Reisevorbereitungen (18/19)

Posted on April 13, 2012

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‚Fleck! Fleck!‘, rief Teese nach dem ersten Wesen, das ihr in den Sinn kam und sie in diesem Moment hören konnte.
‚Teese, was ist los?‘, erklang sofort die besorgte Stimme ihres Kaninchens in Teeses Ohren, so dicht, dass sie fast glaubte, ihr Seelentier sei bei ihr und nicht weit entfernt von ihr auf Weltenei.
‚Nanu hat mich auf Raptors Rücken gehoben und der ist sofort losgeflogen.‘ Teese versuchte die aufsteigende Panik zu bekämpfen. Das war kein Grund zur Unruhe. Nanu würde nichts tun, um sie zu verletzen. Und Magister Algea war nett, so dass man dasselbe von ihrem Seelentier vermuten musste.
‚Ich weiß nicht, was los ist‘, fasste Teese ihre eigentliche Aufregung in Worte. ‚Und wohin wir fliegen und warum Nanu das getan hat.‘
‚Vielleicht wollte sie Dich in Sicherheit bringen‘, mutmaßte Fleck.
‚Aber auf ihrem Rücken war ich doch in Sicherheit und sie hätte jeder Zeit losfliegen können‘, hielt Teese aufgewühlt dagegen.
Sie wagte einen Blick nach unten und konnte den Umriss ihres Drachens auf dem dunklen Platz gerade noch ausmachen. Nanu war einfach dort geblieben.
Magister Algeas Seelentier flog hingegen mit schnellen und kraftvollen Schlägen über die dunklen Häuser und segelte dann eine enge Kurve, um in den Sinkflug überzugehen. Das Flügelpferd folgte dem Verlauf einer schmalen Gasse, die spärlich beleuchtet war.
‚Warte, ich versuche, Nanu zu fragen, was los ist‘, entschied Fleck.
Teese fand keine Zeit mehr zu antworten. Das Flügelpferd schoss pfeilschnell die Gasse entlang, so tief, dass die Flügel fast die Dächer berührten. Die Gasse war allerdings viel zu eng, als dass das Seelentier hier hätte landen können. Doch auch von hier oben konnte Teese gut sehen, was unten vor sich ging.
Teese konnte mehrere Menschen in der Dunkelheit ausmachen, die bewegungslos dastanden und ihnen den Rücken zuwandten. Dann hörte sie den Gesang.
Es war eine glasklare Knabenstimme, die dort unten sang. Jeder Ton brachte die Luft zum Vibrieren. Teese konnte die Melodie auf ihrer Haut spüren, wie einen Windhauch, der über sie hinweg strich. Und in diesem Moment erstarrte sie.
Es war ein ganz seltsames Gefühl, so als sei sie auf dem Flügelpferd festgeklebt und ihr ganzer Körper in seiner Position erstarrt. Wie eine lebendige Mumie, die von unsichtbaren Bandagen umwickelt war, die jede Bewegung verhinderte. Teeses Herz schlug weiter und der Atem strömte aus ihrem Mund ein und aus. Selbst denken konnte Teese ohne Probleme. Nur bewegen konnte sie sich nicht.
Was sie in diesem seltsamen Zustand hielt, war der Gesang des Jungen unten in der Straße. Und das Gefühl auf ihrer Haut, das war ihre Wahrnehmung von Magie. Der Junge sang Magie und alles um ihn herum war erstarrt.
Nur das Flügelpferd flog unbeeindruckt davon weiter, schlug mit den Flügeln und segelte über die Gruppe hinweg. Teese, die ihren Blick erstarrt nach unten gerichtet hatte, sah sieben oder acht Magier in ihren schwarzen Roben, die dort standen. Und sie erkannte Magister Algea in ihren Reihen und ein Stück vor ihr Rehan, beide ebenfalls erstarrt.
Das Seelentier flog über sie hinweg und über den Jungen, der dort unten sang. Auch er trug die Robe eines Magiers und die weiße Schärpe eines Kandidaten. Als der Schatten des Flügelpferds über ihn hinweg glitt, legte er den Kopf in den Nacken und Teese erkannte, was sie ohnehin schon wusste: Es war Rinnir, der da sang.
Das Seelentier bremste ab und schlug schnell mit den Flügeln wie ein Vogel, der sich bereit machte zum Landen. Nur, dass es keine Möglichkeit zum Landen gab.
„Rinnir hör auf zu singen“, rief Teese und erkannte im selben Moment, dass der Junge das bereits getan haben musste, denn sie konnte nicht nur ihren Mund bewegen, sondern sich selbst ebenfalls. „Magister Algea ist da und Rehan.“
Was auch immer passiert sein mochte und warum Rinnir mit magischem Gesang alles um ihn herum zum Erstarren gebracht hatte, jetzt war es doch wohl gut. Die beiden Magier aus Weltenei würden sicher dafür sorgen. Und die anderen Magier, die Teese dort unten sah…
In sie kam im selben Moment, in dem Rinnir aufgehört hatte zu singen, wieder Leben. Ein paar sahen sich noch verdutzt um, doch dann nahmen alle Reißaus. Teese verstand nicht im Geringsten, was dort unten vor sich ging, aber unerwartet setzte eine eilige Flucht ein.
Nur Magister Algea drängte sich durch die davoneilenden Magier und stürzte auf Rinnir zu. Der Junge sah sie kommen und warf sich ihr weinend in die Arme. Das Flügelpferd startete wieder durch und Teese verlor in der Dunkelheit die Möglichkeit zu sehen, was unten weiterhin geschah.

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