Reisevorbereitungen (16/19)

Posted on April 6, 2012

0


„Am besten, wir kreisen erst einmal über Thorhafen, damit ich versuchen kann, Student Rinnir irgendwo zu erfassen“, rief der Pförtner Teese über das Surren von Nanus Flügel zu.
„Okay.“
Teese hatte keine Ahnung, wie Rehan Rinnir erfassen konnte, aber es klang irgendwie nach einer Ortung. Wie mit einem Radar. Dass Rehan irgendwelche besonderen Fähigkeiten und somit besondere Aufgaben auf Weltenei inne hatte, war ihr bereits früh klar geworden.
Allerdings wusste sie bis heute noch nicht, was genau es damit auf sich hatte. Bei Magister Elgin hatten sie alles über die verschiedenen magischen Talente gelernt, aber Rehan passte für Teese in keines der Schemen. Yophus, die seine Schülerin war, war Tiermagierin. Aber war Rehan das auch?
„Nanu, wir müssen über der Stadt im Kreis fliegen“, rief Teese nach vorne gebeugt über Nanus Rückenschild.
Noch war es bis Thorhafen ein gutes Stück, so dass man nur die Lichter der Stadt erkennen konnte. Ansonsten war das Festland eine einzige dunkle Masse, hinter welcher sich der Horizont in einem dunklen Grau abzeichnete und den Himmel vom Land trennte.
„Sie weiß schon Bescheid“, erklärte Rehan Teese. „Ich habe Deinem Drachen schon gesagt, wie sie am besten fliegt, damit ich die Gegend untersuchen kann.“
Teese horchte auf. Hieß das, dass Rehan…
„Können Sie mit ihr in Gedanken sprechen?“, wollte sie wissen.
„Ja, für Tiermagier ist das kein großes Problem.“ Rehan lachte. „Nur dass die wenigsten Drachen auf Menschen hören.“
„Das heißt, Sie sind ein Tiermagier?“, rutschte es Teese ungläubig heraus.
Rehan hatte für sie bisher ein leichter Hauch des Unerklärlichen und Faszinierenden umgeben. Er hatte Seths böse Erinnerungen an seinen Unfall im Schwimmbecken allen Schrecken genommen, indem er aus den Gedanken die emotionale Ebene entfernt hatte. Er hatte die Macht, Gedanken zu verändern. War das keine besondere Gabe? Konnte das etwa jeder Tiermagier?
„Ja ich bin ein Tiermagier, aber einer der Tiere nicht sonderlich mag.“
Teese sah über ihre Schulter und konnte Rehan schmunzeln sehen.
„Das geht?“ Teese war ehrlich überrascht.
„Ja, das geht“, nickte der kahle Pförtner. „Nicht alle Menschen liebe Tiere. Manche fürchten sie. Andere hingegen können einfach nicht viel mit ihnen anfangen. Dennoch können sie das Talent besitzen, Gedanken anderer Lebewesen zu verstehen.“
„Oh.“ Teese wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. „Ist Yophus auch so eine Tiermagierin.“
„Genau. Deswegen ist sie meine Schülerin.“
Teese dachte nach, während Nanu eine leichte Kurve nach rechts flog. „Aber wenn man Tiermagier ist und keine Tiere mag“, formulierte sie ihre Gedanken, „was macht man dann mit seinem Talent?“
„Man nutzt es für eine besondere Art von Tieren“, erklärte ihr Rehan bereitwillig. „Menschen.“
„Und dann wird man Pförtner?“, hakte Teese nach.
„Ja.“
Teese entschied, dass ihr das nicht als Antwort genügte. „Was macht ein Pförtner eigentlich genau?“
„Er kennt alle Magier.“ Rehan wählte seine Worte mit Bedacht. „Und er erkennt alle Magier. Für einen Tiermagier, der sich auf Menschen spezialisiert hat, sind Menschen zu einem Teil nie verschlossen.“
„Nicht wie für andere Tiermagier“, stellte Teese fest. Sie erinnerte sich noch sehr lebhaft daran, wie Seth versucht hatte ihr zu erklären, warum er Tiere lieber mochte als Menschen. Weil Tiere offen waren und Menschen verschlossen. Die Gedanken der Tiere waren für ihn offenkundig. Sie waren in seinen Augen ehrlich und hielten nichts von sich verborgen. Anders als Menschen. Für Rehan schien dies aber nicht zu gelten.
„Konnten Sie deswegen in Seths Geist eindringen und seine Gefühle löschen“, wollte Teese wissen.
Rehan lachte überrascht auf. „Das klingt ziemlich übel, wie Du das formulierst“, sagte er. „Aber solche Fähigkeiten besitzt wohl kein Magier. Ich kann Gedanken mithören, wenn ein Geist nicht wirklich verschlossen ist.“
Teese musste unvermittelt an Ro denken und was Flaumschnabel eben noch über ihn gesagt hatte.
„Aber in einen Geist eindringen kann man nur, wenn der andere einen einlässt“, fuhr Rehan fort, „Wie bei der Gedankenrede. Und auslöschen kann man auch nichts. Man kann Dinge auslagern, aber nicht zerstören.“
„Auslagern?“
„Du hast doch schon Erinnerungsschiffe genutzt, oder?“
Teese nickte. „Ja, aber das sind die Erinnerungen der früheren Dekane“, begann sie und verstummte dann.
„Mit Gefühlen, oder nicht?“, erkundigte sich Rehan.
Teese begann zu verstehen. „Erinnerungsschiffe sind ausgelagerte Gefühle?“
„Gefühle mit Erinnerungen“, sagte Rehan. „Unsere Dekane nutzen diese Methode schon seit Anbeginn Welteneis, um ihre Erinnerungen weiterzugeben. Es ist eine Art Kopie einer Erinnerung mit Gefühlen. Im Menschen zurück bleibt immer eine Erinnerung ohne jegliche Emotionen. Eine reine Erinnerung.“
Teese hatte das Gefühl, dass hier sehr viel mehr dahinter steckte, als sie im Augenblick fassen konnte. „Das heißt Seths Erinnerung mit seinen Gefühlen ist in einem Erinnerungsschiff?“, wollte sie wissen, ob sie wenigstens dies richtig verstanden hatte.
„Ja.“
„Und wo ist es?“
„Im Pförtnerhaus. Zusammen mit allen anderen persönlichen Dingen, die er hier nicht benötigt oder die er mir zur Aufbewahrung überlassen hat.“
„Das heißt“, fasste Teese zusammen. „Ein Pförtner…“
„Ein Pförtner verwaltet alle Magier in der neuen Welt“, antwortete Rehan bereitwillig. „Weil er derjenige ist, der jeden Magier kennt und erkennt – an seinem Geist.“
Das war Teese irgendwie noch recht schwammig. Aber eines war ihr jetzt klar. „Das heißt ein Pförtner kann einen verlorenen Magier finden, indem er… seinen Geist sucht?“
Rehan lachte. „Ja, so ähnlich. Da Rinnir noch keine Gedankenrede beherrscht, muss ich versuchen, ihn unter all den Menschen dort unten zu erkennen.“
Rehan deutete mit angewinkeltem Arm nach unten. Inzwischen hatten sie den Hafenbezirk erreicht und Nanu flog einen großen Bogen nach rechts, dem Verlauf der Küste folgend.
„Und jetzt muss ich mich konzentrieren“, beendete Rehan das Thema.
Teese nickte. „Gut“, sagte sie noch und verstummte dann.
Während beide schwiegen, flog Nanu einen eleganten Bogen. Rehan suchte nach Rinnir und Teese hing ihren Gedanken nach. Sie hatte das Gefühl, endlich viele wichtige Dinge verstanden zu haben. Gleichzeitig hatte sie aber auch das Gefühl, dass ihr der eigentliche Kern der Sache entgangen war.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements