Reisevorbereitungen (10/19)

Posted on März 16, 2012

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„Ich glaube, das Brot ist schon gleich fertig“, wechselte Marisan das Thema, bevor das Schweigen unter ihnen drei zu lange dauern konnte.
Die Tochter des Dekans öffnete den Ofen ein wenig und beugte sich mit Liina darüber. Ein Schwall heißer Luft, der nach frischem Brot und gedörrten Trauben roch, erreichte Teese. Der Zehrkuchen versprach nicht nur ein haltbarer Proviant zu sein, sondern auch ein leckerer.
Teese war versucht, ein Stück zu probieren, als Marisan das Brot aus dem Ofen holte, doch das ältere Mädchen meinte, es wäre besser, den Zehrkuchen erst anzuschneiden, wenn sie ihn wirklich essen wollte. Unangeschnitten wäre er einfach länger haltbar.
Die Mädchen ließen das Brot ein wenig abkühlen, bevor Marisan es in Papier einschlug. Liina ließ es sich nicht nehmen, einen Schriftzauber für Frische und Knusprigkeit auf das Papier zu schreiben, den sie sich selbst ausgedacht hatte.
Das Brot unter den Arm geklemmt, machten sich Liina und Teese am frühen Abend auf den Heimweg, um mit den anderen bei Magister Nabi zu Abend zu essen. Obwohl es noch nicht einmal fünf Uhr sein mochte, war es draußen bereits dunkel und die Luft war kalt und feucht zugleich. Keines der Lichter von Thorhafen war am anderen Ufer zu sehen, als Liina und Teese den Weg den Inselberg hinunter liefen.
„Weißt Du, was ich seltsam finde?“, erkundigte sich Liina rhetorisch nachdem sie den ersten Torbogen passiert hatten und ihr Weg sie über eine flache Treppe mit langgezogenen Stufen führte, die selbst für den hinterher hoppelnden Fleck kein Hindernis darstellten.
„Nein, was denn?“
Teese sah über ihre Schulter nach ihrem Seelentier, das zur Hälfte mit der Dunkelheit verschmolzen war. Liinas Drache kreiste über den wolkenverhangenen Himmel. Teese konnte ihn überhaupt nur sehen, weil er ab und an tief über sie hinweg flog.
„Dass dieser Nysrael mit einer Grafentochter von Argentanien verlobt werden soll, obwohl ihr Vater gerade noch im letzten Jahr Schastel Awrosch angegriffen hat.“
Teese fiel darauf keine passende Antwort ein. Das war in der Tat seltsam. Hätte sie vorher darüber nachgedacht, hätte sie Marisan gefragt. Man verlobte doch seinen Sohn nicht mit der Tochter eines Mannes, der die eigene Stadt angriff.
„Ja, das ist komisch“, musste Teese zugeben, ohne eine brauchbare Antwort parat zu haben.
Liina nickte. „Sei besser vorsichtig, wenn Du in Schastel Awrosch bist“, sagte sie schließlich.
Teese schluckte. Ihre Reise bereitete ihr zusehends Sorgen. Alle, mit denen sie darüber sprach, mahnten sie zur Vorsicht. Nur Dekan Ezzo schien unbesorgt. Sonst hätte er sie kaum gehen lassen, oder? Vielmehr noch: Er schickte sie ja sogar auf diese Reise mit Ro.
„Ich werde aufpassen“, versprach sie.
Doch wirklich überzeugt, dass sie im Ernstfall auf sich aufpassen könnte, war Teese nicht. Weder wusste sie irgendwelche Kampfzauber noch konnte sie allzu gut mit einer Waffe umgehen. Wenn sie in Gefahr geraten würde, würde sie zudem nicht einmal einen der Magister zu Hilfe rufen können. Ihre Fähigkeiten mit der Gedankenrede waren recht beschränkt. Sie konnte sich mit Flaumschnabel unterhalten und mit Seth. Mehr aber auch nicht.
In der letzten Stunde bei Magister Elgin hatten sie sich weiter mit der Gedankenrede beschäftigt und das gelernt, was Teese bereits wusste: Man musste seinem Gegenüber vollkommen vertrauen, für ihn offen sein, um ihn in seine Gedanken zu lassen. Und anscheinend war sie nicht bereit dazu, sich jemand anderem zu öffnen – oder die anderen waren nicht bereit sie in ihre Gedanken zu lassen.
