Lektionen in Magie (18/20)

Posted on Februar 3, 2012

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Das Double zerfiel augenblicklich zu feinen Körnern und rieselte zu Boden wie eine zerbröckelnde Sandburg. Gleich darauf war der Boden um Teese herum wieder in seinem Ursprungszustand. Das Double war verschwunden und nur Teeses Schatten war noch auf dem Sandplatz zu sehen. Teese bewegte kurz den linken Arm, um sich zu vergewissern, dass ihr Schatten wieder richtig ‚funktionierte‘, aber alles war ganz normal.
„Die Knetmasse kannst Du behalten, um ein wenig zu üben.“ Dekan Ezzo verlor kein weiteres Wort über die Art, in welcher Teese ihr Double wieder vernichtet hatte. Vielleicht hatte er erwartet, sie würde es auf diese Weise machen.
„Gut.“
Teese knetete die Masse in ihre ursprüngliche Form, auch wenn sie nun nicht mehr so ebenmäßig aussah. Dann schob sie die Knetmasse in ihre Robentasche. Es raschelte kurz als ihre Finger dort auf Rinnirs Brief stießen.
Teese spürte Nervosität in sich aufsteigen. Sie wollte auf keinen Fall Dekan Ezzo erklären müssen, was das für ein Stück Papier war und wie sie in seinen Besitz gekommen war. Sie war sich sicher, dass ihr keine gute Notlüge einfallen würde, anders als Liina, die es immer schaffte, sich geschickt aus der Affäre zu ziehen und das ohne direkt zu lügen.
Allerdings interessierte den Dekan der Brief in Teeses Tasche nicht. Er konnte schließlich nicht ahnen, was Teese getan hatte und selbst wenn, hätte es ihn vielleicht gar nicht interessiert. Teese hingegen fand ihr Verhalten verwerflicher je länger sie den Brief mit sich herumtrug.
„Dann sehen wir uns Donnerstag wieder.“ Dekan Ezzo hatte Teeses Nervosität offensichtlich nicht bemerkt.
Erleichtert darüber und die erste Übung mit ihrem Double hinter sich gebracht zu haben, ohne den Dekan zu enttäuschen, nickte Teese. „Im Dekanat?“
„Nein, in der Kapelle. Wir sollten Dein Studium der Erinnerungsschiffe nicht schleifen lassen. Es gibt noch vieles zu lernen, bevor Du mit Ro aufbrichst.“
Dagegen hatte Teese nichts einzuwänden. Die Erinnerungsschiffe auszulesen fand sie eigentlich ganz spannend. Die Erinnerungen vorhergegangener Dekane zu betrachten, war ein wenig wie Fernsehen. Wenn ein Film sehr spannend war, konnte man alles um sich herum vergessen und sich ganz in den Film vertiefen.
Und bei den Erinnerungsschiffen vergaß man tatsächlich alles. Man erlebte die Erinnerung des jeweiligen Dekans aus dessen Sicht, so wie er etwas erlebt hatte oder wie er sich an etwas erinnerte. Das war sehr interessant und machte auch Spaß – solange es keine Erinnerung von Ro war.
Teese dachte kurz an die Kugeln, welche in Magister Nabis Keller lagen. Die Magister hatte gesagt, sie solle sich auch diese ansehen. Aber bisher waren die Erinnerungen von Dekan Roath allesamt ekelerregend und abstoßend gewesen. Sie fragte sich wirklich, warum sie sie sich ansehen sollte.
Warum hatte Ro überhaupt solche Erinnerungen festgehalten? Er hatte doch damit rechnen müssen, dass sie eines Tages ein Dekananwärter betrachten würde, im Rahmen seiner Ausbildung. Was hatte er denn gedacht, was derjenige über seine Ansichten denken würde? Das, was Roath gedacht und gewollt hatte, konnte niemand gut finden. Teese fand es jedenfalls widerlich.
„Dann viel Erfolg bei Deiner Trainingseinheit“, rissen Dekan Ezzos Worte Teese aus ihren Gedanken.
Sie nahm zur Kenntnis, dass der Dekan ihr viel Erfolg wünschte und nicht viel Spaß. Nun, Spaß würde sie ohnehin nicht haben. Alleine der Anblick von Magister Pim, welcher in der Zwischenzeit in die Trainingshalle gekommen war, ließ Teeses Magen rebellieren. Nein, Spaß würde sie in seinen Stunden nie haben.
Dekan Ezzo ging hinüber zur Halle und betrat sie über die wenigen Stufen, welche zwischen mehreren Rundbögen hinunter führten. Teese sah, wie er Magister Pim ansprach.
„War das ein Double, Teese?“
Teese fuhr herum und sah sich Liina und Sum gegenüber. Die beiden Mädchen hatten die Bögen geschultert, was bei Sum irgendwie cool aussah, bei Liina aber ein wenig lächerlich. Sie war einfach zu klein und dicklich, um den Eindruck einer Kriegerin zu erwecken.
