Reisevorbereitungen (5/19)

Posted on Februar 27, 2012

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Teese erreichten hinter Dekan Ezzo das Ende der Treppe und die beiden Magier schlugen den Weg zum Dekanat ein. Dekan Ezzo, der Teeses gedankliche Unterhaltung mit ihrem Seelentier nicht hören konnte, verlangsamte seine Schritte und wandte sich wieder an das Mädchen.
„Was denkst Du, warum heute Magier in Schastel Awrosch leben?“
Teese blinzelte aus dem Konzept gebracht. Sie hatte ihre Unterrichtseinheit eigentlich als beendet betrachtet. Dekan Ezzos Frage ließ sie aber stutzig werden. Dekanin Iva hatte Schastel Awrosch für ihre Nachkommen erbaut, eine Stadt für Nichtmagier. Aber Teese wusste, dass es dort ein Colligat gab, einen Stadtteil für Magier. Dekan Ezzos Frage war durchaus berechtigt. Warum lebten dort heute Magier?
Sie rief sich in Erinnerung, was sie in Ros Erinnerungsschiff gesehen hatte. Eine Stadt mit heruntergekommenen Häusern und Gassen voller Unrat in den Stadtteilen der Nichtmagier, schöne Häuser, gepflegte Vorgärten und weitläufige Plätze im Colligat. So hatte sich das Dekanin Iva sicher nicht vorgestellt.
„Ich…“ Teese hoffte auf eine schnelle Eingebung, doch blieb diese aus. „Ich weiß es nicht.“
Dekan Ezzo sah gegen den Himmel als sein Seelentier über sie hinweg glitt, ein goldener Drache von besonderer Schönheit und Eleganz.
„Es gab Magier, die Nichtmagier aus Schastel Awrosch geheiratet haben“, erklärte er dem Mädchen. „Und nicht alle wollten ihre neuen Lebenspartner mit nach Weltenei bringen, denn das würde bedeuten, dass sie ihre Familie zurücklassen müssten. Auf Weltenei dürfen nur Magier leben, ihre Lebenspartner und deren Kinder – und selbst das nur solange der entsprechende Magier lebt. Wenn ich einmal in das große Ganze eingehen werde, werden zum Beispiel Marisan und Schirniel den Inselberg verlassen müssen.“
Teese nickte verstehend. „Und deswegen sind viele Magier gleich zu ihrer angeheirateten Familie gezogen. Dann konnten die Nichtmagier alle dort wohnen bleiben, wo sie bereits immer gelebt haben.“
Und die Magier hatten in der neuen Welt keine Familie. Da war es ohnehin eigentlich viel sinnvoller wenn einer zur Familie zog als wenn die ganze Familie zu einem zog oder der neue Ehemann seine Familie zurücklassen musste, um zu seiner neuen Magierfrau zu ziehen.
„Deswegen leben auch nicht sehr viele Nichtmagier hier“, erkannte Teese auf einmal. Nur Ehepartner und Kinder waren auf Weltenei an Nichtmagiern erlaubt. Wer auch immer diese Gebot oder Verbot erlassen hatte.
Dekan Ezzo nickte. „Die meisten der Magier, die hier leben sind nicht verheiratet. Zurzeit leben nur vier verheiratete Paare auf Weltenei und nur zwei davon haben Kinder.“
Das hieß, dass es hier noch nichtmagische Kinder gab, die Teese nie gesehen hatte. Immerhin wusste sie nur von Dekan Ezzos Kindern. Wer wohl sonst noch Kinder hatte? Und wie alt sie wohl waren?
Die Frage wurde Teese nicht wenig später beantwortet, als sie und der Dekan das Dekanat betraten und Teese sich in die Küche verabschiedete. Sie und Marisan hatten sich bereits vor Weihnachten zum Backen verabredet und Teese hatte Liina mitbringen wollen, damit ihre beiden Freundinnen sich einmal persönlich kennenlernen konnten.
Anscheinend hatte Marisan das Gefühl gehabt, dass sie ebenfalls noch jemanden mitbringen sollte, denn als Teese in die Küche kam, waren nicht nur Liina und Marisan anwesend, sondern auch ein kleines Mädchen mit dunkler Haut, einer breiten Nase und wirren krausen Haaren.
„Hallo Teese“, grüßte Marisan und sprang erfreut von ihrem Platz am Küchentisch auf, als Teese herein kam.
„Wie war Dein Unterricht?“, erkundigte sich Liina. Die kleine Chinesin saß hinter dem Tisch auf einer Bank und hatte ein Buch vor sich aufgeschlagen, in dem sie blätterte.
„Interessant“, sagte Teese und sah etwas unschlüssig zu dem kleinen Mädchen, das neben dem Tisch stand und an einer Bretzel kaute. Das Kind war noch jünger als Schirniel, Marisans kleiner Bruder. Vielleicht war sie drei oder vier.
„Das ist Cormela“, stellte Marisan vor, der Teeses Blick nicht entgangen war.
„Sie ist eine Nichtmagierin“, fügte Liina hinzu, die sich wieder in ihr Buch vertieft hatte.
„Sie ist die Tochter von Magister Jerv und Tuluman“, erklärte Marisan.
Die kleine Cormela musterte Teese scheu und drückte sich mit dem Rücken gegen einen der Stühle. Jetzt, da Marisan es erwähnt hatte, konnte Teese die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter erkennen, dieselbe gedrungen Gestalt, die plattgedrückte Nase, die dunkle Hautfarbe und die krausen Haare.
„Hallo“, sagte Teese und gab sich Mühe besonders freundlich zu klingen.
Sie musste an Irmalie denken, die Urenkelin von Magister Meska, die sie im Reservat gesehen hatte. Nichtmagier hielten Magiern gegenüber stets scheuen Abstand. So als wären sie irgendwelche Könige und Königinnen oder Filmstars – und das selbst wenn Magier zu ihrem engeren Familienkreis gehörten. Teese fand das noch immer sehr befremdlich.
„‘llo‘, nuschelte Cormela nach einigem Zögern und biss wieder in ihre Bretzel.
„Ha, ich habe es“, erlöste Liina Teese von einem krampfhaften Versuch, eine Unterhaltung anzufangen. „Hier, Zehrkuchen.“
Marisan wirbelte herum und sah auf das für sie über Kopf liegende Buch. „Ja, das ist es.“
„Hm, das ist recht einfach.“ Liina überflog den Text, der wohl anscheinend ein Rezept für Zehrkuchen war. Teese hatte noch nie von einem solchen Gebäck gehört.
„Zehrkuchen“, wiederholte sie etwas ratlos. „Was für eine Art Kuchen ist das?“
„Oh, eigentlich ist es überhaupt kein Kuchen“, erklärte Marisan bereitwillig. „Es ist ein Brot, das man auf lange Reisen mitnimmt. Es ist sehr lange haltbar und schmeckt zudem lecker, auch noch nach Wochen.“
„Es ist mit getrockneten Äpfeln und Nüssen“, ergänzte Liina. „Aha und wohl Rosinen. Das meint ‚Trockentrauben‘ doch wohl, oder?“
Die Frage hatte wieder Marisan gegolten, die sich von Teese wieder Liina zuwandte. „Ja, Rosinen heißen sie bei Euch wohl. Man nimmt Weintrauben und trocknet sie auf einem Gitter in der Sonne.“
Marisan drehte sich wieder zu Teese um. „Als ich meinem Vater erzählt habe, dass wir heute zusammen backen wollen, hat er vorgeschlagen, wir sollten doch Reiseproviant backen.“
„Okay.“ Teese hatte nichts dagegen einzuwänden.

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