Reisevorbereitungen (17/19)

Posted on April 9, 2012

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„Wir landen dort drüben“, rief Rehan Teese unvermittelt nach vorne zu.
Zeitgleich mit seinem Ausstrecken des Arms, um Teese die Richtung anzuzeigen, ging Nanu in den Sinkflug über.
Teese hielt sich an Nanus Rückenschild fest. Sie vertraute ihrem Drachen zwar, aber Nanus Sinkflug ähnelte ihr zu sehr einem Sturzflug.
„Ist Rinnir dort?“, wollte sie gegen das Surren der Flügel und das Rauschen des Flugwindes in ihren Ohren wissen.
„Ja.“ Rehan musste nun fast schon schreien, damit Teese ihn verstehen konnte. „Rinnir ist in einer der Seitengassen. Und er ist nicht alleine.“
Nanu bremste kurz über dem Boden ab und landete nach vorne aufgerichtet auf einem Platz aus unebenen Steinquadern, auf welchem in Reihen fünf Steintröge standen, deren Zweck sich Teese nicht erschloss.
„Und da ich nicht weiß, wer dort ist“, erklärte Rehan während Nanu sanft auf dem Boden aufsetzte, „bleibst Du besser bei dem Drachen. Sie wird Dich im Notfall verteidigen. Aber fliegt nur ohne mich oder Rinnir wieder ab, wenn es zu gefährlich wird. Ansonsten wartet hier.“
Der kahle Pförtner glitt bei den Worten bereits von Nanus Rücken. Teese fröstelte und blieb auf Nanu sitzen. Es war kalt. Aber das alleine war nicht der Grund für ihre Gänsehaut. Die Gebäude um sie herum waren hoch, fensterlos und dunkel. Niemand war zu sehen und es war still. Beinahe unheimlich still.
„Ist gut“, zwang sich Teese zu erwidern. „Wir warten.“
Sie wusste, wie Rehan, dass Nanu Teese für ihre Mutter hielt und entschlossen verteidigen würde gegen wen auch immer. Dennoch hätte sich Teese bei Rehan irgendwie wohler gefühlt. Nanu würde auch alleine klar kommen. Und sie hätte jemanden um sich, mit dem sie reden konnte und dessen Worte sie verstehen konnte.
Teese sah dem kahlen Pförtner nach, wie er auf einen schmalen Durchlass zwischen zwei der hohen Gebäude zueilte und in der Dunkelheit verschwand. Hier auf diesem Platz gab es keinerlei Laternen. Die Gebäude besaßen keine Fenster, in welchen Licht hätte scheinen können und nicht einmal durch die Türritzen flimmerte ein einsamer Lichtstrahl. Es war tatsächlich dunkel.
Dennoch konnte man Teese und Nanu wohl auf dem Platz sehen – jedenfalls aus der Luft. Es waren keine fünf Minuten vergangen und ein Flügelpferd rauschte in langgezogenem Anflug auf den Platz zu. Nanu verdrehte den Kopf nach hinten, so dass Teese den Nackenschild endgültig losließ, um nicht von Nanus Rücken zu fallen.
Das fliegende Pferd landete direkt neben dem Drachen und Magister Algea glitt vom Rücken ihres Seelentieres. „Teese, wo ist Rehan? Hat er Rinnir gefunden?“, waren ihre ersten Worte.
„Ja, aber er meinte, er sei nicht alleine.“ Teese sah in die Richtung, in welche Rehan verschwunden war. Warum brauchte er eigentlich so lange, um Rinnir zu holen?
„Wo ist er hin?“
Teese deutete zu dem schmalen Durchlass. „Er ist in diese Gasse dort gegangen. Aber wohin er genau ist…“
„Ich schaue nach“, entschied Magister Algea.
Sie wandte sich dem Flügelpferd zu und obwohl Teese die Gedanken nicht hören konnte, war sie sich sicher, dass sie mit ihrem Seelentier sprach.
„Raptor bleibt hier“, sagte die junge Frau dann zu Teese. „Dort vorne ist es zu eng für ein Tier mit Flügeln.“
„In Ordnung.“
Teese sah Magister Algea nach, wie sie in derselben Gasse verschwand wie zuvor Rehan. Irgendwie hatte sie kein gutes Gefühl bei der Sache. Ihr gefiel weder dieser Platz, noch die menschenleere Stille und die sie umgebende Dunkelheit. Warum war es in Thorhafen so dunkel? Selbst wenn man kein elektrisches Licht hatte, so konnte man doch eine Kerze anzünden, eine Laterne oder eine Öllampe – oder was immer man hier benutzte, um Licht zu machen.
Sie erschrak, als das Flügelpferd unvermittelt laut wieherte und sich mit einem erschrockenen Schnauben aufbäumte. Die Vorderhufe schlugen in der Dunkelheit in die Luft als würde das Pferd sich gegen einen unsichtbaren Angreifer zur Wehr setzen wollen.
Beinahe im selben Moment schoss ein festes Seil um Teeses Hüfte und umwickelte sie fest. Wie mit einem Lasso gefangen, wurde sie nach hinten gerissen und in die Luft gehoben. Erst in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass es kein Seil war, das sie da umwunden hielt, sondern Nanus langer blauer Schwanz.
Und Nanu nutzte ihn wie zwei Arme, indem der Drache das Mädchen in die Luft hob und sie neben sich absetzte. Genau auf den Rücken des Flügelpferdes, dessen Hufen wieder den Boden berührt hatte.
Teese fand gerade noch Zeit sich in eine halbwegs sichere Reitposition zu setzen, da galoppierte das Flügelpferd auch schon drauf los, breitete seine Flügel aus und hob mit der erschrockenen Teese auf ihrem Rücken ab.

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