlung zurück, welcher Teese eben noch in ihrem Schlaf beigewohnt hatte.
Das Mädchen schlug die Decke zurück und setzte sich auf die Bettkante. Im Bett ihr gegenüber war Flaumschnabel anscheinend schon wieder eingeschlafen. Das Formori-Mädchen war eine regelrechte Langschläferin und kam morgens immer schlecht aus den Federn. Dafür wälzte sie sich abends immer lange schlaflos im Bett herum.
Teese fragte sich, ob das jeweilige Tiertotem, das ein Formori besaß, auf ihn abfärbte. Flaumschnabels Totem war die Eule. Was, wenn sie außer dem Eulenkopf auch die Vorliebe für die Nacht mit ihrem Totem teilte? Teese wusste jedenfalls, dass Flaumschnabel in der Dunkelheit viel besser sehen konnte als sie oder einer der anderen.
Das hatten sie schon im letzten Jahr herausgefunden, als sie alle abends im Garten gesessen hatten und Flaumschnabel sie aufgeregt auf eine Gruppe seltsamer Fische hatte aufmerksam machen wollen, die außer ihr aber keiner sehen konnte.
Flaumschnabel hatte das sehr verwundert. Die Fische seien alle sehr groß, bestimmt fünf oder sechs Meter, und jeder habe zwei leuchtende Tentakel vorne am Kopf, einen der rot leuchtete und einen der blau leuchten würde.
Rinnir hatte seinen Unglauben darüber geäußert und war in sein Zimmer gelaufen, um ein Fernglas zu holen. Damit hatten er und Seth in der Dämmerung des Abends allerdings auch nicht mehr sehen können als rot und blau leuchtende Flecken weit entfernt auf dem Wasser.
Als Teese durch das Fernglas geschaut hatte, hatte Flaumschnabel gesagt, die Fische seien eben wieder untergetaucht. Allerdings vermutete sie stark, dass sie selbst ebenfalls nichts anderes als dieses Leuchten gesehen hätte, was irgendwie schade war.
Liina hatte sich später die Mühe gemacht und die Fische in der Enzyklopädie der Fabeltiere nachgeschlagen und war auch fündig geworden. Sie hießen Bermuda-Drachenfische und sahen ziemlich unheimlich aus. Teese war von dem Bild sehr beeindruckt gewesen. Flaumschnabel hatte sie sich also nicht ausgedacht, sondern konnte wirklich sehr gut sehen.
Teese gab sich einen Ruck und stand auf. Sie griff sich ihren Kulturbeutel und tapste verschlafen in den Flur. Während sie die Räume wechselte, verlosch das Licht in ihrem Zimmer und das im Flur ging an. Wäre Teese in der alten Welt, hätte sie vermutet, dass es hier einen dieser modernen Bewegungssensoren gab. Auf Weltenei lag die Vermutung allerdings näher, dass es sich um magische Lampen handelte. Immerhin gab es hier keinen Strom.
Auch im Badezimmer flackerte das Licht auf, als Teese eintrat und so machte sich das Mädchen daran, sich zu waschen, Zähne zu putzen und die Haare zu bürsten. Während sie die Haare zu einem Pferdeschwanz band, gähnte sie ihr Spiegelbild an. Am liebsten wäre sie direkt wieder ins Bett gegangen. Sollte Ro doch alleine nach Schastel Awrosch gehen.
Teese hatte keine Lust, mit Ro zu reisen. Sie hatte keine Lust, ohne ihre Freunde unterwegs zu sein. Und sie hatte keine Lust, unterwegs irgendwelchen Schergen des Grafen von Argentanien zu begegnen.
Ohne allzu viel Elan ging Teese zurück in ihr Zimmer und machte ihr Bett, in dem sie für viele Nächte nicht mehr schlafen würde. Sie fragte sich, wo sie wohl heute Abend übernachten würde. Ihr Reisebündel enthielt keinen Schlafsack oder eine Decke. Das ließ sie hoffen, dass sie in einem Bett schlafen würde. Aber sicher war sich Teese da nicht.
‚Du bist Sympathie-Magierin‘, erinnerte Fleck sie. ‚Du kannst Dir selbst aus alten Blättern ein gemütliches Bett machen, wenn Du sie aufschüttelst wie eine Bettdecke.‘
‚Ja, schon‘, gab Teese wenig motiviert zu.
Sie mochte die Natur ja. Und draußen zu schlafen war zu Hause immer lustig gewesen. Im Sommer hatten sie, als es sehr heiß gewesen war, einmal ein paar Nächte auf dem Balkon geschlafen und im Garten in dem Zelt, das ihre Schwester zum vierten Geburtstag geschenkt bekommen hatte.
Aber dort hatte es weder irgendwelche finsteren Gestalten gegeben, die Kinder entführen wollten noch gefährliche Tiere. Und die erwartete Teese hier durchaus. Es gab immerhin nicht nur Drachen in der neuen Welt.
‚Bestimmt wird es eine lustige Reise‘, versuchte Fleck sie aufzumuntern.
Teese sah auf ihr Kaninchen hinunter, das auf dem Boden saß und sich mit dem rechten Fuß hinter dem Ohr kratzte.
‚Bestimmt‘, murmelte sie in Gedanken und wenig überzeugt.

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