Lektionen in Magie (13/20)

Posted on Januar 16, 2012

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„Nun, Teese“, wandte sich der Dekan dem Mädchen zu, als Magister Elgin den Raum verlassen hatte. „Ich hoffe, Du hattest schöne Weihnachtsferien.“
Teese schüttelte alle Gedanken an Dauerwellen und Kurzhaarfrisuren ab und nickte. „Ja, meine Ferien waren… prima.“
„Du hast sie mit Deiner Familie verbracht?“
Dekan Ezzos Blick wirkte so offen auf Teese, dass sie den Eindruck gewann, es würde ihn tatsächlich interessieren. Auch wenn Teese nicht verstand, warum. In ihren Augen war es eher banal, was sie in den Ferien gemacht hatte.
„Ja, ich war mit meinen Eltern und meiner Schwester Skifahren“, erzählte sie aber dennoch. „Und Weihnachten haben wir zu Hause verbracht. Meine Großeltern sind zu Besuch gekommen.“ Das klang irgendwie hochtrabender als es wirklich war und daher fügte Teese hinzu, „Sie kommen immer an Weihnachten. Sie wohnen nur ein paar Straßen von uns entfernt.“
Dekan Ezzo lächelte. „Dann hattest Du eine schöne Zeit.“
Teese nickte.
Der Dekan nickte ebenfalls. „Es freut mich, wenn Du Deine Zeit in der alten Welt genießt. Das solltest Du immer tun.“
Teese begann zu verstehen und ein Knoten bildete sich in ihrem Hals. Wie viele dieser Ferien würde es noch geben? Unvermittelt vermisste sie ihre Familie und ihr zu Hause, an das sie bis eben nicht mehr gedacht hatte. Weltenei war einfach ein so anderer Ort. Es gab so viele Dinge hier, mit denen sie sich den Tag über beschäftigte, dass sie zu Heimweh nicht kam.
„Ich hoffe, Du hast Deine Ferien aber auch genutzt, um etwas für die neue Welt zu tun“, fuhr Dekan Ezzo fort. „Hast Du Dir überlegt, wie Du mit Hilfe Deines Talents ein Double von Dir erstellen kannst, so wie ich es Dir als Hausaufgabe aufgegeben habe?“
Die Frage klang für Teese eher nach einer rhetorischen Frage. Dekan Ezzo ging natürlich davon aus, dass sich Teese Gedanken darüber gemacht hatte. Allerdings war er sich wohl nicht sicher, ob sie auch zu einer Lösung des Problems gekommen war.
Ein Double, ein perfektes Abbild von sich selbst, konnte nicht jeder Magier erstellen. Wie man es formte, war eine Frage des Talents, das man besaß. Dekan Ezzo war Objektmagier. Er hatte ein besonderes Schwert gefertigt, mit dem er sein Double aus einem Spiegel herausziehen konnte. Das konnte Teese nicht. Sie war Sympathiemagierin. Dennoch hatte auch sie eine Idee, wie sie es hinbekommen könnte.
Sie schluckte den Heimweh-Kloß in ihrem Hals entschieden herunter. „Ja, das habe ich gemacht und ich habe eine Lösung.“ Etwas zaghafter fügte sie hinzu. „Ich weiß aber nicht, ob sie funktioniert.“
Dekan Ezzo lachte unvermittelt auf. „Eine gute Theorie zu besitzen ist schon einmal viel Wert. Aber wir werden gleich in der Praxis überprüfen, wie gut Deine Theorie ist. Vorher gibt es allerdings noch etwas anderes, worüber wir sprechen sollten.“
Teese verkrampfte sich unverzüglich. Inzwischen war sie eigentlich recht entspannt, wenn sie bei Dekan Ezzo war. Er war zwar der Hüter von Weltenei, der beste der Magier und eine ehrfurchteinflößende Respektsperson. Aber sie hatte ihn am Ende des Schuljahres regelmäßig gesehen und bei ich Unterricht bekommen. Für sie war er inzwischen auch eine Art Lehrer. Außerdem war er der Vater ihrer Freundin Marisan. Das machte ihn zu etwas Anderem als nur dem Dekan von Weltenei, den ihre Freunde in ihm sahen.
Doch bei diesen Worten, flutete Nervosität Teese. Hatte sie etwas falsch gemacht? War ihre Prüfung doch so schlecht gewesen, wie Liina spekuliert hatte? Oder gab es etwas anderes? Sollte sie bei Magister Nabi ausziehen? Durfte sie nicht in den Unterricht der Alleskönner-Magier?
Allerdings waren Teeses Befürchtungen unbegründet. Dekan Ezzo hatte bei seinen Worten etwas ganz anderes im Sinn.
„In vier Wochen werden die Quäsitoren in die alte Welt aufbrechen“, begann Dekan Ezzo und als er Teeses verständnislosen Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er hinzu, „Das sind jene Magier, die in der alten Welt nach Kindern mit magischem Potential suchen.“
Nun verstand Teese natürlich, was er meinte. Magister Elgin war ein solcher Quäsitor. Er und Magister Pim waren an Teeses Grundschule gekommen und hatten die Kinder einem Test unterzogen. Offiziell war es ein Intelligenztest gewesen, der zeigen sollte, ob unter den Kindern Hochbegabte wären, die ein Stipendium für ein Elite-Internat in Frankreich bekommen sollten.
Teese war damals reichlich verwundert gewesen, dass sie ausgewählt worden war und sonst niemand aus ihrer Schule. Sie war nicht die beste Schülerin, eher durchschnittlich. Sie konnte sich viele Dinge nicht gut merken und fleißig war sie auch nicht besonders. Sie hatte bis zuletzt gedacht, es wäre ein Irrtum gewesen.
Inzwischen wusste sie es natürlich besser. Magister Elgin und Magister Pim hatten Magier gesucht und in ihr eine Magierin gefunden. Sie hatte nicht schlau sein müssen oder fleißig, um ihren Test zu bestehen. Sie hatte nur ein Talent für Magie besitzen müssen. Und wie auch immer sie zu diesem gekommen war, sie hatte es besessen und war nun hier.
„Während Magister Elgin und Magister Pim in der alten Welt sein werden“, fuhr der Dekan fort. „Wird der Unterricht auf Weltenei ausfallen und das heißt, dass Du etwas freie Zeit hast. Ich hatte zuerst überlegt, Dich mit den Quäsitoren zu schicken, damit Du schon einmal Erfahrungen im Erspüren von Magie bekommst, aber ich denke, das hat eigentlich noch ein wenig Zeit.“
Teese wusste nicht, ob sie sich darüber freuen oder enttäuscht sein sollte. Sie hatte sich selbst bereits gefragt, wie man Magier in der alten Welt finden konnte. Sie wusste noch immer nicht, wie man sie gefunden hatte. Sie hatte in der alten Welt nie Magie gespürt. Weder bevor sie nach Weltenei gekommen war, noch danach.
Dabei wusste sie, wie sich Magie anfühlte. Sie kribbelte in ihren Fingern. Das war ihre ganz persönliche Art, Magie wahrzunehmen. Doch in der alten Welt, hatte sie derartiges nie verspürt, außer ihre Hand war eingeschlafen. Aber das war eindeutig etwas anderes.

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