Reisevorbereitungen (15/19)

Posted on April 2, 2012

0


Einen Moment musterte Teese die Dinge auf ihrem Bett nachdenklich. Dann knotete sie ihre Robe auf und streifte sie über den Kopf. Zuerst zog sie das Adamant-Hemd an, das Dekan Ezzo für sie gefertigt hatte. Es war leicht und fühlte sich angenehm seidig auf dem Körper an.
Teese löste das Band, mit welchem die Hemden auf dem magischen Tuch befestigt waren und zog das oberste davon über. Es war ein lindgrünes Hemd, das Teese fast bis zu den Knien reichte. Die Hose anzuziehen erwies sich mit diesem langen Hemd als etwas umständlich.
Vermutlich wäre es klüger gewesen, erst die Hose anzuziehen und dann die beiden Hemden – wobei sie das Adamant-Hemd wohl auf der Reise nie ausziehen würde. Da es keinen Schlafanzug gab, würde ihre Rüstung wohl auch als Nachthemd dienen. Ein sehr sicheres Nachthemd.
Teese griff sich die Schuhe und schlüpfte hinein. Sie waren mit weichem Fell gefüttert, das sich angenehm weich und gut gepolstert anfühlte, auch wenn die Schuhe ansonsten recht durchgescheuert aussahen. Auch der Umhang, den sie sich probeweise überstreifte, sah alt und abgegriffen aus. Ob Ro die Kleidung bewusst so gewählt hatte? Sie sah ohne Frage nicht nach viel aus. In Thorhafen würde sie mit dieser Kleidung kaum weiter auffallen.
‚Teese‘, meldete sich eine vertraute Stimme zu Wort, ‚komm schnell herunter.‘ Fleck klang richtiggehend aufgeregt. ‚Magister Algea ist gekommen. Rinnir wird vermisst.‘
„Was?“, entfuhr es Teese in die Stille des Zimmers erschrocken.
Sie stürzte zur Tür und rannte zur Treppe. Als Teese die Stufen hinunter sprang, konnte sie sehen, dass Flaumschnabel von ihrem Platz auf der Treppe aufgestanden war und wie alle anderen im Raum stand. Magister Algea war förmlich umringten von den Anwesenden.
„…sollte nur ein paar Dinge erledigen“, waren die ersten Worte, die Teese verstand. „Und dann sollte er mit einem der Boote wieder zurück kommen. Ich dachte, er wäre vielleicht hier, aber… überall sonst habe ich schon gesucht und von den Ruderern ist keiner mehr hier, den ich fragen könnte.“
Magister Nabi wirbelte herum, als sie Teese die Treppe herunterrennen hörte. „Gut“, sagte sie und Teese wusste nicht, ob dieser Kommentar ihrer Kleidung galt oder ihrem Erscheinen. „Wir fliegen nach Thorhafen. Teese, Du nimmst Nanu. Sie ist am schnellsten. Hol unterwegs Rehan an der Mole ab. Ich sage ihm gleich Bescheid. Algea, Du fliegst mit Raptor?“
Magister Algea nickte. Sie wirkte aufgeregt. „Mein Seelentier ist nicht ganz so schnell, aber sicher ist es besser, wenn Rehan zuerst ankommt.“
„Ich unterrichte Dekan Ezzo“, meldete sich Magister Elgin zu Wort. „Er kann parallel die Säule nutzen, um nach ihm Ausschau zu halten. Das müsste auch im Dunkeln gehen.“
Teese hatte keine Ahnung, wovon ihr Tutor sprach, aber es blieb ihr auch keine Zeit nachzufragen. Nanu schob sich bereits an ihr vorbei und quetschte sich durch die Tür zum Garten, dass diese bedrohlich knackte.
„Hopp hopp, Teese, los geht’s”, scheuchte Magister Nabi Teese hinterher, während Seth ihr eilig seine Drachenpflege-Handschuhe reichte.
Wie ein Staffelläufer griff Teese nach den Handschuhen und war zur Tür heraus. Ohne einen Schutz mit Nanu zu fliegen, wäre sicherlich keine gute Idee.
‚Fleck?‘, erkundigte sie sich bereits im Garten.
‚Ich halte hier die Stellung‘, erklärte ihr Seelentier. ‚Fliegen ist nicht mein Fall. Und falls es hier etwas Neues gibt, kann ich es Dir gleich sagen.‘
Wiederwillig nickte Teese. Sie mochte es nicht, von Fleck getrennt zu sein. Thorhafen war zwar nicht sehr weit entfernt, aber Teese konnte die Entfernung von ihrem Seelentier dennoch spüren. Und sie wusste, dass es sich unangenehmer anfühlte, je weiter es entfernt war. Das war der Grund, warum die meisten Magier ihr Seelentier immer in ihrer Nähe hatten.
Sie verdrängte den Gedanken, streifte die Handschuhe über und kletterte auf Nanus Rücken. Der Drache verlor ebenfalls keine Zeit. Die Libellenflügel surrten und Nanu hob wie ein schnell startender Helikopter schräg nach vorne ab, hinein in die Dunkelheit.
Der Himmel wölbte sich dunkelgrau über dem schwarzen Meer. Nur die Lichter der Häuser, an welchen Nanu am Rand der Insel entlang flog, spendeten ihnen jetzt noch Licht. Der Drache hielt sich eng am Inselberg ohne an Höhe zu gewinnen. Er folgte dem Verlauf Welteneis und sauste dann hinab auf das Meer zu.
Teese wusste zwar, dass hier irgendwo die Mole war, aber in der Dunkelheit war nichts auszumachen. Das Pförtnerhaus war dunkel und einen Moment lang machte sich Teese Sorgen, dass sie Rehan, den kahlen Pförtner, erst noch aus dem Bett holen müsste.
Als Nanu allerdings auf der Kaimauer landete, stand Rehan schon bereit und kam auf sie zugelaufen.
„Guten Abend, Teese.“
Er schwang sich hinter dem Mädchen so gekonnt auf den Drachen, dass Teese klar wurde, dass er nicht zum ersten Mal mit einem flog.
„Guten Abend, Lizentiat Rehan.“
Teese hatte den Satz noch nicht beendet, da surrten Nanus Flügel schon wieder. Der Drache hatte es offenkundig eilig und er wusste wohl, was er zu tun hatte. In die Dunkelheit flog Nanu in Richtung Festland.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements