Lektionen in Magie (16/20)

Posted on Januar 27, 2012

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Als sie fertig waren, überflog der Dekan die von ihm niedergeschriebenen Zahlen noch einmal und nickte dann.
„Das sollte genügen. Komm in zwei Wochen wieder zur Anprobe. Dann können wir sehen, ob noch irgendwelche Änderungen nötig sind.“
„Hm.“ Teese nickte nur. Fenn, Seth und Liina würden ihr sicher nicht glauben, wenn sie ihnen von dieser ‚Sitzung‘ bei Dekan Ezzo erzählen würde.
„Und nun kommen wir zu Deinen Hausaufgaben“, wandte sich der Dekan anderen Dingen zu. „Wenn ich Deinen Stundenplan korrekt im Kopf habe, haben wir noch eine halbe Stunde, bevor Dein Unterricht mit den Wurfsternen beginnt.“
Teese zog den zusammengefalteten Zettel aus ihrer Robe, um die Worte zu des Dekans zu überprüfen. Einen Augenblick sah sie irritiert auf das wellige Blatt Papier, bis ihr klar wurde, dass sie in die falsche Robentasche gegriffen hatte. Das, was sie in der Hand hielt, war der Brief, den Rinnir im Klo herunterzuspülen versucht hatte und den sie herausgefischt und getrocknet hatte.
Eilig schob sie das Papier zurück und griff in die andere Tasche. Hoffentlich hatte der Dekan nichts bemerkt oder maß der Sache wenigstens keinerlei Wichtigkeit zu. Teese würde nur ungern erklären wollen, was das für ein Papier war und wie sie in dessen Besitz gekommen war.
Doch zu ihrem Glück schwieg Dekan Ezzo und Teese überflog eilig ihren Stundenplan. Der Dekan hatte natürlich Recht gehabt. Vor dem Mittagessen hatte sie noch eine Stunde Training bei Magister Pim. Sie seufzte stumm.
Mit den Wurfsternen war Teese nicht ganz so hoffnungslos wie mit dem Schwert und hatte den Eindruck, sie würde wenigstens so etwas wie Fortschritte machen. Aber dennoch warfen die anderen in ihrer Gruppe weitaus besser als sie. Irgendwie bekam sie diese Waffen alle nicht richtig in den Griff.
„Gehen wir nach unten in die Trainingshalle“, schlug Dekan Ezzo vor, „und sehen, wie Du Dein Double zu machen gedenkst. Benötigst Du irgendwelche Materialien?“
„Ja, eigentlich… Knete.“
„Knete.“
Dekan Ezzo ging zu seinem Arbeitstisch und legte das Maßband dort ab.
„Ähm, das ist…“
Der Dekan lachte auf. „Ich weiß, was Knete ist, Studentin Teese. Auch wenn es das in meiner Kindheit in der alten Welt tatsächlich noch nicht gab.“
Er schob suchend ein paar Dinge zur Seite und nahm dann einen Block eines braunen Materials in die Hand. Es sah für Teese mehr wie Tonerde aus als wie Knete, aber der Dekan steckte es dennoch ein.
„Oh. Also ich wollte nicht sagen“, begann Teese.
Doch der Dekan machte eine wegwischende Handbewegung. „Es ist nicht leicht zu entscheiden, wie alt ein Magier wirklich ist, wenn er ein bestimmtes Alter einmal überschritten hat“, stellte er fest.
Das stimmte. Teese wusste zwar, wann Dekan Ezzo zum Hüter von Weltenei berufen worden war, (das war nicht lange vor ihrer Geburt gewesen), aber sie wusste nicht, wann er geboren worden war. Wann Knete wohl erfunden worden war?
Gedankenverloren folgte sie dem Dekan aus seiner Werkstatt und die Treppe hinunter in die Basis des Turms, in welcher die Quelle der Welten ruhte. Die Tür, zu welcher eine kurze Treppe in den Boden hinab führte, war verschlossen. Im Vorbeigehen konnte Teese die vier vorgeschobenen Riegel sehen.
Es wunderte sie wenig. Das Betreten des Quellraums war gewöhnlichen Magiern verboten. Nur bei besonderen Gelegenheiten durften sie eintreten. Ansonsten hatte nur Dekan Ezzo Zugang. Ob ihr Name noch immer in dem mit Goldflimmern durchzogenen Strudel zu lesen stand? Vermutlich. Denn immerhin war sie nun offiziell Dekananwärterin und genau diesen Status zeigte die Quelle an.
An der verschlossenen Tür des Quelle vorbei gingen Teese und der Dekan durch den Seitenausgang des Turms. Der Weg führte sie auf eine Art Terrasse. Eine niedrige Mauer trennte hier den Trainingsplatz unter freiem Himmel ab. In der Mitte der Mauer gab es ein schmiedeeisernes Tor, das an ein kleines Gartentürchen erinnerte und Teese reichlich überflüssig erschien. Sie hätte problemlos über die Mauer klettern können. Das niedrige Tor war wohl mehr Verzierung als dass es wirklich etwas verschloss.
Dennoch machte Teese die Tür hinter sich sorgsam wieder zu, als sie den Trainingsplatz betreten hatte. Sie konnte sehen, dass Sum noch immer mit Pfeil und Bogen übte, auch wenn sie ein Training anders als Teese überhaupt nicht nötig hatte. Von fünf verschossenen Pfeilen steckten gleich drei im Schwarzen und zwei nur wenig daneben.
Auf der Scheibe daneben sah das Ergebnis allerdings ein wenig anders aus. Hier steckte ein Pfeil nahe der Mitte, zwei weitere im darauffolgenden Ring, einer auf halbem Weg zum Rand und der letzte, der sich in diesem Moment in die Scheibe bohrte, landete irgendwo noch ein Stück weiter außen.
Die Schützin dieses Pfeils war Liina. Die kleine Chinesin hatte sich rechts von Sum aufgebaut und übte offensichtlich ebenfalls. Sie war nicht so gut wie Sum, aber Teese war sich sicher, dass sie weitaus besser war als sie selbst es sein würde, hätte sie Bogenschießen belegt. Sie würde vermutlich die Hälfte ihrer Pfeile noch immer neben die Scheibe setzen.
„Studentin Sum und Studentin Liina scheinen sehr fleißig bei ihrem Waffentraining zu sein“, stellte Dekan Ezzo fest.
Teese war sich nicht sicher, aber es hätte sie nicht gewundert, wenn es ein dezenter Hinweis an sie sein sollte, doch auch etwas fleißiger zu sein. Sie hatte bisher noch nie zusätzlich trainiert, jedenfalls nicht aus eigenen Stücken. Zusätzliche Übungsstunden hatte sie bisher nur von Ro im Schwerttraining bekommen. Geholfen hatte es Teeses Meinung nach allerdings auch nicht.
„Ja, Sum übt immer viel“, sagte sie daher nur. Das war die Wahrheit und wohl eine ziemlich offensichtliche. Sum war im Umgang mit ihren beiden Waffen herausragend. Teese hatte schon genug Übungskämpfe mit dem Schwert gegen Sum geführt, um das zu wissen. Sich an ihr zu messen war frustrierend.
Alleine der Gedanke daran ließ Teese resignieren. Sie würde niemals so gut werden wie Sum und vermutlich würde sie keiner der anderen Magier einmal als Dekanin für voll nehmen. Da war es ganz egal wie sie über die Welt der Nichtmagier dachte und was sie zu tun plante, um die Missstände in dieser Welt zu ändern.
„Möchtest Du es innen versuchen oder hier draußen?“, erkundigte sich Dekan Ezzo, bevor sie die breite Treppe erreichten, welche über die ganze Länge der Trainingshalle verlief und die eigentliche Halle hinter einer Wand mit unzähligen Bögen vom Übungsplatz trennte.
Teese überlegte kurz. „Hier draußen“, entschied sie dann.
So würden zwar Sum und Liina bei der Erschaffung zusehen können, wenn sie sich bei der Erschaffung ihres Doubles blamierte, aber beide wussten, dass sie ohnehin nicht halb so gut war wie sie. Sum war ihr haushoch in Waffenführung überlegen und Liina war ihr haushoch im Schulwissen überlegen.
Darum musste sie sich also wenig Sorgen machen. Der Übungsplatz hier bot allerdings einen großen Vorteil gegenüber der Trainingshalle. Er besaß einen Sandplatz und Teese benötigte irgendwelches Material für ihr Double. Sand würde sicherlich gehen.
Dekan Ezzo blieb stehen und reichte Teese den braunen Tonblock, den er in der Werkstatt eingesteckt hatte. Als Teese ihn entgegen nahm musste sie unweigerlich an ein Stück Butter denken, was die Form anging. Das Material erwies sich zudem als ebenso weich. Nur war es nicht so schmierig.
Es war allerdings auch keine Knete wie Teese sie kannte. Jedoch konnte man damit wohl Dinge kneten. Sicherlich war es irgendein Material, das man nutzte, um Modelle von Dingen zu formen, die man anzufertigen gedachte.
Teese brach ein wenig von der braunen Knetmasse ab und drückte sie in ihren Händen weich. Das Material verhielt sich wie erwartet. Dekan Ezzo hatte also doch gewusst, was sie hatte haben wollen. Damit stand ihrem ersten Versuch, ein Double zu fertigen wohl nichts mehr im Wege.

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