Reisevorbereitungen (13/19)

Posted on März 26, 2012

0


Während Liina Magister Nabis Stellung am Herd übernahm, zog die dunkelhäutige Magister ihre Schürze über den Kopf und warf sie über die Lehne eines der Stühle.
Liinas Blick streifte neugierig Teeses, doch das Mädchen zuckte nur mit den Schultern. Sie hatte keine Ahnung, was Ro wollte und was sie mit ihm und der Magister oben machen sollte. Aber sie folgte den beiden Erwachsenen zur Treppe. Als sie Flaumschnabel passieren wollte, griff diese nach ihrer Hand.
‚Pass auf, er kann Gedanken hören, fast so gut wie ein Formori‘, warnte sie Teese.
Teese schluckte nur und nickte, da Flaumschnabels Hand sie wieder losgelassen hatte. Sie wusste aus ihrem Unterricht bei Magister Elgin, dass Unterhaltungen, die durch Körperkontakt geführt wurden, besonders wenig Fähigkeiten benötigten. Eigentlich genügte, wenn einer der beiden Beteiligten die Gedankenrede beherrschte und alles, was über diese enge Bindung gesprochen wurde, war praktisch unhörbar für alle anderen.
Teese versuchte den Gedanken an das zu unterdrücken, was Flaumschnabel ihr gerade gesagt hatte (immerhin sollte Ro gerade das nicht mitbekommen) und stieg die Treppe hinauf. Im hell erleuchteten Gang zu den Zimmern der Studenten blieben Magister Nabi und Ro stehen. Magister Nabi machte eine einladende Geste zur Tür von Teeses und Flaumschnabels Zimmer und Teese öffnete sie. Als erste trat sie ein und schob erst einmal eines von Flaumschnabels Hemden unauffällig unter das Bett. Das Zimmer sah höchstgradig chaotisch aus und Teese hatte wenig Lust, deswegen Ärger zu bekommen – auch wenn Magister Nabi bisher nie etwas gesagt hatte.
Aufräumen und Ordnung schienen für das Formori-Mädchen Fremdworte zu sein. Teese fragte sich, wie es bei ihr zu Hause wohl aussah. Allerdings wusste sie nicht einmal, was Flaumschnabels zu Hause war. Hatte sie in einem Haus gewohnt oder einem Zelt? Oder schliefen die Formori unter freiem Himmel? Alles, was Teese wusste, war, dass sie früher in einer Stadt gelebt hatten, bevor diese zerstört worden war, von Dekan Roath, von Ro.
Teese ging in die Mitte des Raumes und blieb dann stehen. Als sie sich umdrehte, entdeckte sie, dass sogar auf ihrem Bett ein Kleidungsstück lag. Im ersten Moment dachte sie, Flaumschnabel hätte auch dort ihre Sachen hingeworfen, doch dann erkannte sie das weiße Hemd wieder.
Erst vorgestern hatte sie bei Dekan Ezzo ihr neues Untergewand anprobiert. Der Dekan hatte seine Arbeit da bereits fast vollständig beendet und Teeses neues Hemd war eine leichte Rüstung, die wie ganz normale Kleidung wirkte. Sie hielt warm wenn es kalt war und kühlte, wenn es draußen zu heiß war.
Vor allem aber war das Hemd aus Adamant praktisch unzerstörbar, eine Art getarnte schusssichere Weste. Keine Waffe konnte den Stoff durchdringen außer sie war mit Magie behandelt worden. Es war eine Rüstung gegen Nichtmagier, wie Teese nun bewusst wurde. Und das hieß, dass Dekan Ezzo durchaus befürchtete, dass ihr von dieser Seite Gefahr drohen könnte.
Magister Nabi ließ sich auf Flaumschnabels Bett nieder und stützte sich nach hinten mit den Armen ab. Sie sah Ro zu, wie dieser zu Teeses Bett ging und das Adamant-Hemd begutachtete. Er strich über den Stoff und hob das Gewand vom Bett auf. Er hielt es prüfend vor sich, drehte und wendete es einmal von einer Seite zur anderen.
Dann legte er es zur Seite und holte aus seiner Robe etwas, das Teese für ein Taschentuch hielt, bis er begann es aufzufalten. Erst war der Stoff so groß wie ein Handteller. Nach viermaligem Auffalten war es bereits eine große Stoffserviette, dann ein Kopfkissenbezug und schließlich eine Tischdecke.
Bevor Ro das Tuch ein letztes Mal auffaltete, warf er es über Teeses Bettdecke, so dass Teese beim letzten Aufschlagen des Tuches sehen konnte, was in ihm war. Obwohl sie bereits erkannt hatte, dass dieses Tuch magisch sein musste, schnappte sie überrascht nach Luft.
Vor ihr auf dem Bett lagen auf dem ausgebreiteten Tuch verschiedene Dinge, welche mit Bändern an dem Stoff befestigt waren. Links lagen zusammengefaltet mehrere lange grüne Hemden, zwei braune Hosen und ein dunkelblauer Umhang. Zwei paar Schuhe standen darunter und erinnerten nicht im Geringsten daran, dass sie in einem Tuch aufbewahrt worden waren, das eben noch wie ein gefaltetes Taschentuch ausgesehen hatte.
Ein grober Leinenbeutel lag daneben und war prall mit Dingen gefüllt, deren Formen Teese nicht zuordnen konnte. Daneben standen zwei tönerne Flaschen, etwas weiter am Rand lag ein ledernes Etui. Dicht daneben lagen zwei große Bücher mit abgegriffenen Einbänden. Alles, so wurde Teese in diesem Moment bewusst, wirkte irgendwie abgegriffen und benutzt. Die Schuhe und die Kleidung ebenso wie der Leinenbeutel und das Etui.
Das einzige, was vollkommen neu und intakt war, waren die beiden Schwerter, die am rechten Rand des Tuches in mehreren Schlaufen steckten und wie alles andere auf dem Tuch fixiert waren.
„Dies ist Deine Ausrüstung“, sagte Ro. „Kleidung und Waschsachen, die Du als Nichtmagierin schon lange besessen hast. Bücher und die Schwerter für Deinen Unterricht während der Reise.“
Teese bemühte sich, sich ihren Unwillen bei Ros Worten nicht anmerken zu lassen. Mit Ro zu reisen, darauf hatte sie bereits nur wenig Lust. Von ihm unterwegs aber auch noch Unterricht und Schwerttraining zu bekommen, das verdarb ihr auch den letzten Anflug von Vorfreude auf ihre morgige Abreise.
„Dieses Tuch wirst Du nicht in Anwesenheit von Nichtmagiern öffnen“, instruierte Ro sie. „Alles, was Du tagtäglich auf der Reise benötigst, wirst Du in einer Umhängetasche tragen.“ Er hielt kurz inne und sah zu Magister Nabi, die auf Flaumschnabels Bett saß und fröhlich mit den Füßen wippte. „Deine Magister wird sich um diese Ausrüstung kümmern.“
Ro wandte sich mit dem üblichen missmutigen Gesichtsausdruck wieder Teese zu. „Ich werde Dich morgen früh, wenn es hell wird, abholen. Dann bist Du bereit und trägst bereits Kleidung wie es sich für ein nichtmagisches Mädchen gehört.“

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements