Lektionen in Magie (19/20)

Posted on Februar 6, 2012

2


„Ich glaube, ich möchte kein Double von mir erstellen“, sagte Sum schaudernd. „Das ist nichts für mich.“
Teese stimmte dem insgeheim zu. Jetzt, da sie wusste, dass etwas ‚danebengehen‘ konnte, wie Liina es formuliert hatte, hatte sie wenig Lust, ihre Studien in diesem Bereich fortzusetzen. Allerdings würde Dekan Ezzo das wohl nicht gelten lassen. Er hatte immerhin auch ein Double erschaffen. Er würde sie so lange üben lassen, bis sie ihr Double erstellt hatte. Da gab es wohl kein Entrinnen. Ebenso wenig wie beim Schwerttraining.
Teese sah zur Trainingshalle, in welcher Dekan Ezzo noch immer mit Magister Pim sprach. Nach und nach trudelten auch einige Schüler ein, die Teese nicht kannte. Es waren eindeutig ältere Schüler. Das einzig bekannte Gesicht gehörte Rinnir, was Teese allerdings ebenso verwunderte. Keine von Rinnirs gewählten Waffen waren die Wurfsterne.
Der Junge kam erstaunlich elanvoll über die Treppe nach oben und hielt auf Teese, Liina und Sum zu. Seine Seelentier, die suppentellergroße Schildkröte, hatte er im linken Arm. Vermutlich war sie einfach sehr langsam, so dass sie mit ihm nicht Schritt halten konnte. Da war es eindeutig besser, sie zu tragen.
„Hallo Allerseits“, grüßte er fröhlich.
Teese musste blinzeln. So kannte sie Rinnir gar nicht. Er war eher der stille Typ, grüblerisch und misstrauisch. Die ersten beiden Eigenschaften hatten Teese nie sonderlich gestört, die letzte allerdings hatte ihr im letzten Schuljahr zunehmend zu schaffen gemacht. Es war nicht leicht, jemanden zu mögen, der jedem und allem misstraute. Doch das schien nun wie weggeblasen.
„Habt Ihr alle Wurfsterne-Training?“, wollte er wissen.
Sum schüttelte den Kopf. „Ich nicht.“
„Ich auch nicht.“ Liina machte eine abwehrende Haltung.
„Ich schon.“ Teese irritierte die Frage. „Aber Du nicht.“
Rinnir lachte verlegen. „Naja, noch nicht. Aber ich werde Magister Pim fragen, ob ich meine Waffen nicht tauschen kann. Ich habe mit Magister Algea gesprochen und sie meinte, ich könne es zumindest versuchen.“
Sum schaute verdutzt drein. „Aber warum willst Du sie tauschen? Mit dem Schwert bist Du doch ganz gut.“
Teese nickte. Rinnir war in ihrem Kurs in Schwertführung und er war sogar ziemlich gut gewesen.
„Ja, schon“, sagte Rinnir gedehnt. „Aber ich habe mir die Waffen einfach so ausgesucht, ohne mir viel Gedanken zu machen. Eigentlich wollte ich doch nicht wieder hierher zurückkommen. Schwerter passen nicht wirklich zu mir. Ich möchte etwas, das mir mehr Spaß macht – und mir mehr liegt.“
„Ah“, brachte Teese nur hervor.
„Und was möchtest Du machen?“, wollte Sum wissen. „Wurfsterne und…“
Rinnir machte eine Handbewegung zu Sums Schulter. „Bogenschießen. Sicher könnt Ihr mir dabei helfen, dass ich schnell alles lerne, was ihr im letzten Halbjahr gelernt habt. Wenn Ihr mir helft, wird Magister Pim sicher nichts dagegen haben.“
„Nun“, Sum wirkte unschlüssig.
Liina schwieg. Teese konnte sehen, wie sie ihre Stirn in Falten legte. Das tat Liina immer, wenn sie nachdachte.
„Du bist die beste in unserem Jahrgang“, fuhr Rinnir an Sum gewandt fort. „Wenn Du mir hilfst, werde ich im Nu zu Euch aufgeschlossen haben.“
„Ich – ich weiß nicht.“ Sum wirkte hin und her gerissen.
„Bitte, Sum“, sagte Rinnir eindringlich. „Ich möchte mit Waffen kämpfen, die mir liegen.“
„Also wenn Magister Pim das in Ordnung findet…“ Sum war deutlich zögerlich, was Rinnirs Bitte anging.
„Ich werde ihn gleich fragen.“ Rinnir wirkte entschieden. „Kommst Du mit mir nach unten?“
„Na – gut.“ Sum gab sich einen Ruck.
„Kommt Ihr auch?“, wandte sich Rinnir an Liina und Teese.
„Wir kommen gleich“, beeilte sich Teese zu sagen. Das war ihre Gelegenheit, Liina endlich einmal kurz alleine zu sprechen und die wollte sie nutzen. Der Brief in ihrer Tasche fühlte sich inzwischen bei jeder Berührung schwerer an, eine Bürde, die sie teilen musste. Und Liina war die einzige, die ihr helfen konnte, herauszufinden, was Rinnirs Bruder ihm geschrieben hatte.
Teese fand es jetzt zwar verwerflich, dass sie sich den Brief genommen hatte, aber sie hatte es aus Sorge um Rinnir getan. Irgendetwas verheimlichte er ihnen. Irgendetwas plante er hinter ihrem Rücken und Teese befürchtete, dass es ihn erneut in Schwierigkeiten bringen würde, wie beim letzten Mal.
„Ich wollte mit Liina kurz etwas besprechen“, fügte Teese hinzu.“Dauert nicht lange.“
„Okay.“
Mit Sum im Schlepptau machte sich Rinnir davon. Teese sah ihm nachdenklich nach, ebenso wie Liina.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements