Reisevorbereitungen (1/19)

Posted on Februar 13, 2012

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Gabriels Herz schlug schneller, als er am Morgen in den Lesesaal kam.
An der linken Seite, direkt hinter dem Pult der stets mürrisch dreinblickenden Aufsicht, befanden sich die Fächer der Schüler des Internats. Es war eine Wand voller viereckiger Boxen, sortiert nach Klassen und versehen mit Namensschildchen.
In die Fächer legten die Lehrer Übungsbögen und korrigierte Hausaufgaben. Mitschüler legten Zeitschriften und Bücher hinein, die sie einander liehen oder zurückgeben wollten und die Hauspost steckte Briefe oder Benachrichtigungen über eingetroffene Päckchen in die Fächer.
In Gabriels Fach lag ein Brief.
Der Junge versuchte seine eigene Aufregung in Zaum zu halten. Er hatte in den ersten drei Wochen auf dem Internat bereits einen Brief seiner Eltern erhalten und einen von seinem Onkel. Ein Brief seiner Eltern war nie ein Grund zur Freude und der seines Onkels hatte nur freundliche Ermahnungen enthalten.
Gabriel aber wartete auf einen Brief seines Bruders. Er hatte ihm vor seiner Abreise einen Brief mitgegeben, in dem er ihn gebeten hatte, ihm sobald es möglich war zu schreiben. Er hatte gesehen, wie Daniel diesen Brief in seine Hosentasche gesteckt hatte. Er hatte seinem Bruder eingebläut ihn nicht abzugeben, selbst wenn einer der Lehrer sie auffordern würde, ihnen private Dinge auszuhändigen. Er solle ihn behalten, unter allen Umständen. Nur so würde ihr Plan funktionieren.
Er hoffte, dass Daniel den Brief gleich am ersten Tag gelesen hatte und bisher einfach noch nicht die Möglichkeit gehabt hatte, ihm zu schreiben. Aber er fürchtete insgeheim, dass sein Bruder den Brief einfach vergessen hatte, dass er seine Schulrobe angezogen hatte und der Brief den Rest des Schuljahres in der Hosentasche verbleiben würde.
Wenn sie dann Glück hatten, würde niemand die Kleidung waschen und den Brief finden. Wenn sie Pech hatten, würden die Kleidungsstücke gewaschen und die Brüder wären inzwischen aufgeflogen.
‚Aber wenn das so wäre‘, versuchte sich Gabriel selbst zu beruhigen, ‚hätte ich das bereits erfahren.‘ Denn das hätte Ärger gegeben. Gewaltigen Ärger. Wenn seine Eltern davon erfahren würden, würden sie Gabriel wieder auf eine andere Schule schicken und Daniel hierher. Da war er sich sehr sicher.
Der Junge atmete tief durch und näherte sich den Fächern. Er gab sich nach außen betont uninteressiert, als er den Brief herauszog und ihn beinahe nebensächlich umdrehte, um den Absender zu lesen.
Der Brief kam von seinem Bruder.
Gabriel Herz machte vor Aufregung einen Aussetzer. Er klemmte den Brief mit seinem Kugelschreiber gegen seinen Notizblock und ging, um sich seine Bücher zu holen. Über eine mit Filz beklebte Treppe erreichte er eine Galerie, welche die gesamte Länge des Lesesaals einnahm und bog in die Reihe für modernes Englisch ab.
Einen Augenblick überlegte er, ob er den Brief hier lesen sollte, entschied sich aber dagegen. Wenn ihn jemand dabei ertappte, wie er einen Brief heimlich las, würde er nur unnötig dessen Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nein, unauffälliger wäre es, den Brief am Platz zu lesen.
Gabriel suchte sich seine Bücher zusammen und verließ die Galerie über die mittlere Treppe. Sie führte hinunter zu den Lesepulten. Kleine grüne Lampen standen auf den Pulten. Einige waren sogar eingeschaltet, obwohl das grelle Oberlicht brannte und die Sonne aus der Glasfront zum Innenhof schien.
Gabriel suchte sich einen freien Platz am Rand, wo ihn wenigstens die Sonne nicht blenden würde und schlug seine Bücher auf. Er zog den Kugelschreiber von seinem Block und öffnete den Brief, indem er ihn unzeremoniell mit dem Zeigefinger aufriss.
Seine Ungeduld bekämpfend zog Gabriel den Brief aus dem Umschlag. Es war ein einfacher weißer Zettel, quadratisch und liniert. Die schön geschwungene Handschrift seines Bruders schwang sich harmonisch über das Blatt. Daniel war ein ordnungsliebender Junge anders als Gabriel, dessen Buchstaben mal in die eine und mal in die andere Richtung kippten.
Er überflog den Brief und hielt Ausschau nach dem Stichwort, das sie vereinbart hatten. Es stand im allerletzten Satz: P.S.: Die Schokolade von Weihnachten ist bereits gegessen.
Gabriel atmete erleichtert durch und las den Brief dann sorgsam Satz für Satz, um nur keine mögliche versteckte Andeutung zu übersehen. Aber wie es aussah, waren alle seine Sorgen unbegründet gewesen. Niemand hatte etwas bemerkt. Alles war in bester Ordnung. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schief gehen, oder?
Gabriel schob den Brief hinten in seinen Notizblock. In einem halben Jahr wären sie wieder zusammen. Und dieses Mal würde sich Daniel nicht überreden lassen, seinen Bruder irgendwo anders hingehen zu lassen als auf dieselbe Schule wie er.

***

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