Aufbruch ins Unbekannte (2/18)

Posted on April 23, 2012

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Stimmengemurmel füllte das Atrium. Es waren die gesenkten Stimmen der Magister, die einberufen waren und untereinander die wenigen Informationen austauschten, welche sie bereits hatten. Das Gemurmel passte zu dem gedimmten Licht, welches den Umlauf des Atriums erhellte.
In Abständen hingen Laternen von der Decke des schmalen Daches und leuchteten den Gang aus, in welchem die Magister auf dem steinernen Sims saßen, der aus der Wand ragte. In der Mitte des Atriums stand Wasser in einem großen Becken und spiegelte den Nachthimmel. Das Bodenmosaik aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert, welches der namenlose Dekan hatte fertigen lassen, war kaum zu erkennen.
Teese musste es allerdings auch nicht sehen, um sich jedes Detail des Bildes in Erinnerung zu rufen. Sie hatte es inzwischen sehr oft betrachtet. Das Mosaik zeigte in sanften Ockertönen das Bild eines Engels, der auf einer Erdkugel stand. Die Kugel wurde umwunden von einem Drachen. Der Engel hielt seine beiden Schwerter in den Himmel gereckt. Das Bild war nach dem Fall des Verdammten nicht zerstört worden. Es war vielmehr als Mahnmal bestehen geblieben.
Wer anfing sich für etwas Besseres zu halten als einen Menschen, dem Gott ein außergewöhnliches Talent gegeben hatte, wer den Gedanken hegte, er sei den Engeln vergleichbar, der war größenwahnsinnig und keiner mehr von ihnen. Jeden, der sich selbst über die anderen zu erheben versuchte, würde der Magisterrat zu Fall bringen. So wie den namenlosen Dekan vor mehr als hundert Jahren.
Teese wandte ihren Blick zur Linken, wo Dekan Ezzo stand, die Tür zu seinem Büro in seinem Rücken, das Wasserbecken vor sich, so dass ihn die versammelten Magister allesamt sehen konnten. Er wirkte äußerlich ruhig, wie so oft und doch war Teese sich im Klaren, dass er im Moment alles andere als ruhig sein musste.
Aus den Machenschaften der Nichtmagier war eine Angelegenheit der Magier geworden. Die Schergen des Grafen Tithamiens gaben sich für Magier aus, so wie man es ihnen bereits berichtet hatte. Und sie hatten versucht, einen ihrer Studenten zu entführen. Das wusste Teese, so wie alle anderen im Raum. Nur wusste noch keiner von ihnen im Moment, warum.
Teese sah zur Seite, wo neben ihr Magister Algea saß. Sie wirkte anders als der Dekan sehr unruhig und zupfte regelmäßig an ihrem kurzen Zopf, der fast etwas Mädchenhaftes an sich hatte. Und Teese an Teese erinnerte.
Das Mädchen stockte.
Moment…
Irgendetwas stimmte hier nicht.
Teese, das war sie selbst.
Musste sie der Zopf nicht an sie selbst erinnern?
Warum dachte sie von sich in der dritten Person?
Warum erinnerte sie der Zopf an Teese? Teese, das war sie doch selbst, oder etwa nicht?
‚Elgin?‘, drang die Stimme von Magister Elgins rotem Drachen in ihre Gedanken.
‚Ja, ich weiß. Sie träumt.‘
Teese erschrak. Sie träumte. Sie träumte und sie war wieder in Magister Elgins Gedanken geraten, weil sie miteinander verbunden waren. Er saß hier im Atrium, in dem der Magisterrat tagte. Sie lag zu Hause in ihrem Bett und schlief. Er hatte Magister Algeas Zopf betrachtet und er hatte ihn an sie erinnert.
Teese versuchte hektisch, aus ihrem Traum aufzuwachen, aber irgendetwas hielt sie fest.
‚Nicht‘, sagte Magister Elgins Stimme. ‚Es ist in Ordnung. Sieh einfach nur zu.‘
Teese verharrte einen Moment und versuchte die Balance zu halten zwischen ihrem Wissen, das sie träumte und dem Gefühl, dass sie in diesem Augenblick auf der kalten Steinbank im Atrium des Dekanats saß, eine blaue Schärpe und eine grüne Robe trug und Magister Elgin war.
„Es tut mir leid, wenn ich einige von Euch aus dem Bett holen musste“, eröffnete Dekan Ezzo in diesem Moment die Runde. „Aber die Ereignisse des Abends haben eine sofortige Zusammenkunft nötig gemacht.“
Die Worte erschienen Teese überflüssig. Niemand schien ungerne hergekommen zu sein. Alle brannten offenkundig darauf, zu erfahren, was es an Neuigkeiten gab, auch wenn die ersten Gerüchte bereits die Runde gemacht hatten und die Magister wussten, worum es heute Abend gehen würde.
„Gestern Abend ist Student Rinnir, Träger der weißen Schärpe, von Erledigungen in Thorhafen nicht zurückgekehrt“, berichtete der Dekan dem Magisterrat das, was Teese und Elgin beide bereits wussten.
„Lizentiat Rehan ist daraufhin mit Dekananwärterin Teese und ihrem Drachen als erster aufgebrochen, um in Thorhafen nach dem Studenten zu suchen und fand ihn in einer Gasse umstellt von Nichtmagiern, welche schwarze Roben trugen, die den unseren in den Augen von Nichtmagiern zum Verwechseln ähneln müssen.“
Die Stille im Atrium verriet Teese, dass die versammelten Magister so viel inzwischen wohl auch bereits gehört hatten. Niemand schnappte entsetzt oder überrascht nach Luft. Die einzige Reaktion waren verbissene und ernste Gesichter.
Nur Magister Nabi schlug beinahe unbeteiligt die Beine übereinander und schaute in den Sternenhimmel über dem Atrium. Vielleicht hörte sie nicht einmal zu. Teese würde es nicht wundern, wenn sie die ganze Sache nicht weiter beschäftigte.
„Student Rinnir konnte durch einen gesungenen Haltezauber die Nichtmagier von sich fern halten, bis Lizentiat Rehan und seine Tutorin, Magister Algea, eintrafen“, fuhr der Dekan fort. „Seiner ersten Aussage zu Folge haben die Männer, welche sich als Magier ausgegeben haben, ihn zuerst versucht zu überreden und danach zu zwingen, mit ihnen zu kommen.“
Auch dies wurde mit Schweigen von Seiten der Magister zur Kenntnis genommen. Vermutlich hatte auch dies bereits die Runde unter ihnen gemacht.
„Als Student Rinnir seinen Haltezauber beendete, flohen die falschen Magier Hals über Kopf. Lizentiat Rehan konnte drei von ihnen noch vor Ort in Gewahrsam nehmen. Zusammen mit Magister Pim konnte er fünf weitere in Thorhafen aufspüren und nach Weltenei überführen, wo sie bereits verhört wurden.“

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