Lektionen in Magie (14/20)

Posted on Januar 20, 2012

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„Daher habe ich entschieden“, sprach Dekan Ezzo weiter, „dass Du die freie Zeit nutzen solltest, um etwas mehr über die neue Welt zu lernen. Genauer gesagt über die Welt der Nichtmagier.“
Teese wartete ab, was nun kommen würde. Von der Welt der Nichtmagier hatte sie noch nicht viel gesehen. Sie war zwar in Thorhafen gewesen, aber das nur für einen Tag. Und Nichtmagier kannte sie außer Marisan und ihrem kleinen Bruder Schirniel auch keine.
Die nichtmagischen Angestellten in ihren weißen Roben, die jeden Tag vom Festland nach Weltenei kamen, mieden jeden Kontakt. Sie waren zwar höflich, aber sehr distanziert. Und in Lorphitals Gasthaus am unteren Ende der Insel hatten sie einen eigenen Gastraum. Oder besser gesagt, die Magier hatten dort einen eigenen Bereich. Beide Welten mischten sich nie. Der einzige Magier, den Teese je im Bereich der Nichtmagier gesehen hatte, war Ro.
Er hatte sich ganz selbstverständlich unter die Nichtmagier gemischt und sogar ihre Kleidung getragen anstatt der schwarzen Robe der Magier. So hatte Teese ihn auch auf dem Festland gesehen, in Thorhafen, der Stadt Weltenei gegenüber, bei ihrem bisher einzigen Ausflug in die Welt der Nichtmagier.
Daher wunderte es sie wenig, als der Dekan auf Ro zu sprechen kam und was er über den einstigen Dekan von Weltenei sagte, war Teese ebenfalls nicht neu.
„Ro“, erklärte Dekan Ezzo, „wird in der Zeit, in welcher die Quäsitoren unterwegs sind, nach Schastel Awrosch reisen. Er hat von mir eine Erlaubnis Weltenei jedes Frühjahr zu verlassen, um durch die neue Welt zu reisen.“
Der Dekan musterte Teese prüfend, die verstehend genickt hatte. „Du weißt davon?“
Teese musste kurz überlegen, nickte dann aber erneut. „Ja, Marisan hat mir erzählt, dass er sich dort um Menschen kümmert, die unter der Frühjahrsgrippe leiden.“
Das hatte Marisan ihr doch wohl erzählen dürfen, oder? Es war sicherlich kein Geheimnis. Auch wenn Teese sich immer noch nicht vorstellen konnte, dass der missmutige und stets unfreundliche Ro kranken Menschen half – und das auch noch freiwillig.
„Ja, das stimmt“, bestätigte Dekan Ezzo allerdings. „Es ist Ro ein Anliegen diese Menschen zu suchen und jenen zu helfen, welchen er helfen kann.“
Teese stutzte. „Können wir Magiern nicht allen Menschen helfen?“, wollte sie wissen. „Magister Mintal hat gesagt, dass sie jede Krankheit heilen kann. Dass jeder, der gesund werden will…“
„Du sprichst von einer Heilerin“, unterbrach der Dekan sie. „Ro ist kein Heiler und er verfügt im Grunde über nicht mehr magische Fähigkeiten als Du zurzeit. Zu heilen würde ihn Kraft kosten, die er nicht besitzt. Daher kann er Grippekranken nur mit Medizin helfen und soweit es seine Möglichkeiten erlauben.“
Teese legte die Stirn in Falten. „Aber warum“ – Die Frage stellte sich ihr ganz von alleine. – „kümmert sich dann Ro um die Kranken? Warum macht das keiner unserer Heiler.“
Dekan Ezzo schwieg einen Moment und Teese hatte erst den Eindruck, etwas sehr Dummes gefragt zu haben. Als er antwortete, verstand sie aber, dass sie etwas gefragt hatte, das schwer zufriedenstellend zu beantworten war.
„Es gab eine Zeit, in welcher unsere Heiler durch die Welt zogen und Kranke geheilt haben“, sagte Dekan Ezzo. „Das war zu jenen Zeiten, als die Anzahl der Nichtmagier noch überschaubar war und sie alle in zwei oder drei Ansiedlungen gelebt haben. Heute gibt es ein Dutzend größerer Städte, viele Dörfer und eine unübersehbare Anzahl kleiner Höfe und Weiler.“
Dekan Ezzo hatte seinen Blick fest auf Teese gerichtet als wolle er ihr die Worte förmlich eintrichtern. „Das Problem ist, dass wir nicht überall sein können und man nie weiß, wo man gebraucht wird. Daher wurde die Hilfe für kranke Nichtmagier eingestellt. Allerdings steht es nach wie vor jedem offen, zu uns zu kommen. Wir haben noch nie einen Kranken abgewiesen. Überall, wo es Magier gibt, gibt es immer auch Heiler und sie alle kümmern sich um die Kranken, die zu ihnen kommen.“
Teese hatte das Gefühl, dass irgendetwas an der Sache faul war. „Kommen denn viele?“
Dekan Ezzo seufzte. „Nein. Und das hat mehrere Gründe. Einer davon ist, dass sich die Nichtmagier immer weiter von uns Magiern zurückziehen.“
Teese war sich nicht sicher, ob dieser Vorgang nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, schwieg aber.
„Die Nichtmagier“, sprach der Dekan weiter, „bilden inzwischen die deutliche Mehrheit in der neuen Welt und sie haben eine gewisse Abneigung gegenüber der Magie entwickelt. Genauso wie es in der alten Welt einmal war.“
Teese fühlte Beklemmung in sich aufsteigen. Sie wusste aus den Erinnerungen des ersten Dekans von Weltenei, dass er die Welten deswegen getrennt hatte: damit die Magie und die Magier in einer eigenen Welt sicher weiterexistieren konnten. Doch in dieser neuen Welt entwickelte sich nun alles wieder so wie in der alten, wenn sie es richtig verstand. Dabei war Magie nötig für alle Menschen, auch für jene, die sie nicht anwenden konnten.
„Das ist aber nicht gut“, stellte sie vielleicht ein wenig naiv fest.
Dekan Ezzo lachte amüsiert. „Nein, gut ist es nicht. Und noch einmal können wir keine Welt spalten. Nun, vielleicht könnten wir es, aber anscheinend löst es nicht das eigentliche Problem. Was würdest Du vorschlagen, was man statt dessen tun könnte?“
Teese hielt überrascht inne. „Ich?“ Was sollte sie tun können, um solche Missstände zu ändern?
„Du wirst die nächste Dekanin sein“, stellte Dekan Ezzo fest. „Es wird einmal an Dir sein, etwas zu tun, um dieser Entwicklung gegenzusteuern.“
„Ich – weiß nicht.“ Teese war von der Größe des Problems überfordert. „Vielleicht müsste man versuchen, dass Nichtmagier verstehen, was Magier genau machen. Wozu wir da sind. Und dass wir nicht besser sind als sie, sondern nur anders. Und das auch nur, was die Magie angeht.“
Dekan Ezzo lehnte sich mit dem Rücken gegen den Webstuhl. Er schien nachdenklich. „Das bedeutet eine Einmischung in das Leben der Nichtmagier“, stellte er fest.
Teese zuckte mit den Schultern. Das klang nicht sehr positiv. Sich in etwas einzumischen. Es klang so als würde es sie nichts angehen. Aber die Nichtmagier gingen sie doch etwas an. Magier lebten doch nicht auf einer einsamen Insel inmitten… Wobei, doch. Genau das taten sie eigentlich. Aber das war falsch. Das war genau das, was Teese von Anfang an gestört hatte. Magier waren doch keine anderen Menschen.
„Die Frage, ob wir uns in die Belange der Nichtmagier einmischen sollten oder auch nur dürfen“, erklärte ihr der Dekan, „ist immer wieder im Laufe der Geschichte gestellt worden. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir alle diese Welt bewohnen und uns daher alle ihre Belange etwas angehen.“
Diese Meinung teilte Teese vollkommen.
„Das Problem ist allerdings, dass es einmal einen Dekan gab, der sich mit Gewalt in die Belange der Nichtmagier eingemischt hat und seitdem sind die Magier in dieser Beziehung sehr vorsichtig. Sich einzumischen wird generell als etwas Schlechtes angesehen. Nicht von allen, aber von vielen.“
Teese erinnerte sich an das Gespräch zwischen Magister Jerv und Magister Nivienne, das sie im Badehaus belauscht hatte. Genau darum war es bei dem Gespräch zwischen den beiden Frauen gegangen. Sie hatten sich nicht gestritten, aber sie waren eindeutig unterschiedlicher Meinung gewesen.
Und sie hatten auch erwähnt, welcher Dekan es gewesen war, der diese gewaltsame Einmischung in die Belange der Nichtmagier vorgenommen hatte. Der Verdammte. Und wer das war, wusste Teese. Das war Dekan Roath gewesen, der heute unter dem Namen Ro weiterlebte, auch wenn außer ihr kaum jemand wusste, wer er wirklich war oder besser gesagt gewesen war.
„Ich habe in den Jahren, die ich nun schon Dekan bin“, führte Dekan Ezzo weiter aus, „immer versucht, Magier und Nichtmagier wieder einander anzunähern und wenn ich Dich richtig beurteile, wirst Du einmal einen ähnlichen Kurs einschlagen. Aber Du solltest wissen, dass es ein schwieriger Weg ist und Dir nicht alle Magier bei der Wahl Deines Weges zustimmen werden.“
„Deswegen…“ Der Dekan beugte sich leicht nach vorne als wolle er den Abstand zu Teese verringern. „Deswegen solltest Du bei Zeiten lernen, die Nichtmagier zu verstehen, um später Fehler zu vermeiden, welche Deine Feinde gegen Dich nutzen könnten. Und die Nichtmagier verstehen, das kann man nur, indem man sie kennenlernt. Daher möchte ich, dass Du Ro begleitest, wenn er nach Schastel Awrosch reist. Wie er wirst auch Du dies als Nichtmagierin tun und nicht als Magierin, geschweige denn als Dekananwärterin. Nur so kannst Du einen korrekten Einblick in das Leben der Nichtmagier erhalten.“

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