Aufbruch ins Unbekannte (5/18)

Posted on Mai 4, 2012

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„Auf alle Fälle heißt er definitiv Rinnir, oder?“, hakte Magister Elgin nach und Teese hatte wieder das seltsame Gefühl, dass es nicht nur seine sondern auch ihre Worte waren. „Das spricht doch auch dagegen, dass es zwei verschiedene Jungen sind. Jeder Magier hat einen eigenen Namen. Nie heißen zwei Magier gleich. Nicht einmal in den hunderten Jahren, die es die neue Welt schon gibt, ist dieser Fall eingetreten.“
„Vielleicht heißt er Rinnir“, sagte Magister Nabi. „Rinnir rückwärts.“
Magister Felyth kniff die Augen zusammen, so dass sie noch schmaler waren als ohnehin bei ihm schon der Fall. „Ein Anagramm?“
„Von vorne wie von hinten gleich zu lesen“, sagte Magister Nabi.
Teese hielt inne. Das stimmte. Rinnir hieß, wenn man den Namen rückwärts las, immer noch Rinnir.
„Ich weiß, was ein Anagramm ist“, brauste Magister Felyth auf. „Mein Talent ist Schriftmagie.“
Dekan Ezzo hob beschwichtigend die Arme. „Wir müssen auf alle Fälle festhalten, dass vieles dafür spricht, dass die Jungen ihre Plätze getauscht haben. Wir müssen aber auch festhalten, dass vieles dagegen spricht.“
„Die Frage bleibt somit, was wir in diesem Fall unternehmen sollen“, fasste Magister Pim zusammen.
„Ich werde Deinen Bruder beauftragen, mit dem anderen Jungen in der alten Welt zu sprechen und zu sehen, ob er etwas in Erfahrung bringen kann“, sagte der Dekan. „Und ich bin außerdem dafür, dass wir Student Rinnir in der neuen Welt vorsichtshalber eine leere Aura-Kugel geben sollten, die er befüllen kann. Ich schließe mich Magister Algeas Beobachtung nämlich an, dass dieser Junge ein Talent besitzt – definitiv.“
„Was“, machte Magister Jerv einen erneuten Einwurf, „werden wir tun, wenn sich herausstellt, dass es tatsächlich sein Bruder ist, der nach Weltenei gekommen ist?“
„Wenn er tatsächlich ein Talent besitzt“, Magister Felyth klang noch immer nicht sehr überzeugt, „wäre es eine Verschwendung, wenn er es nicht entwickeln und schließlich in einem Seelentier festigen würde.“
Eine ganze Reihe Magister nickte zustimmend.
„Das heißt, dass wir in diesem Fall weder die Eltern noch die Leitung dieses anderen Internats unterrichten?“, wollte Magister Jerv wissen. Anscheinend gefiel ihr der Gedanke nicht sonderlich.
„Rinnir wollte nicht nach Weltenei zurückkehren“, sagte Magister Nabi. „Aber diesem Rinnir scheint es hier zu gefallen. Wenn der eine nicht zurückkommt, dann vielleicht der andere. Und wenn der andere zurückkommt, kommt der eine vielleicht doch auch wieder.“
„Ich denke, die Eltern waren sehr entschieden, als es darum ging, die Kinder zu trennen“, sagte Magister Pim.
Er war genauso wie Magister Elgin bei den Gesprächen mit den Eltern dabei gewesen. So wie es auch bei Teese der Fall gewesen war.
„Es wären aber nicht die ersten Eltern, die sich umstimmen ließen“, sagte der Dekan. „Aber sicherlich nicht, wenn sie herausfinden, dass die Jungen auf solchen Unfug kommen, wie ihre Rollen zu tauschen.“
„Ich wäre dafür, das zur Abstimmung zu stellen“, sagte Magister Jerv.
Der Dekan machte eine einladend wirkende Geste. „Dann sollten wir dies tun.“
Vermutlich war er sich sicher, dass die meisten Magister dafür stimmen würden, erst einmal abzuwarten, niemanden über ihren Verdacht zu unterrichten – auch nicht, wenn sich ihre Vermutung bestätigen würde – und vielleicht beide Jungen für Weltenei zu gewinnen.
„Wenn es sonst keine Fragen mehr gibt, würde ich vorschlagen, wir wenden uns nun der Abstimmung zu“, beendete Dekan Ezzo das Thema.
Und das war das Stichwort für Elgin. ‚Jetzt solltest Du gehen, Teese‘, sagte er zu dem schlafenden Mädchen. ‚Die Abstimmung läuft über Gedankenrede. Man würde Dich bemerken.‘
‚Okay‘, erwiderte Teese unsicher, ob sie es wirklich schaffen würde, von alleine einfach aufzuwachen.
‚Keine Sorge, Rojo gibt Dir sicher gerne einen Schubs‘, sagte ihr Tutor. ‚Ich wünsche Dir viel Spaß auf Deiner Reise mit Ro und‘ – Teese konnte den zögerlichen Zusatz mehr spüren als dass sie ihn hörte – ‚sei vorsichtig. Ich werde sehr weit von Dir entfernt sein.‘
Auch Magister Elgin würde morgen zu einer Reise aufbrechen. Zu einer Reise in die alte Welt, um nach neuen Studenten für Weltenei zu suchen, nach Kindern mit magischem Potential. So wie er es im letzten Jahr getan hatte, als er Teese gefunden hatte.
Teese wusste nicht genau, wohin er fahren würde, aber er würde sich sehr weit von Weltenei entfernen und somit dem einzigen Ort, an welchem man zwischen der alten und der neuen Welt wechseln konnte. Würde sie in Gefahr geraten, würde er ihr mit Sicherheit nicht helfen können.
Teese verdrängte den Gedanken. ‚Viel Spaß in der alten Welt und viel Erfolg.‘
‚Danke, den Spaß werde ich tatsächlich haben.‘ Man konnte das Lächeln in den Worten hören und Teese verstand, dass Elgin gerne in die alte Welt zurückkam und sah, was sich alles verändert hatte, was besser geworden war und was einfach nur anders. Er würde sich neue Kassetten kaufen, Walkman hören und in Hotelzimmern fernsehen.
Ihr war unvermittelt auch bewusst, dass Magister Pim, der ihn begleiten würde, die Reise nicht im Geringsten genießen würde und sich von allem neumodischen Unfug, wie er ihn nannte, fernhalten würde. Er würde vermutlich nicht mehr oft in die alte Welt zurückkehren.
Irgendwann würde Elgin alleine fahren, so wie es eigentlich die Aufgabe eines Quäsitors war. Sie arbeiteten immer alleine. Magister Elgin wurde allerdings noch in diese Aufgabe eingewiesen. Teese war eine seiner ersten Entdeckungen gewesen.
‚Genug Smalltalk‘, mischte sich die Stimme von Elgins Seelentier ein. ‚Mach Dich bereit, Teese. Und hopp…‘
Teese spürte, wie man sie sanft aber bestimmt schob und schlug im nächsten Moment die Augen auf.

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