Reisevorbereitungen (19/19)

Posted on April 16, 2012

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‚Teese. Teese, bist Du wieder da?‘
Teese atmete einmal tief durch. ‚Ja, alles ist wieder in Ordnung, Fleck – glaube ich jedenfalls.‘
Magister Algeas Seelentier drehte bei und flog zurück in die Richtung, aus welcher sie gekommen waren.
‚Das war ein Haltezauber‘, erklärte Fleck unterdessen. ‚Raptor hat ihn gespürt, als er Algea getroffen hat und Nanu hat entschieden, dass Rinnir sicher aufhört zu singen, wenn er Dich sieht. Denn dann weiß er, dass jemand aus Weltenei gekommen ist, um ihn zu retten.‘
‚Retten? Wovor?‘
Das Flügelpferd ging wieder zur Landung über und segelte auf Nanu zu, die noch immer auf dem Platz zwischen den großen dunklen Gebäuden stand und anscheinend geduldig wartete.
‚Vor den Nichtmagiern in Magierroben‘, erklärte Fleck.
Teese schnappte nach Luft. ‚Die Schwarzgekleideten‘, entfuhr es ihr gedanklich. ‚Das waren keine Magier.‘
‚Nein. Das müssen die Schergen des Grafen von Argentanien gewesen sein, von welchen Magister Meskas Sohn uns berichtet hat.‘
Teese schauderte. Nichtmagier, die sich als Magier ausgaben. ‚Aber was wollten sie von Rinnir?‘
‚Ich weiß nicht, aber ich denke, das werden wir gleich erfahren.‘
Das Flügelpferd landete neben Nanu und Teese schwang sich eilig von seinem Rücken, um sofort auf ihren Drachen zu klettern. Erst dort kam sie sich wieder halbwegs sicher vor.
Doch wirklich erleichtert war sie erst, als wenig später Magister Algea auftauchte mit Rinnir im Schlepptau. Der Junge war blass und wirkte auf Teese verstört.
Magister Algea hob Rinnir auf das Flügelpferd und kam dann zu Teese. Sie wirkte noch genauso aufgeregt wie vorhin, auch wenn sie Rinnir inzwischen gefunden hatte.
„Danke, Teese“, sagte sie.
„Wofür?“, wollte Teese irritiert wissen. „Das war alleine Nanus Idee und die von Raptor.“
Magister Algea versuchte ein Lächeln. „Ja, ich weiß. Aber dennoch…“
Teese zuckte etwas ratlos mit den Schultern. Sie hatte in ihren Augen nichts getan. Überhaupt nichts. Ihr Drache und das Seelentier hatten sie dafür benutzt, Rinnir seinen Zauber brechen zu lassen. Sie hatte nichts geleistet, außer mitzumachen – allerdings ohne dass sie eine Möglichkeit gehabt hätte, es nicht zu tun.
„Geht es Rinnir gut?“, wollte Teese wissen, bevor Magister Algea sich zum Gehen wenden konnte.
Magister Algea musste lachen. „Du bist schon jetzt eine kleine Dekanin, weißt Du das?“
Teese blinzelte verwirrt. „Nein“, gab sie zu. Sie verstand nicht, was Algea mit ihren Worten meinte.
Die junge Frau lächelte belustigt. „Rinnir geht es gut. Aber willst Du gar nicht wissen, was passiert ist?“
„Doch“, sagte Teese. Dennoch hatte sie sich in erster Linie Sorgen um Rinnir gemacht. Er wirkte erschöpft und war sehr blass. Teese konnte die Spuren der Tränen auf seinen Wangen sehen. So kannte sie den Jungen gar nicht und das beunruhigte sie zusätzlich.
„Das waren Graf Tithamins Gefolgsleute“, sagte Magister Algea. „Genau wie Magister Meska gesagt hat. Sie tragen Magierroben und geben sich als Magier aus. Und als ob das nicht schon genug der Unverschämtheit wäre, haben sie versucht, einen unserer Studenten in ihre Gewalt zu bringen.“
Teese klappte der Mund auf. „Sie haben versucht, Rinnir zu… entführen?“
Magister Algea nickte.
„Aber wieso?“ Teese verstand das nicht. Warum sollte jemand einen Studenten entführen wollen?
„Das werden wir herausfinden.“ Magister Algea wirkte entschieden. „Aber vorerst werden wir drei nach Weltenei zurückkehren. Flieg‘ mit Deinem Drachen direkt nach Hause. Um alles weitere kümmern sich jetzt andere und dann werden wir sehen, was hier genau vorgefallen ist.“
Teese nickte. Doch dann fiel ihr etwas Wichtiges ein. „Und Rehan?“
Sie hatte den Pförtner mit nach Thorhafen gebracht. Wie sollte er zurückkommen, wenn er nicht mit ihr und Nanu flog?
„Rehan hält hier die Stellung, bis Verstärkung eingetroffen ist“, erklärte ihr Algea. „Jemand bringt ihm ein Flügelpferd. Mach‘ Dir also keine Gedanken. Er kommt schon zurück.“
„Gut.“
Damit war Teeses Aufgabe bei dieser ganzen Aktion wohl erfüllt. Während Magister Algea zu ihrem Seelentier ging und hinter Rinnir aufsaß, beugte sich Teese zu Nanu vor.
„Hast Du gehört? Wir fliegen nach Hause.“
Nanu schnaubte als Antwort und ließ ihre Flügel vibrieren. Teese hielt sich an ihrem Rückenschild fest und Nanu stieß sich in die Nacht hinein ab. Sie ließen den Platz mit den Steintrögen und die großen fensterlosen Gebäuden hinter sich und drehten ab Richtung Weltenei.
Hinter ihnen folgte das Flügelpferd mit Magister Algea und Rinnir. Sie flogen über das Meer zum Inselberg, dessen hell erleuchtete Fenster Teese so willkommen erschienen wie nie zuvor. Weltenei war trotz allem, was sie bisher dort erlebt hatte, ein sicherer Ort für sie. Und sie fühlte sich gar nicht wohl bei dem Gedanken, morgen in die Welt der Nichtmagier aufbrechen zu müssen, in welcher schwarzgekleidete Nichtmagier versuchten Studenten zu entführen, Studenten wie Rinnir und sie selbst.

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