Teese sah zu Liina, deren Gesicht in der Dunkelheit grau und unwirklich aussah. Dass Liina und sie nicht in Gedanken miteinander sprechen konnten, hatte sie am Anfang am meisten irritiert. Inzwischen verunsicherte es sie vor allem. Liina war doch ihre beste Freundin, oder?
„Ich werde Dir ein paar Verteidigungszauber schreiben“, sagte Liina in die Stille zwischen ihnen. „Dann kannst Du einen Angreifer wenigstens ablenken und Dich schnell aus dem Staub machen. Du weißt doch, wie man Zettelmagie nutzt, oder?“
Teese sah beschämt zur Seite und in den Nebel um Weltenei. Liina machte sich anscheinend wirklich Sorgen um sie und sie zweifelte daran, dass die kleine Chinesin ihre beste Freundin war. Froh, dass man in der Dunkelheit nicht sehen konnte, dass sie errötet war, nickte Teese nur.
„Ja, Zettel auffalten, Zeilen lesen, Zettel zusammenfalten und zerreißen.“
„Und dabei nach Deiner Magie fühlen“, fügte Liina hinzu.
„Und nach meiner Magie fühlen“, wiederholte Teese brav.
„Aber denk daran, dass Du Dein Talent dafür nicht nutzen kannst“, fuhr Liina fort als müsse sie Teese an diese Tatsache erinnern. „Es wird Dich Kraft kosten, Schriftmagie zu nutzen.“
„Ich weiß“, erwiderte Teese. „Aber ich habe bei den Alleskönnern geübt.“ Wenigstens dort machte sie Fortschritte. Selm, die Lehrerin der Alleskönner-Magier, lobte sie eigentlich beständig.
„Vielleicht sollte ich das auch tun“, sagte Liina.
Teese war ehrlich erstaunt. „Meinst Du?“
Die Magier, welche über ein Talent verfügten, schauten eigentlich alle auf die Alleskönner herab, nannten sie Talentlose oder, wenn sie nicht ganz so abwertend sein wollten, Universalminimalisten. Keiner der Magier mit Talent besuchte den Unterricht bei Selm – außer Teese.
„Ja, ich finde es wäre praktisch im Notfall auch auf andere Magie zurückgreifen zu können“, sagte Liina ehrlich. „Natürlich habe ich ein sehr starkes Talent, aber jedem Talent sind Grenzen gesetzt.“
Teese war baff.
„Erstaunt Dich das?“, wollte Liina wissen, der Teeses Reaktion nicht entgangen war.
„Ehrlich gesagt… schon.“
„Warum? Es ist doch nur logisch.“
„Ja, aber Alleskönner-Magie hat keinen hohen Stellenwert unter den Magiern“, wandte Teese ein.
„Ja, ich weiß.“ Liina zuckte mit den Schultern. „Magister Felyth hat mich sehr eindrücklich darauf hingewiesen, als ich ihm vorgeschlagen habe, ebenfalls in Lizentiatin Selms Unterricht zu gehen.“
Teese nickte. Das hatte sie erwartet. Magister Felyth, der goldhaarige Asiat, bei welchem sie im letzten Halbjahr ihren Schreibkurs besucht hatte, wirkte auf Teese sehr überheblich und eingenommen von sich selbst und seinen Fähigkeiten. Dass er Liinas Tutor geworden war, hatte Teese mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen.
„Aber ich finde“, fuhr Liina fort, „dass ein Magier alles tun sollte, um seine Fähigkeiten zu erweitern. Und anscheinend kann man seinen talentungebundenen Magiespeicher deutlich vergrößern, indem man andere Magie anwendet.“
Teese nickte erneut. Das war wahr. Selm hatte ihr dies in der ersten Stunde gesagt. Damals war Teese noch der Meinung gewesen, selbst eine Alleskönner-Magierin zu sein. Es hatte sie ein wenig getröstet, dass sie auch ohne ein Talent eine gute Magierin sein könnte.

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