Reisevorbereitungen (6/19)

Posted on März 2, 2012

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„Ich messe das alles schon einmal ab“, übernahm Liina das Kommando.
Anscheinend fühlte sich die kleine Chinesin schon recht heimisch in Marisans Küche. Sie stand auf und nahm das Buch mit zur Arbeitsfläche. „Reich‘ mir mal das Mehl, Teese“, wies sie das Mädchen an.
Teese sah sich noch etwas desorientiert um. „Wo finde ich das?“
„Backschublade“, erwiderte Liina. „Unten links.“
Teese ging ein wenig irritiert zu den Schränken. Liina war wohl noch keine fünf Minuten hier und dennoch verhielt sie sich als wäre dies ihre Küche. Teese zog die unterste Schublade ganz links auf. Darin befanden sich Töpfe.
Marisan lachte. „Nein, hier ist das, Teese.“
Sie ging an dem Mädchen vorbei zur Anrichte, die ebenfalls Schubladen besaß. Sie zog die unterste auf und eine Reihe verschraubter Gläser kam zum Vorschein. Marisan nahm eines davon heraus und stellte es auf die Arbeitsfläche.
„Ich suche das andere auch zusammen“, sagte sie. „Das geht schneller.“
Teese zuckte mit den Schultern und rutschte auf einen der Stühle, die am Tisch standen. Cormela hatte sich ihr gegenüber hingesetzt und zerbröselte ihre Bretzel fein säuberlich auf dem Tisch. Als sie Teeses Blick bemerkte, wischte sie eilig die Krümel vom Tisch. Feste dunkle Bretzelkrumen fielen auf den Boden.
Teese überlegte, ob sie nach einem Besen fragen sollte, entschied aber, dass sie Marisan und Liina nicht beim Arbeiten stören sollte. Die Mädchen wirkten sehr beschäftigt, maßen die Zutaten ab und kneteten einen Teig. Die Unterhaltung drehte sich um Hefe, Vorteig, Gehzeiten und andere Dinge, die Teese nichts sagten.
Allerdings schien sie auch nichts zur Unterhaltung beitragen zu müssen. Liina und Marisan kamen bestens alleine klar. Teese war ein wenig schleierhaft, wozu sie überhaupt benötigt wurde. Sie hatte von Backen und Kochen keine Ahnung und hatte eigentlich auch keine große Lust es zu lernen.
Zu Hause kümmerte sich ihre Mutter um das Essen, auf Weltenei gab es gutes Essen in der Taberna und wenn sie bei Magister Nabi zu Hause aßen, kochte meist Liina, deren Gerichte alle hervorragend waren. Wozu sollte sie sich also auch noch darum bemühen – zumal sie es ohnehin nie so gut können würde wie Liina.
Allerdings war einfach nur am Tisch zu sitzen während die anderen arbeiteten auch nicht sonderlich lustig. Teese kam sich schon ein wenig verloren vor und war ganz froh, als nach einer Weile jemand an der Tür klopfte und Magister Jerv herein kam.
Jetzt auf Weltenei trug die dunkelhäutige Schwimmlehrerin wieder ihre gewohnte Magierkleidung, die schwarze Robe die mit zwei Bändern zusammengehalten wurde. Dennoch wollte Teese das Bild von ihr in Anorak, Schal und Mütze nicht aus dem Kopf.
„Ich bin fertig“, sagte sie. „Cormela, wie wollen wieder gehen.“
Das kleine Mädchen glitt eilig von ihrem Stuhl und rannte zu ihrer Mutter. Auf halbem Weg stoppte es aber und lief zurück zum Tisch, um ihre angekaute Bretzel zu holen.
Magister Jerv schmunzelte und sah zu den Mädchen, die am Teigkneten waren. Ihr Blick glitt weiter zu Teese.
„Ich habe gehört, Du brichst übermorgen mit Ro auf?“
Es war tatsächlich fast mehr eine Frage als eine Feststellung.
Teese nickte. „Ja. Ich soll etwas mehr über die Nichtmagier lernen.“
„Was sicher keine schlechte Idee ist.“
Der Tonfall, in dem diese Feststellung gemacht wurde, ließ nicht nur Teese aufhorchen.
„Aber?“, hakte Liina nach und überließ den halb gekneteten Teig Marisan.
„Ich würde wachsam sein in seiner Gegenwart, Teese“, sagte Magister Jerv nach kurzem Zögern.
Teese wusste, warum Magister Jerv diese Warnung ausgesprochen hatte. Sie misstraute Ro oder genauer gesagt Dekan Roath, der er einmal gewesen war. Vermutlich war sie darin auch nicht die einzige. Immerhin hatte der Magisterrat es abgelehnt, Ro zu Teeses Tutor zu machen.
„Das werde ich“, versprach sie.
Magister Jerv musterte das Mädchen kurz erstaunt. „Mein Ratschlag verwundert Dich nicht?“
„Äh.“ Teese wurde bewusst, dass Magister Jerv natürlich ebenso wie alle anderen Magier (Liina, Ro und Magister Nabi einmal ausgenommen) nicht wusste, dass Teese bekannt war, wer Ro früher einmal gewesen war. Immerhin war Roaths Namen aus der Geschichte Welteneis getilgt worden und sie hatte niemandem erzählt, dass Liina es geschafft hatte, den Namen für kurze Zeit wieder sichtbar zu machen.
„Wir finden ihn alle ein wenig unheimlich, ehrlich gesagt“, half Liina Teese aus der Patsche.
Die kleine Chinesin war eindeutig schneller im Denken als sie selbst. „Ich hatte es vorhin gerade mit Marisan davon.“
Die Tochter des Dekans wirkte verlegen als sie Magister Jervs Blick auf sich spürte. „Er ist schon ein wenig…“, begann sie unbeholfen.
„Unheimlich“, vervollständigte Magister Jerv mit einem Schmunzeln.
„Ja“, sagte Marisan. „Ich bin ihm dankbar, dass er Timarel damals geheilt hat, aber dennoch ist er irgendwie…“ Sie zuckte mit den Schultern. „Er ist nie freundlich zu einem oder auch nur höflich.“ Sie lief rot an. „Ich meine…“
Magister Jerv musste lachen. „Ich weiß schon, was Du meinst.“ Sie beugte sich vor und hob ihre kleine Tochter auf den Arm. „Ro macht sich keine Freunde mit seiner Art. Er will kein Träger einer weißen Schärpe sein, kein Zuarbeiter für Deinen Vater.“ Ihre Worte galten offenkundig noch immer Marisan. „Und deswegen“ – jetzt wandte sie ihre Aufmerksamkeit Teese zu – „ist ihm gegenüber eine Portion Vorsicht angebracht, vor allem, wenn man jemand ist, der einmal in einer Position sein wird, die Ro selbst für immer verschlossen bleiben wird.“
Teese kniff die Lippen aufeinander. Magister Jervs Sorge bereitete ihr Unwohlsein. Glaubte sie, Ro würde ihr irgendetwas antun wollen? Um zu verhindern, dass sie Dekanin werden würde?
‚Er hat schon einmal verhindern wollen, dass jemand Dekanin werden sollte, der in seinen Augen nicht klug genug dafür war‘, erinnerte sie Fleck.
Das Kaninchen hatte es sich auf der Eckbank bequem gemacht und putzte sich anscheinend unbeteiligt sein linkes Ohr.
‚Ein liebes und nettes Mädchen‘, fuhr das Seelentier fort.
Teese atmete tief durch. Dekanin Winna. Teese wusste aus der Aura-Kugel, welche die Vernichtung von Ros Seelentier gezeigt hatte, dass Ro geglaubt hatte, dass sie keine geeignete Dekanin gewesen war. Er hatte sie als langsam im Denken und für nicht besonders klug gehalten. Und sie wusste auch, dass Dekanin Winna ihm darin zugestimmt hatte. Er war der bessere Magier von ihnen beiden gewesen.
Und sie selbst? Ja, sicher war sie ein liebes und nettes Mädchen. Aber sie war nie schnell gewesen im Verstehen und Liina war viel fleißiger als sie, viel belesener und klüger. Teese würde wie Dekanin Winna nie die violette Schärpe tragen.
Wenn Dekan Ezzo einmal sterben würde, würde Ro ihr das Recht absprechen, Dekanin zu werden? Würde er gar glauben, dass er dafür geeigneter wäre? Wollte er wieder ein vollwertiger Magier werden? Vielleicht wieder Dekan werden?
„Ich… werde vorsichtig sein“, wiederholte Teese ihr Versprechen. Ihr war auf einmal recht mulmig.
Daran konnte auch Magister Jervs Lächeln nichts ändern, als sie Cormela auf dem Arm die Küche verließ und die drei Mädchen alleine ließ.

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