Aufbruch ins Unbekannte (3/18)

Posted on April 27, 2012

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Roben raschelten ungeduldig, als sich Dekan Ezzo dem näherte, was jeder der anwesenden Magister genauso brennend interessierte wie Teese: Warum hatten diese Männer sich als Magier ausgegeben und Rinnir zu entführen versucht?
„Bei allen acht der aufgegriffenen Männer handelt es sich um uns bereits bekannte Nichtmagier.“ Dekan Ezzos sah ernst in die versammelte Runde. „Alle sind Nichtmagier in erster Generation. Ein Elternteil von ihnen stammt aus unseren Kreisen.“
Jetzt machte sich leichte Unruhe im Atrium breit. Teese fragte sich, wieviele der Anwesenden Kinder hatten. Sie wusste inzwischen, dass nur von Dekan Ezzo und Magister Jerv Kinder auf Weltenei lebten. Aber sowohl Marisan und Schirniel als auch die kleine Cormela waren zu jung, als dass sie mit den Worten des Dekans gemeint sein konnten.
Die Rede musste von älteren Kindern sein. Kindern, die bereits selbst Erwachsene waren und schon lange nicht mehr auf Weltenei lebten. Wer von den Magistern hier hatte wohl solch alte Kinder? Viele der Magier waren deutlich älter als es den Anschein hatte. Einige hatten sicher bereits Ur-Urenkel.
Doch wer immer auch im ersten Moment befürchtet hatte, sein Nachwuchs hätte unter den verkleideten Nichtmagiern sein können, konnte gleich erleichtert aufatmen, als Dekan Ezzo weiter sprach.
„Die betroffenen Magier sind von mir bereits darüber unterrichtet worden und werden morgen im Verlauf des Tages auf Weltenei eintreffen, um vielleicht im Gespräch mit ihren Kindern noch Dinge in Erfahrung zu bringen, die sie uns bisher verschwiegen haben.“
Das hieß, dass die Magier, deren erwachsene Kinder von Rehan aufgegriffen worden waren, nicht auf Weltenei lebten. Vermutlich stammten sie aus Schastel Awrosch – was Teese allerdings wenig beruhigte. Immerhin war genau dieser Ort das Ziel ihrer Reise, zu welcher sie morgen früh aufbrechen würde.
„Alles, was wir bisher in Erfahrung gebracht haben“, sprach Dekan Ezzo weiter, „ist, dass die aufgegriffenen Nichtmagier von einer Person, welche sie als Meister bezeichnen, beauftragt worden sind, Student Rinnir zu ihm nach Schastel Awrosch zu bringen. Er hat ihnen in Aussicht gestellt, dass sie mit seiner Hilfe lernen könnten, Magie zu wirken.“
Teese oder genauer gesagt Magister Elgin runzelte ungläubig die Stirn. Magie konnte nur von Magiern ausgeführt werden. Normale Menschen waren dazu nicht in der Lage und allen hier Versammelten war das genauso klar wie Teese und Magister Elgin.
Magister Algea prustet überrascht, während Magister Pim, der zu Elgins Rechten saß, den Kopf schüttelte.
„Albern“, hörte Teese ihn brummen.
„Und dieser Meister“, warf Magister Felyth Elgin gegenüber ein. „Wissen wir von ihm noch mehr außer, dass er aus Schastel Awrosch stimmt? Was ist mit einem Namen?“
Der goldhaarige Asiat wirkte deutlich ungehalten. Ihn schien der gesamte Vorfall in erster Linie zu ärgern.
Dekan Ezzo musste diese Frage verneinen. „Wir haben noch nicht einmal ein Gedankenbild von seiner äußeren Erscheinung“, sagte er. „Alle Befragten haben ihren Geist weitestgehend verschlossen gehalten.“
„Das heißt wenn ihre Eltern mit gutem Zureden keine weiteren Informationen erhalten, haben wir keine legalen Möglichkeiten, mehr zu erfahren“, stellte Magister Felyth fest.
„Ja, und wir werden keine illegalen Möglichkeiten nutzen“, sagte Dekan Ezzo steif, als hätte Magister Felyth etwas Derartiges von ihm gefordert.
„Dann können wir im Grunde nichts weiter tun.“ Magister Felyth wirkte sehr ungehalten.
„Werden wir diese Männer in Gewahrsam behalten?“, wollte Magister Tyra wissen.
Die Tiermagierin saß neben Magister Nabi und hatte anders als diese die beginnende Diskussion aufmerksam verfolgt.
„Das würde uns sicherlich als Schwäche interpretiert werden“, warf Magister Felyth eilig dazwischen.
„Man sollte sie gehen lassen und ihre Schritte überwachen“, schlug Magister Pim vor. „Vielleicht führen sie uns direkt zu diesem Meister.“
„Das ist einer der Punkte, über welchen wir abstimmen sollten“, sagte Dekan Ezzo.
Magister Felyth schürzte unwillig seine Lippen.
„Was ist mit der Studienreise von Dekananwärterin Teese“, mischte sich Teese ein.
Sie schauderte kurz, als ihr bewusst wurde, dass die Worte natürlich Magister Elgin gesprochen hatte.
„Soll sie dennoch stattfinden wie geplant?“, fügte Elgin hinzu. „Wenn dieser Meister sich in Schastel Awrosch aufhält…“
„Sie reist inkognito“, sagte Dekan Ezzo. „Ich sehe kein größeres Risiko als die gewöhnlichen Gefahren auf einer solchen Reise.“
„Die Reise wegen einer solchen Sache aufzuschieben kommt nicht in Frage.“ Magister Nabi hatte die Worte gesprochen, sah dabei kurz entschieden in die Runde und lenkte ihren Blick dann wieder gedankenverloren gegen den Sternenhimmel über dem Atrium
„Dekananwärterin Teese hat sowohl Ro als auch ihren Drachen zu ihrem Schutz an ihrer Seite“, sagte Dekan Ezzo nach einem kurzen indignierten Moment des Schweigens. Magister Nabis klang so als sei es ihre Entscheidung, ob Teese gehen dürfe oder nicht und nicht die des Dekans. Teese fiel wieder einmal auf, wie selbstsicher sie manchmal auftreten konnte. So als wäre sie diejenige, welche man fragen müsse und nicht der Dekan.
„Sie kann aber nicht einmal einen der Magister in Gedankenrede erreichen, falls sie doch Hilfe benötigt“, hielt Elgin dagegen.
Dekan Ezzo nickte. „Das ist richtig. Daher habe ich überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre, dass ich mich ihr morgen früh vor der Abreise offenbare.“
„Das ist ein Privileg für Magister“, wandte Magister Felyth entrüstet ein.
„Ach, das bekommt sie problemlos hin“, schaltete sich Magister Nabi kurz ein, ohne dieses Mal den Blick von den Sternen zu nehmen.
„Es geht nicht darum, ob sie dazu in der Lage ist“, ereiferte sich Liinas Tutor. „Die Frage ist, ob ihr diese Ehre bereits zuteil werden darf.“
„Es wäre eine einfache Möglichkeit, jederzeit mit ihr in Kontakt zu treten“, sagte Magister Tyra. Sie machte in Magister Felyths Richtung eine fast entschuldigende Geste. „Rein praktisch betrachtet.“
„Auch darüber werden wir gleich abstimmen“, unterband Dekan Ezzo eine weitere Diskussion. „Vorher gibt es aber noch einen weiteren Punkt, den wir erörtern müssen. Und zwar geht es um Student Rinnir.“

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