Reisevorbereitungen (9/19)

Posted on März 12, 2012

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„Wirklich?“ Zum ersten Mal an diesem Tag glitt ein Strahlen über Marisans Gesicht. „Du nimmst ihn wirklich mit?“
„Klar“, sagte Teese.
Marisan stand auf und holte aus ihrer Schürze einen Brief. Der Umschlag wirkte ein wenig ramponiert. Vermutlich trug Marisan ihn schon lange mit sich herum. Teese nahm ihn entgegen. Der Brief trug keine Anschrift und als Teese ihn umdrehte, konnte sie auch keinen Absender erkennen.
Nach kurzem Zögern faltete sie ihn einmal und schob ihn in ihre Robentasche. Dort hatte sie vor einigen Tagen bereits schon einmal einen Brief mit sich herum getragen. Den Brief von Rinnirs Bruder. Inzwischen hatte Liina ihn, war aber anscheinend noch nicht dazu gekommen, sich weiter um ihn zu kümmern – oder hatte jedenfalls keinen Erfolg bei ihren Bemühungen gehabt, die heruntergewaschenen Zeilen wieder herzustellen.
„Vielen Dank, Teese.“ Marisan trug ihre Tasse vom Tisch zur Anrichte. „Das bedeutet mir sehr viel.“
„Keine Ursache.“
Teese sah verstohlen zu Liina, welche die Lippen geschürzt hatte und schwieg. Teese kannte die kleine Chinesin gut genug, um zu merken, dass sie mit Teeses Entscheidung nicht einverstanden war. Liina legte immer viel Wert darauf, gegen keine Regeln oder Verbote zu verstoßen. Und musste es doch sein, so wusste sie immer eine kluge Ausrede, mit der es so aussah als hätte sie sich brav an jede Regel gehalten. Darin war Liina sehr geschickt, eine ihrer Fähigkeiten, die Teese durchaus bewunderte. Sie war dafür einfach nicht schnell genug im Denken.
‚Du hast andere Stärken‘, meldete sich Fleck von seinem Platz auf der Eckbank zu Wort.
Das schwarz-weiße Kaninchen hatte sich inzwischen hingelegt und nur das Näschen wackelte bei jedem Atemzug.
‚Welche denn?‘, wollte Teese ein wenig frustriert wissen.
‚Die Stärken einer Dekanin.‘
Teese seufzte stumm. ‚Nein, das glaube ich nicht. Die Aufgabe eines Dekans ist es alle Wesen zu schützen und zu lieben.‘
‚Und?‘ Fleck lag unverändert an seinem Platz. Weder Liina noch Marisan bemerkten wohl Teeses Zwiegespräch mit ihrem Seelentier.
‚Um jemanden zu schützen muss man stark sein, ein starker Magier und ein starker Krieger.‘
‚Unfug.‘
‚Und alle Wesen zu lieben‘, ließ sich Teese nicht unterbrechen, ‚das kann ich nicht.‘
Fleck seufzte. ‚Als Deine magische Hälfte weiß ich es zum Glück besser.‘
Teese sah an Fleck vorbei gegen Marisans Rücken. Sie wollte mit ihrem Seelentier nicht streiten, aber sie wusste, dass es Menschen gab, die sie mit Sicherheit nie lieben können würde, nicht einmal mögen. Marisans Bruder stand da an erster Stelle und Ro folgte unter Garantie nicht wenig dahinter.
„Ich glaube, der Teig ist jetzt genug gegangen“, stellte Marisan fest, nachdem sie das Tuch über der Schüssel gelupft hatte.
Liina erhob sich mit einem energischen Schnaufer. „Dann fügen wir jetzt die übrigen Zutaten hinzu. Machst Du das? Dann buttere ich schon einmal die Form.“
Teese verzichtete darauf, ihre Hilfe anzubieten. Es war nett, mit Marisan und Liina heiße Milch zu trinken, aber beim Backen kamen die beiden Mädchen offensichtlich besser ohne sie zurecht.
Anscheinend sahen das Marisan und Liina genauso, denn den Rest des Brotes buken sie ohne Teese noch einmal um Hilfe zu bitten oder ihr irgendwelche Aufgaben zuzuteilen. Nachdem das Brot erst einmal im Ofen war, dauerte alles überraschend wenig Zeit.
„Mein Vater hat den Ofen für meine Mutter gemacht“, erklärte Marisan Liina, die überrascht die Backzeit von gerade einmal zehn Minuten zur Kenntnis genommen hatte. „Er hat den Backvorgang magisch beschleunigt.“
„Ah, deswegen riecht der Ofen so nach Apfel“, stellte Liina fest. „Ich hatte überlegt, ob ihr vielleicht Obst gedörrt habt oder Apfelkuchen gebacken.“
Marisan sah die kleine Chinesin verständnislos an. Teese entfuhr ein amüsierter Lacher.
„Liina kann Magie riechen“, erklärte sie Marisan.
„Ach – so.“ Marisan schien nun zu verstehen. „Und Du, Teese?“
„Ich kann sie fühlen“, antwortete Teese bereitwillig. „Es ist wie ein Kribbeln in meinen Fingern.“
Marisan nickte. „Mein Vater kann Magie vor allem sehen.“
„Oh, das stelle ich mir auch interessant vor“, kommentierte Liina.
„Und Timarel“, fuhr Marisan fort, „kann Magie hören.“
Weder Liina noch Teese gingen auf diese Feststellung ein. Teese hatte wenig Bedarf über Timar zu sprechen. Sie hoffte sehr, dass sie Marisans Bruder nicht zu Gesicht bekommen würde, wenn sie mit Ro nach Schastel Awrosch kommen würde. Aber sie befürchtete, dass es nicht so einfach werden würde. Zum Glück hatte ihr Marisan aber keinen Brief für Timar mitgegeben. Teese war sich nicht sicher, ob sie in diesem Fall auch so schnell zugestimmt hätte, einen Brief zu überbringen.

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