Reisevorbereitungen (12/19)

Posted on März 23, 2012

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Sie folgte Liina ins Haus und fand das Erdgeschoss voller Leute. Magister Nabi stand am Herd und briet Hirsetaler, die verheißungsvoll dufteten. Die dunkelhäutige Magister hatte ihre feuerroten Haare hochgebunden und summte fröhlich vor sich hin, während sie mit einem Kochlöffel die Hirsetaler Stück für Stück im brutzelnden Fett wendete.
Zwischen ihr und der Treppe lag Nanu und füllte den Raum der Länge nach. Ihr langer Schwanz ragte bis in den Gang hinein. Ihre Beine waren zur Seite gestreckt und erinnerten Teese an umgefallene Bäume. Es grenzte für sie an ein Wunder, dass der Drache überhaupt noch durch die Tür gepasst hatte, um hier herein zu kommen.
Seth hockte an ihrer Seite und polierte Nanus Rückenschild. Ihm gegenüber stand Yophus, die ihm dabei zur Hand ging. Die kleine Araberin hatte sich eine Schürze umgebunden und trug Handschuhe, um einen direkten Kontakt mit Nanu zu vermeiden. Ihre schwarzen Haare waren zu einem schlichten Zopf gebunden und einzelne Strähnen hingen zerzaust in ihr Gesicht. Anscheinend hatte sich Yophus ordentlich ins Zeug gelegt, um Nanu zu putzen.
Der Anblick von Seth und Yophus, die ihre Arbeit machten, versetzte Teese einen leichten Stich ins Herz. Nanu war ihr Drachen. Es war ihre Aufgabe, sie zu putzen und die Schuppen zu fetten. Und sie hätte das heute abend auch noch getan. Sie war einfach nur noch nicht dazu gekommen.
‚Sei nicht böse auf sie‘, ertönte Flaumschnabels Stimme in Teeses Kopf. ‚Sie wollen Nanu nur besonders schön machen für ihre Reise mit Dir.‘
Teese wandte ihren Blick zu dem Formori-Mädchen, das auf der Treppe saß und die Beine angezogen hatte. Die Haltung wirkte auf Teese unbequem und wackelig. Flaumschnabel war recht dünn und seit den Weihnachtsferien war ihr Oberkörper deutlich in die Länge gewachsen. Wenn Flaumschnabel gerade saß oder stand, wirkte es auf Teese wie ein Balanceakt.
‚Wir hatten gedacht, es freut Dich‘, mischte sich Seth in die Unterhaltung mit ein. Er sah über Nanus Kopf hinweg zu Teese, die nur mit den Schultern zuckte.
‚Ja, danke, das ist nett‘, versuchte Teese zu formulieren.
Flaumschnabel gluckste in ihrer Art des Lachens. ‚Lügnerin.‘
Teese kam nicht dazu, sich zu rechtfertigen, denn am Tisch drehte sich ein junger Mann um, der Teeses Aufmerksamkeit sofort auf sich lenkte. Sie erkannte ihn zwar sofort, doch im selben Moment war sie irritiert, denn so vieles an ihm war ihr fremd. Hätte er nicht eine grüne Robe getragen, Teese wäre unsicher geworden, ob Magister Elgin nicht vielleicht einen Bruder hätte. Die Veränderungen, welche ihr Tutor an seinem Äußeren vorgenommen hatte, waren enorm.
Die dunklen Haare waren zwar dieselben, aber sie waren nicht mehr lockig, sondern glatt, lang und zu einem Zopf zusammengebunden. Und auch die Nase wirkte irgendwie anders auf Teese. Vielleicht auch der Mund. Oder doch auch das Kinn?
Nur die Augen, da war sie sich sicher, waren die gleichen geblieben. Dafür hatte Magister Elgin seinen Körperbau verändert. Selbst jetzt, da er saß, fiel Teese auf, dass die Proportionen nicht stimmten. Der schlaksige junge Mann war ein wenig kleiner als sie ihn kannte und irgendwie – robuster.
„Hallo Teese“, grüßte Magister Elgin das Mädchen schließlich als erster im Raum. „Nun, was meinst Du?“ Er grinste und auch das Grinsen wirkte bekannt und fremd gleichzeitig.
Teese versuchte ihre Gedanken zu ordnen. „Ungewohnt“, entschied sie dann.
„Algea wird es nicht gefallen“, meldete sich Magister Nabi vom Herd aus zu Wort.
„Was?“ Magister Elgin war sichtlich aus dem Konzept gebracht. „Warum Algea?“
„Sie mochte die Locken wirklich sehr.“
Ein missmutiges Schnauben war die Antwort darauf und erst in diesem Moment nahm Teese Ro zur Kenntnis, der Magister Elgin gegenüber am Tisch saß. Sofort verlor der Raum an Wärme und selbst die Helligkeit schien Teese zu verblassen. Aus der gemütlichen und fröhlichen Runde unter Freunden wurde eine unangenehme Pflichtveranstaltung, wie ein Besuch beim Zahnarzt oder ein schriftlicher Test in Sachkunde.
Teese konnte nicht einmal die Tatsache genießen, dass sie ausnahmsweise einmal verstand, was Magister Nabi meinte und dass sie damit mehr wusste als Magister Elgin und die anderen im Raum – Ro vielleicht einmal ausgenommen. Seine Reaktion sprach für sie jedenfalls Bände. So als wäre es für jeden offensichtlich, dass Magister Algea in Magister Elgin verschossen war.
Teese war dafür aber bisher ehrlich gesagt noch kein Anzeichen aufgefallen. Sie wusste es nur, weil Selm es ihr gesagt hatte. Die Lehrerin der Alleskönner-Magier war mit Magister Algea befreundet und hatte Teese vorgewarnt, dass Algea in Zukunft vermutlich öfter in der Nähe ihres Tutors zu finden sein würde.
Teese spürte, dass Magister Elgin sie noch immer ansah und daher fügte sie nach kurzem Nachdenken hinzu. „Die Haare finde ich eigentlich ganz schön.“
Ro schüttelte missbilligend den Kopf.
Magister Elgin seufzte. „Es ist schwer, eine Gestalt zu erstellen, die allen zusagt.“
Ro rümpfte die Nase.
Magister Nabi lächelte aufmunternd. „Noch ist kein Meister aus allen Wolken gefallen.“
Teese musste trotz Ros Anwesenheit lachen. „Es heißt ‚vom Himmel gefallen‘“, korrigierte sie.
„Ro?“, wollte Magister Nabi wissen.
Ro machte eine wegwischende Handbewegung. „Heißt es“, bestätigte er offensichtlich gereizt. „Und ohne die fröhliche Runde sprengen zu wollen, ich habe nicht die ganze Nacht Zeit. Auch ich habe noch Reisevorbereitungen zu treffen.“
„Und worauf wartest Du dann noch?“, wollte Magister Nabi in fröhlicher Ahnungslosigkeit wissen.
Ohne auf eine Antwort von Ro zu warten, drückte sie Liina den Pfannenwender in die Hand. „Kümmere Du Dich um die Hirsepuffer, Inga. Ich gehe mit Teese und Ro kurz nach oben.“

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