Lektionen in Magie (20/20)

Posted on Februar 10, 2012

0


„Irgendwie ist er anders als im letzten Halbjahr“, sagte Liina schließlich. Ihre Stirn war noch immer in Falten gelegt.
Teese nickte. „Flaumschnabel und Seth haben es auch gleich bemerkt.“ Sie dachte an ihre Ankunft an der Mole von Weltenei. „Sie meinten, er sei zwar Rinnir, aber er sei anders. Wir glauben, dass irgendetwas zu Hause passiert sein muss, irgendetwas Schlimmes.“
„Hm.“ Liina zog die Nase kraus. „Hast Du ihn danach gefragt?“
„Nein.“ Teese machte eine abwehrende Handbewegung. „Das wäre doch…“
Liina sah sie fragend an.
„So etwas fragt man nicht“, sagte Teese nur.
Liina dachte kurz nach und nickte. „Nein, natürlich fragt man so etwas nicht direkt, aber man könnte doch…“ Sie seufzte. „Gut, ich werde versuchen, ihn unauffällig zu fragen. Irgendwie bist Du darin nicht sehr geschickt.“
„Danke“, murmelte Teese. Das war mal wieder ein Kompliment.
„Was?“, wollte Liina wissen.
Teese zuckte mit den Schultern. „Du hast schon Recht.“ Dennoch fühlte es sich nicht schön an, so etwas gesagt zu bekommen und das von der besten Freundin. Und Liina war doch ihre beste Freundin, oder etwa nicht.
„Und worüber wolltest Du jetzt mit mir reden?“, hakte Liina nach.
„Eigentlich genau darüber.“ Teese schüttelte ihre unschönen Gedanken ab. „Ich habe mitbekommen, dass Rinnir gestern einen Brief von seinem Bruder im Klo herunterspülen wollte und…“
„…und?“
„Äh, also ich habe ihn herausgefischt.“ Teese war es wirklich peinlich.
„Ah, sehr gut.“ Liina hingegen schien es nicht weiter verwerflich zu finden. „Und was stand darin?“ Ihre Stirn kräuselte sich erneut. „Moment… einen Brief von seinem Bruder? Wann hat er den denn zugeschickt bekommen? Er kam doch wohl direkt von zu Hause, oder?“
Daran hatte Teese noch gar nicht gedacht. Rinnir war aus den Ferien gekommen. Von zu Hause. Oder jedenfalls hatte sie das angenommen. Und zu Hause, dort musste doch auch sein Bruder gewesen sein. Teese hatte gesehen, wie er im Auto gesessen hatte, als seine Eltern Rinnir abgeholt hatten.
Warum sollte sein Bruder ihm dann einen Brief geschrieben haben, wenn sie sich die Ferien doch gesehen hatten? Und warum hatte Rinnir ihn mit nach Weltenei genommen und hier dann im Klo herunter zu spülen versucht? Und – Liina hatte völlig Recht – wann hatte Rinnirs Bruder diesen Brief geschickt und wohin?
„Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wann er den Brief bekommen hat“, gab Teese zu. „Vielleicht stand einmal ein Datum im Briefkopf, aber der Anfang ist vollkommen weggewaschen.“
Endlich zog sie das gewellte Blatt aus ihrer Robe und faltete es auf. Liina schnappte sich den Brief mit deutlicher Neugier. Schnell überflog sie die Zeilen.
„Interessant.“ Liina leckte sich über die Lippen. „Seine Eltern scheinen ihn und seinen Bruder getrennt zu haben. Der eine geht nach Weltenei, der andere auf eine normale Schule. Und wenn Rinnir nicht nach Weltenei hätte zurückgehen wollen, wären sie jetzt zusammen auf dieser anderen Schule.“
Teese sah Liina über die Schulter. „Ja, so klingt es.“
„Aber Rinnir ist wohl nur für dieses Halbjahr zurück“, stellte Liina fest.
Teese zögerte. „Weil…?“
„Na, weil hier steht: Nach den Sommerferien werden wir somit definitiv zusammen zur Schule gehen.“ Liina deutete auf den letzten Satz des ersten Absatzes. „Was immer Rinnir auch vor hat, es betrifft wohl nur dieses Halbjahr. Sehr interessant.“
Teese blickte auf die geschriebenen Zeilen. So weit hatte sie gar nicht gedacht.
Schreib mir, sobald Du kannst, was es Neues gibt“, las Liina weiter. „Pass aber auf, dass Du nicht auffliegst. Sonst wird es riesigen Ärger geben.
„Wir müssen Rinnir dieses Mal auf alle Fälle davon abhalten, etwas Dummes zu tun“, sagte Teese eindringlich.
Liina sah nachdenklich auf die Zeilen. „Ja, vermutlich wäre das besser. Jedenfalls wüsste ich zu gerne, was er da wieder vorhat. Nicht, dass auch wir einen riesigen Ärger kriegen oder gar etwas Schlimmes passiert. Wenn sich Rinnir in Schwierigkeiten bringen will, ist das sein Problem, aber wenn er wieder jemanden mit hineinzieht wie Dich im letzten Jahr…“
Liina schüttelte ein wenig ärgerlich den Kopf. „Er kann von Glück sagen, dass nur er sein Talent verloren hat und Du Deines nicht auch. So etwas fahrlässiges…“
„Äh, ja, genau“, stimmte dem Teese zu, auch wenn sie sich eigentlich wirklich eher Sorgen um Rinnir machte. „Kannst Du herausfinden, wie der Anfang des Briefs lautet?“
Liina fuhr mit der Hand über das Papier. „Das dürfte schwierig werden.“
„Oh.“ Teese war sichtlich enttäuscht. „Aber Du hast sogar Roaths Namen wieder sichtbar gemacht und der war mit starker Magie ausgelöscht worden.“
„Ja“, sagte Liina. „Du sagst es. Er ist mit Magie ausgelöscht worden. Wir haben nur einen Gegenzauber gebraucht, der stark genug war. Rinnir hat die Worte auf dem Brief ohne Magie ausgelöscht. Sie sind einfach weg, nicht magisch unterdrückt oder etwas in der Art. Da ist nichts mehr auf dem Blatt, außer vielleicht…“
Liina hielt das Papier vor ihr Gesicht, so dass ihre Nase das Blatt beinahe berührte. „Vielleicht hat der Füller einen Abdruck hinterlassen“, sagte sie nachdenklich. „Ich sehe jetzt zwar nichts, aber vielleicht ist davon noch etwas übrig. Wie hast Du ihn getrocknet?“
„Mit einem Sympathiezauber“, sagte Teese.
Liina schnüffelte an dem Blatt. „Vanille“, entschied sie dann. Während Teese Magie in ihren Fingern kribbeln spürte konnte Liina sie riechen. In diesem Fall roch sie wohl nach Vanille.
„Kein allzu starker Zauber“, setzte Liina hinzu.
„Naja, ich wollte auch nur ein Blatt trocknen“, verteidigte sich Teese.
„Ja, klar.“ Liina wirkte geistesabwesend. „Ich werde schauen, was ich machen kann. Aber das könnte etwas dauern.“
Sie faltete das Blatt wieder zusammen und schob es in ihre Robentasche. „Wenn Rinnir fragt, was wir gemacht haben, dann sag ihm, wir hätten unsere Stundenpläne abgeglichen, um zu sehen, wann wir zusammen in der Bibliothek arbeiten können.“
Teese sah in die Trainingshalle, wo Rinnir und Sum bei Magister Pim und Dekan Ezzo standen. Die Unterhaltung dort schien sehr lebhaft zu sein. Dennoch sah Rinnir immer wieder zu ihnen herüber.
„Gut“, sagte Teese, froh darüber, dass Liina sich eine Ausrede hatte einfallen lassen.
Rinnir winkte mit der Hand, dass sie herüberkommen sollten. Vermutlich erhoffte er sich von Teese und Liina Unterstützung bei seinem Versuch, seine Waffen tauschen zu dürfen. Teese fragte sich, warum er das wirklich wollte, wenn er plante, nur noch ein halbes Jahr hier zu sein.
Während Liina und sie Rinnirs Winken folgten und zur Trainingshalle gingen, hoffte Teese, dass Liina den Brief schnell entziffern könnte und dass sie danach klarer sehen würde, was Rinnir plante. Sie hatte allerdings das ungute Gefühl, dass es ihr nicht wirklich gefallen würde.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements