Aufbruch ins Unbekannte (4/18)

Posted on April 30, 2012

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Die meisten Magister sahen etwas ratlos in die Runde. Doch Magister Nabi nickte zustimmend.
„Er hat sein Talent offenbart“, sagte sie auf die unausgesprochene Frage des Plenums.
„Student Rinnir?“ Magister Felyth schnaubte belustigt. „Er ist ein Talentloser. Welches Talent soll er bitte schön offenbart haben?“
„Ein Musikmagisches“, sagte Magister Algea. „Er hat weit über eine Stunde einen gesungenen Haltezauber auf acht erwachsene Personen ausgeübt. Das überschreitet die Fähigkeiten eines jeden Universalminimalisten – zumal eines mit einer weißen Schärpe, der gerade einmal ein halbes Jahr auf Weltenei unterrichtet wurde.“
„Soll das heißen, wir haben im letzten Jahr ein Talent übersehen?“, mischte sich Magister Jerv ein. Die Schwimmlehrerin klang ungläubig. „Wie soll das möglich sein?“
„Der Junge, der die Quelle der Welten betreten und sein Seelentier geformt hat, ist eindeutig ein Universalminimalist gewesen“, sagte Dekan Ezzo. „Die Frage ist aber, ob derselbe Junge auch wieder nach Weltenei gekommen ist.“
Die Worte sorgten für Unruhe im Plenum.
„Er sieht für mich aus wie derselbe Junge“, wagte Magister Jerv dann einen vorsichtigen Einwand.
„Aber er fühlt sich nicht so an“, hielt Magister Tyra dagegen.
Als Tiermagierin hatte sie wohl auch bereits das gespürt, was Flaumschnabel und Seth bemerkt hatten.
„Er hat einen Zwillingsbruder“, klärte Dekan Ezzo die Magister im Raum auf. „Sie sind beide magisch begabt, aber die Eltern haben darauf bestanden, dass die Jungen auf unterschiedliche Schulen gehen sollen.“
„Das heißt dieser hier ist, der andere?“, wollte Magister Jerv wissen. Sie zögerte. „Nun gut, auf der Liste für die Anreise stand Gabriel Cunningham.“ Man konnte förmlich sehen, wie sie nachdachte. „Aber der Junge, den ich im Bahnhof in Empfang genommen habe, hieß Daniel. Ich dachte, es sei ein Fehler auf der Liste…“
Ihre Worte liefen ins Leere, während die versammelten Magister vielsagende Blicke wechselten.
„Wie sicher bist Du Dir da?“, wollte Magister Tyra schließlich wissen.
„Dass der Name auf der Liste Gabriel war?“
„Nein, dass der Junge Daniel heißt.“
Magister Jerv nickte. „Er heißt Daniel.“
„Der Junge, der für Weltenei angemeldet wurde und im letzten Jahr hier war, ist Gabriel gewesen.“ Dekan Ezzo machte eine vielsagende Geste. „Die Jungen müssen ihre Plätze getauscht haben.“
„Ein doppeltes Lottchen“, stellte Magister Pim trocken fest.
Irritierte Blicke streiften ihn kurz.
„Ein… Kinderbuch“, beeilte er sich zu sagen. „Über getrennt lebende Zwillinge, welche ihre Rollen für eine Weile tauschen…“
„Aber so einfach ist das nicht“, ging Magister Felyth energisch dazwischen. „Wenn diese zwei Jungen ihre Plätze getauscht haben, warum ist er dann mit dem Seelentier seines Bruders verbunden. Es ist doch offenkundig sein Seelentier.“
Magister Algea und Magister Nabi nickten beinahe synchron.
„Und er kann dem Unterricht folgen, kennt die Namen aller Magister und der Schüler aus dem letzten Jahr“, fuhr der goldhaarige Asiat fort. „Wenn er dieser Daniel ist, dann muss er bei der Überfahrt alles über sein bisheriges Leben vergessen haben. Nur so hätte er überhaupt ein Talent finden können. Aber dann hätten wir es sicher bemerkt. Das ist alles reichlich“ – Er suchte nach dem passenden Wort – „ungereimt.“
Dekan Ezzo nickte und sein Blick lag nachdenklich auf der Runde der versammelten Magister. So als würde er erwarten, dass einer von ihnen etwas einbringen könnte, was das Rätsel auflösen würde.
Teese wurde bewusst, dass sie zu dem Thema durchaus etwas hätte beitragen können, wäre sie in diesem Moment wirklich hier – vor allem zu Rinnirs Namen. Denn sie wusste, dass im letzten Jahr Daniel und nicht Gabriel hier gewesen war. Da irrte sich Dekan Ezzo eindeutig.
Sie hatte doch das Foto von ihm und seinen Eltern gesehen und darauf hatte eindeutig ‚Daniel‘ gestanden. Rinnir hatte gesagt, es sei ein Bild von ihm selbst, oder?
Wobei er da nicht einmal mehr gewusst hatte, dass er einen Bruder hatte. Was, wenn das Bild nicht ihn gezeigt hatte, sondern seinen Bruder?
Teese dachte kurz nach. Ja, genau so musste es sein. Das Bild war ein Foto von seinen Eltern und seinem Bruder gewesen. Ein Erinnerungsfoto, so wie das, das sie von ihren Eltern, ihrer Schwester und sich selbst gemacht hatten, bevor sie nach Weltenei gefahren war.
Sie hatte auf das Bild nichts geschrieben. Aber hätte sie es getan, hätte sie geschrieben: Mama, Papa, Nadine und ich. Und sicher nicht: Mama, Papa, Nadine und Sophie. Und auf Rinnirs Bild hatte gestanden: Mama, Papa und Daniel. Und nicht: Mama, Papa und ich.
Daniel war Rinnirs Bruder, der nicht nach Weltenei gefahren war. Teese hatte geglaubt Rinnir sei Daniel. Und daher hatte sie sich gar nicht gewundert, als sie am Bahnhof Rinnir Daniel genannt hatte. Sie hatte gedacht, Daniel sei derselbe Junge gewesen, den sie im letzten Jahr kennengelernt hatte.
Magister Jerv hatte vollkommen Recht. Daniel war jetzt nach Weltenei gekommen. Und im Jahr zuvor war es Gabriel gewesen. Sie sahen sich so ähnlich. Nur die Frisur war eine andere und das Verhalten auch. Rinnir, der Rinnir, der jetzt hier war, war viel ordentlicher und nicht so aufmüpfig. Aber trotzdem mussten sie sich zum Verwechseln ähneln.

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