Reisevorbereitungen (11/19)

Posted on März 19, 2012

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Allerdings hatte das Vergrößern des Magiespeichers für sie inzwischen auch einen negativen Beigeschmack. Es war das, was Dekan Roath mit skrupellosen Methoden getan hatte. Er hatte getötet, um ein gewaltiges Magiereservoir zu erlangen – neben seinem sicherlich stark ausgeprägten Talent.
Der Gedanke kam Teese, ob Ro auf diesen Magiespeicher heute nicht noch zurückgreifen konnte. Als der Magisterrat sein Seelentier vernichtet hatte und Dekanin Winna ihm nur soviel von seiner Magie in der Aura-Kugel zurückgegeben hatte, um ihn am Leben zu erhalten, da war sein talentungebundener Magiespeicher doch nicht betroffen gewesen, oder?
Sicher war er leer gewesen. Teese wusste aus Dekanin Winnas Erinnerungsschiff, dass er alle Magie genutzt hatte, um seine Gefangennahme durch die Magister abzuwänden. Viel konnte bis zur Vollstreckung seines Urteils nicht wieder in ihn zurückgelaufen sein. Das hatte die Dekanin sich selbst überlegt.
Allerdings hatte sie nicht darüber nachgedacht, ob er sich später nicht wieder füllen würde. Teese hatte in Roaths eigenen Erinnerungen gespürt, wie gewaltig sein Magiespeicher gewesen war. Wenn Ro noch heute darauf zurückgreifen konnte, dann…
„Was?“ Liina starrte Teese an.
„Wie, was?“ Teese war aus dem Konzept gebracht.
„Hast Du das eben gesagt oder gedacht?“ Liina war auf einmal sehr aufgeregt.
Teese hingegen verstand überhaupt nichts. „Was?“
„Dass Roath über einen großen Magiespeicher verfügt hat und ob er ihn nicht noch heute nutzen kann.“
Die Mädchen blieben beide stehen. Liina grinste über ihr ganzes Gesicht. Teese ebenfalls.
„Du hast es gehört?“
„Ja.“
Die Mädchen waren gleichermaßen aufgeregt.
„Ich habe das nur gedacht.“ Teese strahlte von einer Wange zur anderen. „Du hast meine Gedanken hören können?“
„Ja, hast Du irgendetwas Besonderes gemacht?“
Teese schüttelte den Kopf. „Nein. Ich wollte nicht bewusst mit Dir in Gedanken sprechen.“
Genau so war es mit Flaumschnabel gewesen, wenn diese ihre Hand gehalten hatte. Teese hatte einfach gedacht und Flaumschnabel hatte verstanden, egal ob Teese etwas bewusst gedacht hatte oder ihre Gedanken von alleine um etwas gekreist waren. Allerdings hatte sie Liina nicht berührt.
„Versuch es noch einmal“, forderte Liina sichtlich erregt.
Teese kam der Gedanke, dass eher Liina es noch einmal versuchen musste anstatt sie. Sie hatte nichts besonderes getan. Liina hatte sie verstanden. Teese hatte ganz normale Gedanken gedacht.
Trotzdem nickte sie. ‚Okay, ich versuche es. Kannst Du das hören?‘
Stille.
‚Ich glaube nicht, dass das so klappt‘, drang eine andere Stimme an Teeses inneres Ohr. Es war Fleck.
Teese blieb stehen und wandte sich zu dem Kaninchen um. ‚Wieso nicht?‘
Das Seelentier hoppelte über die Pflastersteine neben Teese und richtete sich auf die Hinterläufe auf. ‚Weil Du es gerade mit direkt an jemanden gerichteten Gedanken versuchst. Sie hat nur Deine ungerichteten Gedanken wahrnehmen können.‘
„Es klappt nicht“, stellte Liina wie auf ein Stichwort fest.
„Nein“, sagte Teese und hob Fleck hoch. „Mein Seelentier meint, das liegt daran, weil ich jetzt bewusst an Dich gerichtete Gedanken verwendet habe und vorher ungerichtete Gedanken.“
„Hm.“ Liinas Hochstimmung war verflogen. „Und ich dachte, ich hätte den Bogen raus.“
‚Sag Ihr, dass es genau darum nicht geht‘, mischte sich Fleck ein.
‚Sondern?‘ Teese verstand nicht, was ihr Seelentier ihr sagen wollte.
‚Man muss keinen Bogen raus haben, sich nicht konzentrieren oder anstrengen. Man muss einfach nur reden und hören ohne den Mund oder die Ohren zu benutzen. Es muss von alleine kommen. Man muss sich dafür einfach nur nahe sein, sich kennen, praktisch Seelenverwandte sein.‘
Teese seufzte. „Fleck meint, Du würdest es zu sehr erzwingen wollen“, sagte sie und unterschlug bewusst den Teil mit der benötigten Seelennähe. „Gedankenrede zu verstehen muss von alleine kommen, ohne Anstrengung.“
„Hach!“ Liina wirkte wütend. „Das ist so albern. Niemand kann einem genau erklären, wie es funktioniert. Ich brauche eine Anleitung. Wie soll es denn sonst jemals funktionieren? Das ist das reinste Glücksspiel.“
Teese schwieg, aber sie wusste die Antwort. Es kam einfach. Nachdem sie in der Quelle der Welten gewesen war, hatte sie Flaumschnabel und Seth verstanden, ein Formori-Mädchen und einen Tiermagier.
Mit Flaumschnabel hatte sie vorher mit direktem Körperkontakt so oft gesprochen, dass sie Flaumschnabels Inneres kannte. Sie wusste, wie ihre Gedanken klangen. Sie kannte das Formori-Mädchen und sie vertraute ihr. Das waren die Schlüssel: Kennen und Vertrauen.
Gedankenverloren folgte Teese Liina, die sichtlich wütend auf Magister Nabis Haus zustapfte. Als die kleine Chinesin die Tür öffnete, fiel helles Licht in die nächtliche Gasse. Ein Schwall Wärme begleitete die goldene Helligkeit. Beides wirkte auf Teese sehr verlockend.

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