Sum hingegen erschien Teese wie aus einem Fantasy-Film entsprungen. Sie musste an die Unendliche Geschichte denken, deren Verfilmung sie in den letzten Ferien im Kino gesehen hatte. Sum hätte eine vortreffliche Begleiterin für Atreju abgegeben, fand Teese. Ihre Augen waren strahlend blau, ihr Gesicht sonnengebräunt und ihre kurzen blonden Haare standen keck ab. Sie würde auf einem schwarzen Pferd galoppieren, den Bogen geschultert, anmutig und heldenhaft zugleich.
Teese bemerkte Liinas fragender Blick und seufzte über ihre eigene Gedankenverlorenheit. Kein Wunder, dass sie nie so gut sein würde wie ihre Freundin, wenn ihre Gedanken bei jeder Kleinigkeit derart abschweiften.
„Ja, das war ein Double“, beantwortete sie die Frage der kleinen Chinesin. „Aber noch kein wirklich… fertiges.“
Sie wunderte sich nicht, dass Liina wusste, was ein Double war. Sie hatten es natürlich noch nicht bei Magister Elgin durchgenommen, aber Liina verschlang die Bücher in der Bibliothek eines nach dem anderen. Kein Wunder, dass ihr Tutor der Meinung war, sie könne nun schon die Prüfung für die nächste Schärpe ablegen.
„Ist das eine Art Ebenbild?“
Sums Blick galt neugierig Teeses Schatten, der nun allerdings wieder vollkommen harmlos aussah.
„Ein Double ist ein Doppelgänger“, übernahm es Liina Sum über das Double aufzuklären. „Magier nutzen es, um im Kampf Verwirrung zu schaffen oder um ihre Feinde zu täuschen. Es ist recht schwer, ein gutes Double zu erschaffen, das echt genug aussieht, um einen Menschen zu täuschen. Wer einen perfekten Doppelgänger erschaffen kann, wird unter Magiern hoch geschätzt.“
Teese seufzt erneut. Das erklärte wohl, warum Dekan Ezzo mit ihr das Doubleerstellen übte. Er wollte, dass sie etwas beherrschte, was ihr die Hochachtung der anderen Magier eintragen würde und er hatte bereits jetzt damit begonnen, weil abzusehen war, dass Teese lange brauchen würde, um diese Kunst zu meistern.
„Woher weißt Du all das über diese Double?“, wollte Sum von Liina wissen.
„Ich habe darüber in Magister Pitros Biografie gelesen“, erklärte Liina. „Ein sehr spannendes Buch über einen der besten Schriftmagier des letzten Jahrhunderts.“
Teese horchte auf. Das war das Buch, das sie selbst lesen sollte.
„Er hat versucht das perfekte Double zu erstellen, indem er ein Portrait von sich angefertigt hat. Allerdings ist beim Zauber etwas furchtbar danebengegangen. Das Double ist zwar lebendig geworden, aber Magister Pitro wurde an seiner Stelle zu einem Bild.“
„Ieck“, entfuhr es Sum erschrocken.
Teese schnappte nach Luft. „Und?“
„Es hängt in der Bibliothek, falls Ihr es noch nicht gesehen habt“, fuhr Liina anscheinend unbeeindruckt fort. „An der Wand zwischen den Regalen mit Büchern über magische Wandlungen.“
„Er ist noch immer in diesem Bild gefangen?“, wollte Sum ungläubig wissen. Ihr Gesichtsausdruck verriet ihren Schrecken.
„Er ist nicht in dem Bild gefangen“, korrigierte Liina sie seelenruhig. „Er ist zu einem Bild geworden. Sein Double…“ Sie hielt inne. „Nun, ehrlich gesagt habe ich noch nicht herausfinden können, was mit seinem Double geschehen ist, aber wenn es keiner vernichtet hat, müsste es noch immer existieren.“
„Wie furchtbar“, fand Teese. Magister Pitro tat ihr unsäglich leid. „Kann man den Vorgang nicht rückgängig machen?“
„Na, wenn man das könnte, dann hätte man es doch wohl getan, oder?“, erkundigte sich Liina rhetorisch.
Sum und Teese nickten synchron.
„Obwohl es bestimmt in die Geschichtsschreibung eingehen würde, wenn es doch noch jemandem gelingen würde“, fuhr Liina fort.
Teese zuckte mit den Schultern. „Wenn es bisher niemand geschafft hat“, begann sie. Liina meinte doch nicht, dass sie so etwas hinbekommen könnte, wenn alle Magier bisher daran gescheitert waren? Sicher hatte auch Dekan Ezzo oder seine Vorgängerin versucht, diese Verwandlung rückgängig zu machen, oder?
„Vielleicht gab es bisher einfach noch keinen Schriftmagier, der begabt genug dafür war“, spekulierte Liina.
„Hm.“ Teese verkniff sich einen weiteren Kommentar. Liina war zwar gut, aber so gut war sie wohl auch nicht. Vielleicht später einmal… Teese zögerte. Sicherlich würde Liina eine herausragende Schriftmagierin werden. Aber würde sie zu etwas in der Lage sein, woran alle anderen gescheitert waren?

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