Reisevorbereitungen (3/19)

Posted on Februar 20, 2012

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„Die Arbeit ist beendet“, wandte sich Teese an ihre Tochter.
Clarischanze nickte. „Sie ist uneinnehmbar.“
„Und sie gehört jetzt Dir und Deiner Familie.“ Teese verspürte einen gewissen Abschiedsschmerz. Es war lange abzusehen gewesen, dass sich ihre Wege trennen würden. Und sie hatte lange genug gewartet. Die Kinder waren alt genug, um das Haus zu verlassen. Was aus ihnen werden würde, wusste nur Gott. Teese konnte sich nur versichern, dass sie getan hatte, was in ihrer Macht stand.
„Wir werden sie Dir zu Ehren Ivas Stadt nennen“, erklärte Clarischanze.
Teese musste lachen. Das war sehr lieb gemeint, aber… „Nein das wäre nicht richtig“, widersprach sie. „Es ist nicht meine Stadt. Es ist Eure.“
„Aber wie sollen wir sie dann nennen?“
Teese überlegte einen Augenblick. Sie hatten keinen Familiennamen. Und weder erschien es ihr richtig, diese Stadt nach ihr zu benennen noch nach ihrer Tochter, ihrem Schwiegersohn oder einem sonstigen Familienmitglied.
„In der alten Welt“, setzte Teese schließlich an, „heißt diese Gegend Avranches. Es gibt dort eine Stadt, mit demselben Namen.“
Teese war bereits einmal dort gewesen, da sie ihre Verbindungen in die alte Welt nie endgültig gekappt hatte. Die Stadt hatte ihr gefallen. Von ihr aus hatte man das Kloster in der alten Welt sehen können. Das Gegenstück zu Weltenei.
„Afroasch“, wiederholte Clarischanze langsam und bedächtig.
„Avranches“, bestätigte Teese schmunzelnd. Clarischanze sprach kein Französisch. Sie sprach nur die Sprache ihrer Mutter, Gälisch. Ihr Mann hatte nur Latein gesprochen, die Sprache seines Vaters, Dekan Zeni. Ohne Magie hätten sich die Kinder der Magier nie untereinander verständigen können.
„Dann soll unsere Stadt ebenso heißen“, sagte Clarischanze und suchte im Blick ihrer Mutter nach deren Zustimmung.
„So soll es sein.“ Teese fand diesen Namen nur passend. „Der Name Eurer Stadt soll Euch immer an unsere Heimat erinnern. An das Land, das auf der anderen Seite liegt.“
Teese blickte wehmütig in Richtung Weltenei, wo sich der einzige Zugang in die alte Welt befand. Ihre Heimat. Ihre, nicht die ihrer Kinder und nicht die ihrer Nachkommen. Sie alle lebten in dieser Welt und ihre Enkel konnten schon nicht mehr in die alte Welt gelangen. Sie waren wirklich eine eigene Art von Mensch und die Magier hatten sie geschaffen, ob es ihnen gefiel oder nicht.

