Reisevorbereitungen (4/19)

Posted on Februar 24, 2012

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„Was glauben die Nichtmagier denn, von wem sie abstammen?“, erkundigte sich Teese und zwang sich, ihr Gedanken bei ihrer heutigen Lektion zu halten.
„Sie glauben, dass sie von Adam und Eva abstammen, welche Gott aus dem Paradies in diese Welt vertrieben hat.“
„Oh.“
Das war so banal, dass Teese fast ein wenig enttäuscht war. Das war das, was sie auch im Kindergottesdienst gelernt hatte und geglaubt hatte, bis ihr Vater ihr etwas von Dinosauriern erzählt hatte, von Urmenschen und dem Neandertaler.
„Nichtmagier sind Menschen wie wir alle“, sagt Dekan Ezzo. „Und daher ist ihre Ansicht auch vollkommen korrekt. Immerhin stammen alle Magier von Adam und Eva ab.“
„Wir stammen aber doch von den Affen ab“, korrigierte ihn Teese.
Ein Lächeln glitt über Dekan Ezzos Gesicht. Teese kannte seine Lächeln inzwischen alle. Dieses war das gütige Vaterlächeln. Es beinhaltete, dass er etwas besser wusste als Teese, dass er ihr ihr Nichtwissen aber als Kind nachsah. Teese mochte dieses Lächeln überhaupt nicht. Sie kam sich dabei kindisch und klein vor.
„Manchmal gibt es mehrere Wahrheiten“, sagte der Dekan. „Auch wenn sie sich oberflächlich betrachtet zu widersprechen scheinen, sind sie dennoch alle wahr.“
Teese wirkte nicht sehr überzeugt, was dem Dekan nicht entgangen sein dürfte. Allerdings legte er es anscheinend nicht darauf an, Teese in Theologie zu unterrichten.
„Hast Du sonst irgendwelche Fragen zu dem, was Du heute gesehen hast?“, wollte er statt dessen wissen.
Teese schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wirklich.“
„Dann ist die Stunde für heute beendet. Gehen wir zurück ins Dekanat. Wie ich gehört habe, hast Du eine Verabredung mit meiner Tochter.“
„Ja, wir wollten zusammen backen.“
Teese folgte Dekan Ezzo aus der kleinen Kapelle. Auf den Vorplatz mit seinen Grabplatten vergangener Dekane schien die Sonne vom strahlend blauen Himmel herab. Dennoch war es eisig kalt.
Ein schwarzweißes Kaninchen kam ihnen entgegen gehoppelt. Teeses Seelentier machte die Kälte nichts aus. Dennoch hob Teese Fleck sofort hoch und hielt das Kaninchen mit einem Arm bedeckt.
‚Und, war es interessant?‘, wollte das Kaninchen wissen.
‚Ja‘, sagte Teese. ‚Erinnerungsschiffe anzusehen macht Spaß.‘ Jedenfalls machte es das, solange sie nicht von Ro stammten oder von ihm handelten.
‚Ich würde zu gerne auch einmal ein Erinnerungsschiff erleben‘, meinte Fleck und schob seinen Kopf tief in Teeses Armbeuge als wolle es sich wärmen.
Doch Teese wusste, dass Seelentiere keine Temperaturen wahrnehmen konnten. Sie hatten zwar einen Herzschlag und brauchten ihren Schlaf, aber sie waren keine richtigen Lebewesen. Sie benötigten keine Nahrung und konnten keine körperlichen Gefühle wahrnehmen. Dazu gehörten nicht nur Hitze und Kälte sondern auch Schmerzen. Sie könnte Fleck an den Ohren durch die Gegend tragen und ihr Seelentier würde das nicht weiter stören.
Allerdings wusste ein Seelentier durchaus was Kälte und was Schmerzen waren. Sie waren mit ihrem Menschen im Geiste verbunden als der magische Teil einer Person. Fleck wusste immer, was Teese dachte, was sie fühlte und was sie empfand. Deswegen machte die Feststellung ihres Seelentieres Teese stutzig: Ich würde zu gerne auch einmal ein Erinnerungsschiff erleben…
‚Hast Du nicht gesehen, was ich gesehen habe?‘, wollte Teese irritiert wissen.
‚In der Kapelle?‘ Fleck schob seinen Kopf über Teeses Arm und sah sie an. ‚Nein. Die Kapelle ist ein abgeschlossener Ort. Von dort dringt kein Gedanke hinaus und kein Gedanke dringt dort hinein.‘
‚Oh, das wusste ich nicht.‘ Teese konzentrierte sich kurz als sie die Treppe erreichte, welche von der Kapelle hinauf auf den großen Platz vor der Halle des Lichts führte. Die Stufen waren recht schmal und links von ihnen fiel die Insel steil ab. Nur eine kleine Mauer trennte Teese von einem freien Fall.
‚Das nächste Mal nehme ich Dich mit hinein‘, versprach sie Fleck. ‚Dann kannst Du auch ein Erinnerungsschiff sehen.‘
‚Ich glaube nicht, dass das funktionieren wird‘, erwiderte das Kaninchen. ‚Die Kapelle ist ein anderer Ort. So etwas wie die alte Welt, in die ich Dir auch nicht folgen kann.‘
‚Echt?‘ Teese hatte dem Gebäude bisher nicht mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Für sie war es nur der Aufbewahrungsort der Erinnerungsschiffe gewesen.

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