Aufbruch ins Unbekannte (1/18)

Posted on April 20, 2012

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Gabriel konnte nicht schlafen. Es war bereits Nachtruhe für seine Altersstufe und seine Schulkameraden lagen in ihren Betten und träumten bereits mehr oder weniger süß. Ab und an konnte Gabriel hören, wenn Bettfedern quietschten und Decken raschelten, wenn sich einer der anderen Jungen im Bett umdrehte.
Im Raum war es stockdunkel, da die Internatsleitung der Meinung war, nur in vollkommen abgedunkelten Räumen würden die Jungen nachts auch wirklich schlafen und nicht irgendwelchen Unsinn treiben. Dennoch lag Gabriel wach und starrte in die Dunkelheit.
Er fühlte sich unruhig, ohne dass es dafür einen erkennbaren Grund gab. Irgendetwas war nicht in Ordnung, das spürte er. Allerdings konnte er nicht sagen, was es war. Aber er hatte einen bestimmten Verdacht.
Seit er denken konnte, hatte er gespürt, wenn mit Daniel etwas nicht in Ordnung gewesen war. Er hatte solch eine Unruhe verspürt, als Daniel in der Musikschule von zwei älteren Schülern verprügelt worden war, während er selbst zu Hause geblieben war. Und er hatte eine solche Unruhe verspürt als sich Daniel im Einkaufszentrum den Arm gebrochen hatte, während er mit ihrem Vater im Lebensmittelladen gewesen war und Gabriel mit seiner Mutter zum Friseur hatte gehen müssen.
Sie waren nicht nur Brüder. Sie waren in Gabriels Vorstellung eine Person in zweifacher Ausführung. Schon alleine deswegen durfte man sie niemals trennen. Und wenn man es doch tat, blieben sie dennoch verbunden. Sie merkten, wenn mit dem anderen etwas nicht stimmte und das tat es jetzt.
In der Dunkelheit ging Gabriel seine Möglichkeiten durch. Aber im Grunde gab es nichts, was er tun konnte, außer zu warten. Er war hier in England und sein Bruder in Frankreich – mehr oder weniger. Das Internat hier besaß ein Telefon. Dort, wo sein Bruder war, gab es keins.
Er überlegte, ob er es wagen sollte, den Direktor anzurufen. Doktor Hoffmann. Er kannte ihn von jenem Gespräch, bei dem Daniel und er mit ihren Eltern vorstellig geworden waren und man ihnen das französische Internat angepriesen hatte. Sicher war es Doktor Hoffmann möglich, schneller Kontakt nach Weltenei herzustellen als allen anderen. Vielleicht nicht mit Magie, aber sicher hatten sie doch irgendein System entwickelt, um die Magier schnell zu erreichen, wenn es sein musste – oder?
Allerdings sicher war sich Gabriel da nicht. Und wenn er mit dem Direktor sprechen würde, würde er riskieren, dass sie auffliegen würden. Und das war etwas, das Gabriel nicht riskieren wollte. Er würde ohne Frage ihre Eltern informieren und ihre Eltern wären aufgebracht und würden sich wieder irgendetwas ausdenken, um ihn und Daniel endgültig auseinander zu treiben. Als ob sie das könnten…
Gabriel richtete sich im Liegen auf, als Licht in den Raum fiel. Einen Moment befürchtete er, einer der Lehrer würde kommen, um ihn zu holen. Um ihm zu sagen, dass sein Bruder einen Unfall gehabt hätte. Doch niemand kam herein. Jemand verließ das Zimmer, schlüpfte still und heimlich in den Aufenthaltsraum, in dem noch Licht brannte und schloss wieder die Tür.
Einen Moment war Gabriel von seiner Unruhe und der Besorgnis um seinen Bruder abgelenkt. An Schlafen war ohnehin nicht zu denken und so glitt er aus dem Bett und tastete sich in der wieder eingekehrten Finsternis in Richtung Tür.
Seine Hand fand die Klinke und drückte sie nieder. Das Licht im Aufenthaltsraum war nur gedimmt, aber dennoch war es für Gabriel im ersten Moment blendend grell. Er betrat den Raum und schloss die Tür in seinem Rücken still und leise.
Im Aufenthaltsraum waren noch einige ältere Jungen wach. Ein paar von ihnen saßen über ihre Hausaufgaben vertieft an einer Tischgruppe links von der Tür. Zwei ältere Jungen diskutierten angeregt über einen Artikel in einem Sportmagazin, das aufgeschlagen vor ihnen lag.
Keiner von ihnen schenkte Gabriel mehr als einen kurzen Blick. Zuständig für Jungen wie er, die sich nicht an die Nachtruhe hielten, war die Aufsicht, ein älterer Junge, den eine blaue Schärpe als den Verantwortlichen im Raum kennzeichnete.
Eine blaue Schärpe. Ausgerechnet. Gabriel fragte sich, ob die Magier auf Weltenei wussten, was ihre blaue Schärpe hier bedeutete. Allerdings dürfte ihnen das herzlich egal sein. Der Junge, der sie trug, hingegen wusste es auf alle Fälle und fand es vermutlich amüsant. Auf Weltenei würde er sie niemals tragen können.
Die Aufsicht an diesem Abend hatte Robert Ward, der Junge, der aus einem französischen Internat geflogen war, weil er irgendetwas angestellt hatte, was die anderen Jungen noch immer herauszufinden versuchten, vor allem jene, die es cool fanden, jemanden zu kennen, der aus einem Internat geworfen worden war. Paul Edward Parker mit seinen etwas zu langen Haaren und der etwas zu rötlichen Haarsträhne gehörte definitiv dazu und er war es auch, der sich vor Gabriel aus dem Schlafsaal der Zweitklässler geschlichen hatte.
Jetzt saß er bei Robert Ward, der seine Aufsichtspflicht nicht im Geringsten wahrnahm und auch Gabriel nur mit einem Grinsen zu sich winkte.
„Cunningham, nicht wahr?“, wollte er wissen. „Lust auf eine Partie Karten?“
Gabriel blieb neben den Sesseln stehen, auf welchen sich Ward und Parker niedergelassen hatten. „Nein, nicht wirklich.“
„Spießer“, grinste der Paul.
Er war vermutlich nur wegen der Aussicht auf eine Runde Kartenspiel aus dem Schlafsaal geschlichen – und weil es verboten war.
„Geh‘ und frag Connor oder Michaels ob sie Lust haben“, wandte sich Ward an Paul, der daraufhin eilfertig aufsprang und zu den Jungen an den Arbeitstischen ging.
„Rinnir, oder?“, erkundigte sich Robert Ward beinahe nebensächlich, als Gabriels Klassenrebell außer Hörweite war.
„Was?“ Gabriel schaffte es nur knapp aus seinem Schrecken eine reine Irritation zu machen.
„Dein Name“, sagte der ältere Junge. „Du bist Rinnir.“
Gabriel schüttelte den Kopf. „Ich heiße Daniel.“
„Aber wir haben uns auf Weltenei gesehen“, hielt Robert Ward dagegen. „Ich bin Faraas. Und das weißt Du.“
„Nein, ich habe keine Ahnung, wovon Du sprichst.“ Gabriel winkte energisch ab. Das hatte ihm noch gefehlt. Warum musste Timars Handlanger ausgerechnet auf dieses Internat kommen?
„Ich kann von Weltenei reden, meinen Namen benutzen und Deinen“, fuhr Faraas fort. „Wir sind unter uns. Wir sind beides Magier.“
„Ich bin kein Magier“, sagte Gabriel. „Das ist was für den Zirkus.“ Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. So ein Mist aber auch.
Faraas wirkte ein wenig irritiert und doch aus dem Konzept gebracht. „Das ist schwer zu glauben.“ Er hielt kurz inne. „Warte… Sie sagen, Du hättest einen Bruder.“
Gabriel nickte, während er fieberhaft überlegte. „Ja, er geht in Frankreich auf ein Internat.“
Faraas lachte. „Dann bist Du der andere.“
„Der andere?“
„Einer ist nicht gekommen. Ein Platz ist frei geblieben“, sagte er und grinste. „Ihr solltet beide auf dieses Internat gehen, oder?“
„Ja“, sagte Gabriel heiser. Das war die Wahrheit. „Aber unsere Eltern haben uns getrennt. Sie meinen, das sei besser für die Persönlichkeitsentwicklung.“
„Das ist zu komisch“, erwiderte Faraas. „Zwillinge. Praktisch dieselbe Person und doch nicht. Sicher seid ihr durch Euer magisches Talent verbunden und deswegen können wir überhaupt davon sprechen.“
„Ich verstehe nicht“, gab sich Gabriel Mühe seiner Rolle gerecht zu werden.
„Macht nichts“, sagte Faraas mit großzügiger Geste. „Vielleicht erkläre ich es Dir einmal. Das könnte nützlich sein.“
Gabriel zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, ich gehe wieder schlafen“, sagte er. „Ich verstehe kein Wort, von dem, was Du sagst.“ Er musste hier weg. Wobei, wenn Paul zurückkam, dann konnten sie ohnehin nicht weiter darüber sprechen.
„Ja, mach das.“ Faraas begann die Karten zu mischen. Sein Interesse an Gabriel schien urplötzlich erloschen.
Gabriel atmete erleichtert auf. Noch bevor Paul mit einem anderen Jungen zurück kam, trat er seinen Rückzug an. Erst da merkte er, dass seine Erleichterung vollkommen war. Nichts war mehr da von seiner vorhin noch gespürten Unruhe. Alles war still und friedlich in seinem Inneren. Alles war wieder gut.
Leise drückte Gabriel die Klinke zum Schlafsaal nieder und glitt zurück in die Finsternis. Was auch immer mit Daniel gewesen war, es war nun vorbei. Vielleicht hatten die Magier seine Verletzung geheilt oder es war etwas ganz anderes gewesen. Er würde morgen ein Telegramm schicken und auf eine Antwort warten müssen. Immerhin konnte er keine Gedankenrede nutzen. Das hätte er nicht einmal in der neuen Welt gekonnt.

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