Reisevorbereitungen (2/19)

Posted on Februar 17, 2012

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Teese stand auf der breiten Stadtmauer von Schastel Awrosch und blickte hinunter in den Burggraben, in welchem sich tosende Wassermassen im Kreis drehten und den Graben beständig auswuschen. Das Wasser strudelte durch Magie bewegt schäumend um die Stadt, während Teeses Familie im sicherem Abstand neben ihr auf der Mauer stand und das Schauspiel verfolgte.
Teeses Tochter Clarischanze sah auf die brodelnden Wassermassen beeindruckt aber vollkommen ruhig. Sie war jetzt an die sechzig Jahre alt und mit Magie aufgewachsen. Immerhin war ihre Mutter eine Magierin, Dekanin von Weltenei und Trägerin der violetten Schärpe.
Clarischanze konnte keine Magie wirken, aber sie wusste, wie sie funktionierte und sie wusste, dass weder ihre Mutter noch einer der anderen Magier sie je gegen sie einsetzen würde. Magie diente immer nur zu ihrem Schutz, machte ihr das Leben angenehmer oder brachte schöne Dinge hervor.
Clarischanzes Mann, der leider schon vor zehn Jahren verstorben war, hatte Magie ebenso gesehen. Er war Dekan Zenis Sohn gewesen, das letzte seiner Kinder, bevor der Teiler der Welt in das große Ganze eingegangen war.
Die Anzahl der Kinder der Magier war seitdem deutlich gewachsen. Sie waren immer mehr geworden und hatten sich miteinander vermischt. Kinder waren geboren worden, deren Eltern keine Magier waren.
Teese sah zu Clarischanzes Kindern, ihren Enkeln. Eduhart, Reimambran, Elischanze und Donniera. Sie waren alle um die dreißig Jahre alt und in Thorhafen auf die Welt gekommen nicht auf Weltenei wie ihre Eltern.
Weltenei war nie dazu ausgelegt gewesen, Hunderte von Menschen zu beherbergen. Die Magier hatten gedacht, sie würden unter sich bleiben und nicht mehr Platz benötigen als der Inselberg ihnen bot. Sie hatten gedacht, dass sie hier unendlich alt werden würden als die ewigen Hüter der Magie.
Dekan Zeni hatte geglaubt, eine abgekapselte Welt erschaffen zu haben. Doch das war nicht der Fall. Die Welten waren letzten Endes untrennbar miteinander verbunden geblieben. Und jedes Jahr, das ein Magier länger lebte als ihm zustand, war der alten Welt Wissen verschlossen geblieben.
Dekan Zeni hatte es nicht glauben wollen. Der größte der Magier hatte eine verkrüppelte Welt erschaffen. Magie war nun sicher, aber sie fehlte in der alten Welt – so als wäre sie dort tatsächlich vernichtet worden.
Sie hatten lange gebraucht, um die nötigen Schlussfolgerungen zu ziehen und sie in die Tat umzusetzen. Magier hatten ihr Leben selbständig beendet und Magie war in die alte Welt zurückgeflossen und dort zu etwas geworden, das man gemeinhin als Inspiration bezeichnete. Ideen, Vorstellungen, der Wille etwas zu verändern.
Aber anscheinend wurde nicht alles zu Inspiration. Etwas der Magie blieb in der alten Welt übrig. Teese war noch immer nicht sicher, ob sie den Kreislauf richtig verstanden, aber es war offensichtlich, dass in der alten Welt mit Magie begabte Menschen geboren wurden, deren Talent sich dort aber nicht entfalten konnte.
Während auf Weltenei die Magier auszusterben drohten, entstand eine neue Riege potentieller Magier. Was hatte näher gelegen, sie nach Weltenei zu bringen, sie zu schulen und ihnen den Zweck ihres gottgegebenen Talents zu offenbaren?
Fast alle verstanden, welche Auszeichnung ihnen zuteil geworden war. Doch nicht alle waren bereit, den Preis dafür zu bezahlen: Getrennt zu sein von denjenigen, die sie liebten, ihrer Familie, ihren Freunden. Wen wunderte es, dass sie sich Lebenspartner in der neuen Welt gesucht hatten? So waren die Menschen. So war es ihnen vorherbestimmt. Seid fruchtbar und mehret Euch. So hieß es doch.
Teese sah zu der Gruppe jüngerer Kinder und Jugendlicher, die weiter am Rand standen und voller Staunen aber auch Furcht auf die magisch bewegten Wassermassen sahen. Ihre Urenkel. Gut ein Dutzend. Und auch sie würden eines Tages Kinder bekommen. Ihre Linie würde blühen und gedeihen. Doch keiner ihrer Nachkommen würde ein Magier sein und doch würden sie in der neuen Welt leben.
Erst war Weltenei zu klein geworden, dann Thorhafen. Und die Welt voller bedrohlicher magischer Lebewesen war nicht sicher genug, als dass die nichtmagischen Nachkommen einfach irgendwo in der Weite des Landes eine Hütte bauen konnten und Dörfer gründen. Drachen würden Kinder reißen, Riesen würden Forderungen stellen oder das Land verwüsten und die Formori würden in den Menschen dumme Arbeitskräfte sehen, die man nur vom Land pflücken müsste.
Nein, ohne Schutz durch Magie konnten Teeses Kinder und Kindeskinder nicht überleben. Und doch brauchten sie Platz. Teese hatte daher entschieden, ihnen eine Stadt zu bauen. Sie war Elementmagierin und konnte das benötigte Baumaterial von weither durch die Luft herbeitragen lassen. Sie konnte Erde mit Magie ebnen, Fundamente ausschachten und Gräben anlegen.
Vieles hatte ihre Familie selbst gebaut und sie hatte es mit Magie verstärkt. Häuser, Ställe und Felder waren nebeneinander errichtet und angelegt worden und um alles herum hatte Teese eine Mauer bauen lassen, die sie mit Magie verstärkt hatte. Kein Riese würde sie überwinden können. Drachen würden nicht einmal wagen über sie hinweg zu fliegen. Innerhalb der Mauern war ihre Familie sicher.
Der Wassergraben, den Teese in diesen Augenblicken durch die Kraft des Wassers auswaschen ließ, würde die Stadt zudem vor den Zugriffen anderer Nichtmagier schützen. Teese dachte an Magister Moras Enkel, die ein recht unverschämtes Verständnis von Eigentum hatten. Sie nahmen, was sie bekommen konnten und Mora war viel zu weichherzig, um seine Nachkommen dafür zur Rechenschaft zu ziehen.
Teese verdrängte den Gedanken an diese unschönen Entwicklungen in ihrer Welt. Ihre Kinder waren ihr ganzer Stolz. Ihre Enkel waren rechtschaffene Menschen und ihre Urenkel wurden von ihnen erzogen und unterrichtet.
Und nun hatte Teese ihnen eine sichere Zuflucht erbaut, die ihre Familie schützen würde, wenn es Teese einmal nicht mehr gab. Und das würde bald der Fall sein. Auch an ihr würde es in den nächsten Jahren sein, ihre Magie zum Wohle der alten Welt freizusetzen und aus dem Leben zu scheiden. Ihr Nachfolger war bereits Magister und kein junger Mann mehr. Sie würde ihren Platz bald räumen müssen.
Teese hob ihre Hand und der Zustrom in den Wassergraben verebbte. Ihre Urenkel hingen voll Staunen an der Mauer und sahen in das nun ruhige Wasser. Sie wussten so gut wie gar nichts mehr über Magie. Ihre Urgroßmutter lebte zwar noch, aber sie war doch so weit von ihnen entfernt, dass die Kluft unüberwindbar war. Nichtmagier waren sie. Nicht mehr die Kinder der Magier, sondern eine eigene Art.
Auch wenn Teese dies schmerzte, so konnte sie es nicht ändern. Dies war der Lauf der Welt. Und sie würde diese Welt so annehmen wie sie war, weil sie wusste, wozu sie diente.

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