Lektionen in Magie (15/20)

Posted on Januar 23, 2012

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Teese hörte ihm mit offenem Mund zu. Sie sollte nach Schastel Awrosch reisen? Verkleidet als Nichtmagierin? Zusammen mit Ro? Nun, die ersten beiden Teile klangen zwar überraschend aber doch auch aufregend. Aber dass sie dies mit Ro zusammen tun sollte, zerstörte jegliche mögliche Vorfreude darauf.
„Ich habe Ro bereits über meine Entscheidung unterrichtet.“ Das klang so, dass auch Ro darüber nicht sonderlich erfreut gewesen war. „Und überlasse die Umsetzung der Reise vollkommen ihm. Er kennt die Welt der Nichtmagier sehr gut und wird wissen, was er Dir zeigen muss, damit Du einen Einblick in ihr Leben bekommst.“
Teese wusste nicht, was sie sagen sollte. Dekan Ezzo war allerdings auch noch nicht am Ende seiner Ausführung angekommen.
„Allerdings ist das Leben unter Nichtmagiern nicht ungefährlich. Ro mag ein hervorragender Schwertmeister sein…“
Dem konnte Teese nur zustimmen.
„…Du bist es allerdings nicht.“
Auch dem konnte Teese zu ihrem Leidwesen nur zustimmen.
„Außerdem stehst Du noch am Anfang Deiner Ausbildung und Ro ist die Ausübung höherer Magie nicht möglich. Warum, das soll er Dir selbst erklären.“
Teese nickte nur. Dekan Ezzo wusste nicht, dass sie bereits in Erfahrung gebracht hatte, wer Ro war und warum er keine ‚höhere‘ Magie mehr ausüben konnte.
„Jedenfalls“, fuhr der Dekan fort, „bedeutet das, dass Du einen zusätzlichen Schutz benötigst. Daher möchte ich, dass Dein Drache Dich auf dem Weg begleitet – wenn auch unauffällig und mit deutlichem Abstand. Wie ich gehört habe, ist er inzwischen flügge geworden und kann Euch von der Luft aus folgen. Außerdem solltest Du eine Rüstung tragen, um mögliche Verletzungen zu vermeiden.“
Teese öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Dekan Ezzo kam ihr zuvor.
„Es muss natürlich eine Rüstung sein, welche nicht wie eine solche aussieht“, erklärte er. „Und daher werde ich Dir eine solche anfertigen. Ein objektmagisches Kleidungsstück.“
„Wie unsere Roben?“, schaffte es Teese schließlich doch, einen Einwurf zu machen.
Der Dekan nickte. „Wie unsere Roben. Allerdings wird dieses Kleidungsstück mehr können als nur sich selbst zu reinigen. Komm einmal hier herüber.“
Er wandte sich im Sitzen um, so dass er nun vor dem Webstuhl saß, wie er es wohl auch tat, wenn er an ihm arbeitete.
Teese trat neben ihn und betrachtete sich das Stück Stoff genauer, das an dem Webstuhl bereits entstanden war. Auch aus der Nähe sah es nicht besonders spektakulär aus. Es war ein weißes Stück Stoff. Es war nicht einmal besonders glatt oder glänzend. Eher sah es aus wie grobes Leinen. Das silberne Glitzern, das ihr vorhin aufgefallen war, stellte sich nur ein, wenn man sich bewegte, während man den Stoff betrachtete.
„Dieser Stoff besteht aus Adamant“, erklärte ihr Dekan Ezzo. „Die Fäden sind ein magisch gesponnenes Kristall. Die Magie macht das Material sehr leicht. Es behält aber seine Eigenschaften, die es als Kristall besaß. Es ist sehr fest und gegen alle unmagischen Waffen beständig. Fass es ruhig einmal an.“
Teese beugte sich vor und strich über den Stoff im Webstuhl. Obwohl er recht grob aussah, fühlte er sich glatt an wie Seide oder wie Glas.
„Aus diesem Stoff werde ich Dir ein Kleidungsstück fertigen.“ Dekan Ezzo betrachtete Teese von der Seite. „Dazu muss ich Dich allerdings erst einmal vermessen.“
„Äh. Okay.“ Teese fand den Gedanken, dass ihr Dekan Ezzo ein, wenn auch magisches, Kleidungsstück nähen würde, reichlich seltsam. Männer nähten keine Kleidungsstücke. So etwas war doch Frauenarbeit. Wenn Männer Nähmaschinen kauften, dann doch nur als Geschenk für ihre Frauen, oder? Selbst benutzen sie so etwas nicht. Ihr Vater hätte nicht im Traum daran gedacht, ihr irgendetwas zu nähen.
„Stelle Dich bitte gerade hin“, forderte der Dekan Teese auf.
Er erhob sich und ging an den vorderen Arbeitstisch, auf dem Teese eine weitere Bahn des Adamant-Stoffes sehen konnte. Außerdem lagen dort mehrere Nähutensilien. Ein rotes Nadelkissen konnte Teese ebenso entdecken wie Schnittmusterbögen und eine große Schere. Solche Dinge hatte auch ihre Mutter in ihrem Bügelzimmer liegen. Es passte in Teeses Augen so gar nicht zu einem Mann wie Dekan Ezzo.
„Und jetzt hebe einmal die Arme zur Seite.“
Dekan Ezzo kam mit einem Maßband zu ihr zurück und Teese hob gehorsam die Arme. Die nächsten zehn Minuten wurde sie von Kopf bis Fuß vermessen. Der Vorgang war dermaßen skurril, dass Teese der Gedanke kam, all das wäre sicher nur ein wirrer Traum. Sie stand da wie bei einem Schneider, aber dieser Schneider war der mächtigste der Magier und Dekan von Weltenei. Es war einfach so irreal.

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