Lektionen in Magie (17/20)

Posted on Januar 30, 2012

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Doch etwas nervös machte sich Teese an die Arbeit. Als Sympathiemagierin konnte sie ihre Magie nur wirken, indem sie etwas, das sie auf eine Sache wirken wollte, stellvertretend auf eine andere wirkte. Ihre Idee war es gewesen, aus Knete ein Abbild von sich zu machen und dann auf es Magie zu wirken.
Sie hatte überlegt, die Knetfigur mit sich selbst gleichzusetzen und die Knete zu teilen. Indem sie die Knetfigur teilen würde, würde sie sich teilen. So wie Dekan Zeni damals die Welt geteilt hatte in eine ohne Magie – die alte Welt aus welcher Teese stammte – und eine mit Magie, eben jene neue Welt in der sie sich nun befand.
Oder wie Rinnir in dem seltsamen Traum, den Teese kurz vor den Ferien gehabt hatte, in welchem er sich in zwei Rinnirs geteilt hatte. Allerdings war dies ein Traum gewesen und es erschien Teese bei genauerem Nachdenken etwas riskant, sich selbst zu teilen.
Was, wenn etwas schief gehen würde? Könnte sie sich dabei ernsthaft verletzen? Und was, wenn sie beim Kneten etwas falsch machte? Vielleicht knetete sie sich dann selbst einen Arm weg oder ein Bein oder gar den Kopf.
Daher hatte Teese entschieden, es lieber mit etwas zu versuchen, das ihr harmloser erschien. Dekan Ezzo hatte sein Double mit einer magischen Waffe aus dem Spiegel gezogen. Er hatte sein Spiegelbild zu seinem Double gemacht. Teese hatte überlegt, es ebenso zu machen. Aber das erschien ihr zu einfach. Das wäre einfaches Nachmachen und das war einer Dekananwärterin nicht würdig. Sie würde versuchen, aus ihrem Schatten ein Double zu machen.
Das erschien ihr auch einfacher, weil die Knete einfarbig war und der Schatten ebenfalls. Somit würde es ihr leichter fallen, den Schatten davon zu überzeugen, dass er sich wie die Knete verhalten sollte. Wobei das in Teeses Ohren komisch klang: den Schatten überzeugen…
Sie hatte keine Ahnung, wie Magie genau funktionierte. Sie wusste nur, wie sie ihre eigene anwenden konnte und wie es sich anfühlte. Aber das genügte ihr vorerst auch vollauf.
Teese knetete unter Dekan Ezzos wachsamen Augen etwas, das ihrem Schatten von der Form her ähnlich sah und legte es dann auf den Boden. Sum und Liina hatten ihr Training unterbrochen und sahen neugierig zu ihr herüber.
Einer inneren Eingebung folgend drückte Teese die Knetfigur in den Sand des Trainingsplatzes. Die Schicht war nicht sehr dick, aber die Figur verschwand zu zwei Dritteln.
„Dies ist mein Schatten“, sagte sie laut, um Dekan Ezzo zu erklären, was sie tat.
Doch als sie die Worte sprach, wurde ihr klar, dass dies bereits Teil ihrer Magie war. Die Worte gaben ihr eine gewisse Sicherheit, bei dem, was sie tat.
Entschieden fixierte Teese die Figur. „Du bist mein Schatten“, sagte sie.
Dann fühlte sie nach ihrer Magie und zog die Figur aus dem Sand. Man hörte das Rieseln von feinen Körnern als hätte Teese eine Handvoll Sand auf den Boden fallen lassen. Doch genau das Gegenteil war es, was sie machte. Sie hob Sand auf.
So wie sie die Knetfigur aus dem Boden herausholte, so erhob sich ihr Schatten vom Boden oder besser gesagt mit dem Boden. Ihr flacher Schatten schien unter der sandigen Oberfläche einen eigenen Körper besessen zu haben, der sich nun nach oben wölbte.
Teese hob ihre Knetfigur hoch und hielt sie am ausgestreckten Arm vor sich. Genau so erhob sich ihr sandiges Double und stand ihr gegenüber. Es war beeindruckend, allerdings war es nicht das, was Teese geplant hatte zu tun.
Das Double sah nicht sonderlich aus wie Teese. Es ähnelte vielmehr ihrer Knetfigur, nur dass es nicht aus Knete bestand, sondern aus Sand. Es war kein Abbild von Teese, sondern eher eine Sandfigur.
„Gut“, sagte Dekan Ezzo dennoch. Er streckte seine Hand nach dem Sandschatten aus und berührte ihn prüfend „Es ist sehr solide und kann aus vielen Materialien geformt werden. Vermutlich funktioniert es bei Dir bereits auch mit Wasser und mit etwas Übung vielleicht auch mit reiner Luft. Darauf können wir auf alle Fälle aufbauen.“
Teese kaute etwas verlegen auf ihrer Unterlippe. „Es sieht aber noch nicht so aus wie ich“, stellte sie fest.
Dekan Ezzo wandte sich ihr zu und ein gütiges Lächeln spielte um seine Lippen. „Du hast erwartet, auf Anhieb ein perfektes Double zu erstellen, das meinem entspricht?“
Teeses Verlegenheit wuchs. „Ja“, gab sie zu und spürte wie ihr die Röte in die Wangen kroch.
Das war vermutlich vermessen gewesen. Sie hatte ein genauso echtes Bildnis von sich selbst erstellen wollen wie der Dekan eines von sich erschaffen hatte. Aber Ezzo war der mächtigste Magier der Welt. Er hatte ein objektmagisches Schwert erschaffen, um ein Double zu erzeugen.
Wie lange hatte er daran gearbeitet? Wie lange hatte es gedauert, bis sein Double so perfekt gewesen war? Wie hatte sie selbst annehmen können, es wäre so einfach und würde ihr auf Anhieb gelingen? Hatte er ihr nicht gesagt, viele Magier würden es nie schaffen, ein Double zu erstellen?
„Das lobt Deinen Ehrgeiz“, erklärte Dekan Ezzo freundlich. „Aber es wird viel Zeit vergehen, bevor Du Dich selbst so gut nachbilden können wirst, dass Du andere damit täuschen kannst. Ich schlage vor, Du liest Dich als nächsten Schritt einmal in die einschlägige Literatur zur Doubleerschaffung ein.“
Teese versuchte, nicht allzu niedergeschlagen zu wirken. Das bedeutete für sie noch mehr Arbeit und Dekan Ezzo würde sicherlich schnell Ergebnisse sehen wollen.
„Es gibt zwar keine Literatur über Doubles und Sympathiemagie“, sagte der Dekan zu Teese, „aber es gibt ein paar theoretische Schriften. Am besten Du schaust einmal in der Sektion über magische Wandlungen in der Bibliothek nach. Außerdem schadet es sicher nicht, die Biografie über Magister Pitro zu lesen.“
Teese nickte nur.
„Dann kannst Du Dein Double jetzt erst einmal wieder zerstören.“
Das war eine direkte Aufforderung. Teese kam in den Sinn, dass sie sich darüber noch keine weiteren Gedanken gemacht hatte. Sollte sie ihren Schatten einfach wieder in den Boden drücken? Andererseits war er eigentlich gar kein Schatten. Er war auch kein Double. Er war nur magisch aufrecht gehaltener Sand in Form ihrer Knete.
Enttäuscht darüber, dass ihr erster Versuch überhaupt nicht ihren Vorstellungen entsprochen hatte, knüllte sie die Knetmasse einfach zusammen. „Du bist nur Sand.“

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