Reisevorbereitungen (7/19)

Posted on März 5, 2012

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„Weißt Du, warum Ro nur eine weiße Schärpe trägt?“, wollte Liina von Marisan wissen als Magister Jerv die Tür hinter sich geschlossen hatte.
Der Brotteig ruhte inzwischen in einer Schüssel und war mit einem Tuch bedeckt. Marisan machte für sie alle drei heiße Milch mit Honig, während sie warten musste, bis der Teig aufging. Teese hatte keine Ahnung, wie lange das dauern würde.
„Nein“, gestand Marisan. „Ich weiß kaum etwas über ihn. Genau das macht ihn mir noch unheimlicher.“ Sie seufzte. „Mein Vater wäre aber sehr ungehalten, wenn er das hören würde.“
Teese wagte das insgeheim zu bezweifeln. Sie erinnerte sich daran, was Dekan Ezzo über Dekan Roath gesagt hatte: Gott möge behüten, dass er jemals wieder seine vollen magischen Kräfte zurückerlangen würde. Dekan Ezzo misstraute Ro, da war sie sich sicher. Andererseits misstraute er ihm wohl auch nur bedingt. Er hatte Ro zu ihrem Tutor machen wollen und er schickte sie nun mit ihm in die Welt der Nichtmagier. Irgendwie kam ihr das widersprüchlich vor.
„Mein Vater ist ohnehin schon…“, setzte Marisan erneut an und sah kurz zögernd zu Liina. „Es gab Ärger, weil ich Nysrael geschrieben habe.“
„Oh.“ Teese entgleisten ihre Gesichtszüge. „Wieso das denn?“
„Wer ist Nysrael?“, wollte Liina wissen.
Marisan gab die heiße Milch in drei Tasse und stocherte anscheinend sehr beschäftigt in dem Glas mit Honig herum.
„Er ist der Sohn des Grafen von Awrosch“, übernahm Teese es, Liina aufzuklären. „Wir haben ihn im letzten Jahr in Thorhafen getroffen und Marisan und er schreiben sich seitdem.“
„Aha.“ Liinas Interesse war geweckt. „Seid ihr ein Paar?“
Marisan gab je einen Löffel Honig in die Tassen. Obwohl sie Teese und Liina den Rücken zuwandte, war sich Teese sicher, dass ihr Gesicht rot angelaufen war.
„Nein, nein“, antwortete Marisan nach einer etwas zu langen Pause. „Wir sind nur… Freunde.“
Liina zog skeptisch eine Augenbraue nach oben und sah fragend zu Teese. Das Mädchen bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Sie wusste, dass Marisan in Nysrael verliebt war, aber anscheinend wollte sie das Liina nicht sagen.
„Wir schreiben uns aber regelmäßig“, fügte Marisan hinzu.
„Was Dekan Ezzo aber nicht gutheißt“, stellte Liina fest.
„Nein, überhaupt nicht und Nysraels Vater ebensowenig.“
„Und wieso?“, hakte Teese erneut nach.
„Sie wollen verhindern, dass wir uns mögen.“ Marisan rührte geschäftig jede der Tassen einzeln um. Noch immer wandte sie den anderen beiden Mädchen den Rücken zu. „Sie befürchten, dass wir uns vielleicht verlieben könnten.“
Teese kniff energisch die Lippen aufeinander, um nicht zu grinsen. Sie war sich sicher, dass Dekan Ezzo und der Graf von Awrosch in dieser Beziehung bereits zu spät dran waren. Marisan war in Nysrael verliebt und Nysrael schien ihre Gefühle zu erwidern. Warum sonst hätte er ihr trotz des Verbots ihres Vaters schreiben sollen. Und dass er das verbotener Weise tat, hatte Marisan ihr bereits vor den Weihnachtsferien erzählt.
„Was ist so schlimm daran, wenn Ihr Euch ineinander verlieben würdet?“, wollte Liina wissen.
„Nun, ich bin die Tochter des Dekans von Weltenei und er ist der Sohn des Grafen von Awrosch.“
„Und?“ Liina erschlossen sich die Zusammenhänge offensichtlich genauso wenig wie Teese.
„Wenn wir uns verlieben und vielleicht sogar heiraten würden“, begann Marisan langsam, „dann würde das das Bündnis zwischen Awrosch und den Magiern noch weiter verstärken. Und die übrigen Parteien würden sich dadurch bedroht fühlen. Die Magier sollten sich nicht in das Leben der Nichtmagier einmischen.“
„Hm.“ Liina zog die Nase kraus.
„Aber“, wagte Teese einen Einwand, „Deine Mutter ist die Gräfin von Argentanien und Dein Vater der Dekan von Weltenei. Das ist doch auch eine Einmischung, irgendwie.“
Welche Auswirkungen hatte diese Beziehung eigentlich auf die Welt der Nichtmagier? Es hatte Dekan Ezzo ganz offenkundig nicht davon abgehalten, sich auf die Seite des Grafen von Awrosch zu schlagen, als der Graf von Argentanien, immerhin Dekan Ezzos Schwager, Schastel Awrosch angegriffen hatte.
„Ja, aber das war eine Stärkung einer der anderen Parteien“, sagte Marisan. Schließlich brachte sie doch noch die drei Tassen zum Tisch und Teese konnte die leichten Spuren von Röte auf ihren Wangen ausmachen. Allerdings drehte sich das Gespräch jetzt eher um politische Fragen und nicht mehr um persönliche.
„Was meinst Du mit ‚andere Partei‘?“ Liina schob ihre Tasse nachdenklich von einer Hand in die andere. „Sind die Grafen von Awrosch irgendwie besonders?“
„Oh ja“, nickte Marisan. „Sie genießen seit jeher einen bevorzugten Schutz durch die Magier. Immerhin sind sie die Nachkommen Dekan Zenis, des großen Weltenschöpfers.“
„Dekanin Ivas“, korrigierte Teese automatisch.
Marisan sah sie irritirt an, so dass Teese den Satz vervollständigte, „Die Grafen von Awrosch sind die Nachkommen von Dekanin Iva.“
„Ja, aber das ist nur die weibliche Linie“, sagte Marisan. „Der erste Graf von Awrosch war natürlich auch der Enkel von Dekanin Iva, aber in erster Linie der Enkel von Dekan Zeni. Die männliche Linie der Grafen von Awrosch genießt dadurch einen Status von Heiligen.“
Teese musste darüber erst einmal nachdenken. Natürlich stimmten die Zusammenhänge. Sie hatte es in den Erinnerungen von Dekanin Iva selbst gewusst: Ihre Tochter, Clarischanze, war mit dem Sohn Dekan Zenis verheiratet gewesen. Aber…
„Aber es war Dekanin Iva, die Schastel Awrosch errichtet hat“, hielt sie dagegen, „für ihre Nachkommen.“
„Das stimmt“, gab Marisan zu, „aber Dekanin Iva war eben nur die zweite Dekanin Welteneis. Dekan Zeni ist der Schöpfer dieser Welt gewesen. Auf ihn berufen sich die Grafen von Awrosch.“
Teese fand das irgendwie ungerecht, nach allem, was Dekanin Iva für ihre Nachkommen getan hatte. Sie hatten die Stadt sogar nach ihr benennen wollen und jetzt zählte nur noch, dass sie von Dekan Zeni abstammten?

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