Die Gedanken hallten in Teeses Kopf nach, als sie aus der Erinnerung Dekanin Ivas wieder in ihre eigene Welt zurückkehrte. Einen Augenblick hielt sie noch die Augen geschlossen und konzentrierte sich darauf, wieder ganz sie selbst zu sein.
Ohne die Augen öffnen zu müssen, wusste sie, dass sie Teese war. Noch lange keine Dekanin. Keine Trägerin der violetten Schärpe und keine Mutter, Großmutter und Urgroßmutter der Kinder, die eben noch alle ihre gewesen waren.
Das, was sie gesehen hatte, wurde zu einer Erinnerung einer anderen Person. Es fühlte sie an als wäre sie dabei gewesen und doch wusste Teese, dass es nicht der Fall war. Sie öffnete die Augen und sah, was sie wusste: Sie stand in der Kapelle von Weltenei inmitten des großen Kronleuchters, den sie selbst von der Decke heruntergelassen hatte.
Sie war umgeben von zahlreichen Lüsterarmen, an welche Stücke der Schärpen ehemaliger Dekane gebunden waren. Unzählige silberne Schiffchen waren auf den Armen des Kronleuchters befestigt. Eine kunstvoll gefertigte Flotte schien von Teese nach außen zu streben. Sie trugen mit goldenem Leuchten gefüllte Aura-Kugeln, eine kostbare Fracht. Jedes der Silberschiffe trug eine Erinnerung in sich, die ein Dekan von Weltenei mit seinen Nachfolgern hatte teilen wollen.
Die Erinnerungsschiffe waren ein lebendiges Buch. Und jeder Dekan hatte sein Kapitel hinein geschrieben, hatte dem Kronleuchter das hinzugefügt, was er als wichtige Lektion für zukünftige Dekane erachtete, für junge Magier wie Teese.
Das Mädchen hatte inzwischen gut ein Dutzend Erinnerungsschiffe gesehen, seit sie unter Dekan Ezzos Anleitung begonnen hatte, sie zu betrachten. Und sie hatte bei jeder Erinnerung verstanden, warum der jeweilige Dekan sie ihr hinterlassen hatte. So auch bei dieser.
„Schastel Awrosch“, sagte sie schließlich.
Dekanin Iva hatte die Stadt gegründet, um ihren nichtmagischen Nachkommen eine sichere Zuflucht zu bieten. Sie hatte befürchtet, dass die Nichtmagier in der neuen Welt einen schweren Stand haben würden, dass sie vielleicht nicht überleben würden.
Doch Teese wusste, dass ihre Furcht unbegründet gewesen war. Schastel Awrosch existierte noch heute. Es war der Sitz des Grafen von Awrosch, dessen Sohn Nysrael Teese in Thorhafen kennengelernt hatte. Schastel Awrosch war eine blühende Stadt. Es hatte vor ihren Toren Kriege gegeben, wie Teese wusste, aber die Stadt hatte überdauert und ihre Bewohner…
„Die Menschen in Schastel Awrosch sind die Nachfahren von Dekanin Iva?“, wollte sie von Dekan Ezzo wissen.
Der Dekan hatte Teeses Ausflug in die Erinnerungen Dekanin Ivas mitten im Raum stehend verfolgt. Er stand ruhig und unbewegt da, die Arme vor dem Körper verschränkt und erinnerte Teese in dieser Haltung mehr an ein Standbild denn an einen Menschen aus Fleisch und Blut. Erst als der Dekan ihr antwortete, verflog dieser Eindruck.
„Die Grafen von Awrosch können ihre Blutlinie bis auf Dekanin Iva zurückführen“, beantwortete Dekan Ezzo Teeses Frage. „Die übrigen Menschen, die heute in der Stadt wohnen wissen hingegen nicht, welcher Magier ihr Urahn war. Und wir wissen es auch nicht. Niemand hat Buch darüber geführt. Es wäre auch ein schwieriges Unterfangen. Nichtmagier bevölkern diese Welt sein über tausend Jahren.“
Teese legte die von ihr betrachtete Aura-Kugel sorgfältig in ihr Erinnerungsschiff zurück. Das goldene Leuchten schien warm zu ihr herüber. Tausend Jahre… Sie wusste, dass Dekan Zeni im achten Jahrhundert die Welten getrennt hatte. Das war tausendzweihundert Jahre her.
„Alle zwanzig Jahre“, rechnete ihr Dekan Ezzo vor, „wird eine neue Generation geboren. Und die meisten waren viel zu sehr mit ihrem alltäglichen Leben und Überleben beschäftigt, um sich über ihre magischen Ahnen Gedanken zu machen. Die meisten Menschen sind der Überzeugung, überhaupt nicht von Magiern abzustammen. Nur die führenden Schichten behaupten dies von sich.“
Teese hob langsam ihre Arme und der Kronleuchter erhob sich leicht zitternd in die Höhe. Die Aura-Kugeln klirrten bei der Bewegung wie leere Sektgläser auf einem Tablett. Der Kronleuchter erreichte seinen Platz unter dem Dach der Kapelle und Teese konnte ihre Arme senken ohne den Leuchter dabei zu bewegen.
„Du solltest“, fuhr der Dekan fort, „Dir dies merken, wenn Du mit Ro unterwegs bist. Du bist eine normale Nichtmagierin. Magier gab es keine in Deiner Blutlinie – was sogar der Wahrheit entspricht.“
Teese zögerte, nickte dann aber. Studenten wie sie kamen aus der alten Welt und ihr Eltern waren natürlich keine Magier. Aber während dies bei ihren Freunden, Mitstudenten und den erwachsenen Magiern wohl auch für alle anderen Vorfahren galt, war sich Teese bei sich selbst nicht so sicher.
Nein, das stimmte nicht. Eigentlich war sie sich sogar sicher, dass es einen Magier unter ihren Vorfahren gegeben hatte. Sie hatte es eigentlich schon im letzten Halbjahr gewusst. Aber sie hatte es nicht wirklich wahrhaben wollen und sie wollte es Dekan Ezzo auch nicht offenbaren, solange er glaubte, sie wüsste noch nicht einmal, wer Ro wirklich war: Dekan Roath, der Verdammte, der Dekan, dessen Namen aus der Geschichte Welteneis getilgt worden war. Denn dann müsste sie ihm auch erklären, dass sie seine Erinnerungsschiffe gesehen hatte und dass Magister Nabi sie aufbewahrt hatte. Vielleicht würde sie deswegen nur bedingt Ärger bekommen, Magister Nabi aber mit Sicherheit.

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