Reisevorbereitungen (8/19)

Posted on März 9, 2012

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„Das heißt, Schastel Awrosch genießt praktisch eine Sonderstellung unter den Städten der neuen Welt“, fasste Liina zusammen. Sie schien sich für ganz andere Zusammenhänge zu interessieren. „Die Magier schützen selbstverständlich die Nachfahren ihres ersten Dekans und Dekan Ezzo hat versucht, Argentanien ebenfalls stärker an die Magier zu binden, indem er Deine Mutter geheiratet hat.“
Marisan nickte. „Ja, genauso ist es.“
„Und wen sollst Du einmal heiraten?“, wollte Liina wissen.
„Nun es ist noch nicht offiziell“, druckste Marisan herum. „Aber wenn ich nächstes Jahr sechzehn werde, werde ich mit einem der Herren von Grantwall verlobt werden.“
Teese sah das ältere Mädchen fassungslos an. Marisan sollte nächstes Jahr verlobt werden?
„Sind diese Herren eine gute Partie?“, erkundigte sich Liina.
Teese verschluckte sich fast an ihrer Milch. Was war das denn für eine Frage? Marisan war in Nysrael verliebt. Wen interessierte es, ob jemand eine ‚gute Partie‘ war? Man konnte doch nicht einfach mit jemandem verlobt werden. Schon gar nicht, wenn man in jemand anderen verliebt war. Das ging nicht.
„Ja, die Herren von Grantwall sind sehr einflussreich“, antwortete Marisan allerdings recht ruhig. „Und die beiden jüngeren von ihnen sind auch sehr nett und halbwegs“ – sie machte eine kurze Pause – „gutaussehend.“
Teese rieb sich die Augen. „Aber Du liebst doch Nysrael“, platzte es aus ihr heraus.
Marisans Wangen waren mit einem Schlag wieder knallrot.
Liina zog die Nase kraus. „Das verspricht kompliziert zu werden“, stellte sie fest.
Teese fand diese Bemerkung irgendwie fehl am Platz. Liina hatte in dieser Hinsicht merkwürdige Vorstellungen. Hier ging es um Liebe und Verlobung und Heiraten.
„Und Nysrael?“, erkundigte sich Liina, da Marisan weiter nichts dazu sagte. „Mit wem soll er verlobt werden?“
„Mit der Fürstin von Argentanien.“
„Oh-ha“, kommentierte Liina trocken.
„Die Fürstin von Argentanien?“, wollte Teese ratlos wissen. „Hat sie etwas mit dem Grafen von Argentanien zu tun?“
„Die Fürstin von Argentanien ist die Tochter des Grafen von Argentanien“, erklärte Marisan und rieb sich ihre glühenden Wangen als könne sie die Röte dadurch vertreiben. „Fürsten sind Grafenkinder.“
Teeses Miene hellte sich trotz der für sie unfassbaren Neuigkeiten auf. Sie erinnerte sich, dass die rotgekleideten Soldaten in Thorhafen Nysrael ebenfalls einen Fürsten genannt hatten und er war der Sohn des Grafen von Awrosch.
„Das heißt, er soll Deine Cousine heiratet“, sagte Liina.
Teese hielt irritiert inne. Aber natürlich hatte Liina Recht. Wenn diese Fürstin von Argentanien die Tochter des Grafen von Argentanien war und wenn Marisans Mutter die Schwester dieses Grafen war, dann waren Marisan und die Fürstin von Argentanien Cousinen.“
„Sieht sie Dir ähnlich?“, wollte Liina neugierig wissen.
„Nun, ein wenig… schon.“
„Meinst Du, Dein Nysrael mag sie?“, bohrte Liina nach.
„Ich… weiß nicht.“ Marisan wirkte niedergeschlagen.
„Aha.“ Liina lächelte unvermittelt zufrieden.
Teese atmete tief durch. „Aber das geht doch alles nicht“, machte sie ihrem Unglauben Luft. „Marisan und Nysrael sollten… zusammen… also wenigstens sollten sie erst mal miteinander gehen, wenn sie sich lieben.“
Liina kicherte.
Marisans Gesichtsröte erreichte ungeahnte Farbtiefen.
„Ich meine, wenn man sich mag, dann sollte man nicht mit irgendjemand anderem verlobt werden“, versuchte Teese sich zu erklären. Anscheinend war ihre Ansicht hier nicht die vorherrschende Meinung.
„Nysrael und ich dürfen uns nicht mehr sehen“, sagte Marisan schließlich. Sie fingerte nervös an ihren Haaren, die sie zum Backen hochgesteckt hatte. „Wir dürften uns nicht einmal mehr schreiben. Wie sollten wir da…“
Liina grinste unvermittelt. „Ihr ‚dürftet‘ Euch nicht einmal mehr schreiben? Das heißt, ihr tut es doch.“
„Nun, es gab deswegen jetzt Ärger, und…“ Marisans Nervosität war in ihren Worten hörbar. „Und nun können wir uns nicht mehr schreiben. Ich kann keinen Brief unbemerkt zur Post bringen und wir haben hier keine Brieftauben oder Signalfeuer.“
„Und deswegen soll Teese Deinen Brief mitnehmen.“ Liina wirkte unpassender Weise sehr zufrieden bei diesen Worten. Vermutlich war sie vor allem zufrieden mit ihrer eigenen Schlussfolgerung. Sie war stolz darauf, dass sie dahinter gekommen war, was Marisan wollte, bevor sie es gesagt hatte. Teese wurde dies klar, als Marisan antwortete.
„Also ich möchte nicht, dass Teese wegen uns Ärger bekommt“, begann sie zögerlich.
„Natürlich nehme ich den Brief mit“, erklärte Teese entschlossen. Doch ihre Entschlossenheit bröckelte im nächsten Moment. Auch sie wollte keinen Ärger bekommen. Wenn der Dekan herausfand, dass sie hinter seinem Rücken einen Brief zu Nysrael schmuggelte…
Marisan schien Teeses Zögern zu bemerken. „Ich schreibe ihm auch nur, dass ich ihm in Zukunft nicht mehr schreiben kann“, beeilte sie sich zu sagen. „Ein letzter Brief, damit er Bescheid weiß.“ Ihre Worte waren eindringlich. „Er soll nicht glauben, dass ich ihn nicht mehr… mag.“
Teese traf eine Entscheidung. „Ich nehme ihn mit“, widerholte sie nun im Klaren darüber, was sie tat. Ein letzter Brief, das musste auf alle Fälle sein. Und wenn Nysrael Bescheid wusste und Marisan Bescheid wusste… vielleicht änderten sich die Umstände bis zu diesen Verlobungen. Das war doch möglich. Sicher lag Marisan ihrem Vater deswegen in den Ohren, oder? Bestimmt konnte man Dekan Ezzo überzeugen, dass sie Nysrael wenigstens schreiben durfte… oder ihn ab und an sehen. Und wenn Dekan Ezzo Nysrael und Marisan zusammen sehen würde, würde er sicher auch erkennen, dass sie zusammen passten und sich liebten und dann würden sie miteinander verlobt werden und nicht mit einem Herren von Grantwall und der Gräfin von Argentanien.

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