Lektionen in Magie (12/20)

Posted on Januar 13, 2012

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Als sie vor einer Tür stehen blieben und Magister Elgin anklopfte, sah sich Teese die dort hängende Lampe besonders genau an. Sie musste dann von Dekan Ezzo dort aufgehängt worden sein.
Die Lampe sah in ihren Augen allerdings reichlich merkwürdig aus. Sie erinnerte Teese an einen verkehrt herum hängenden Schneebesen, der unten eine kleine Öffnung hatte, durch die man die Glühbirne in ihrem Inneren sehen konnte.
Sie entschied, dass es sich dabei um irgendwelches neumodisches Design handeln musste. Das sah immerhin auch immer sehr komisch aus. Wenn sie die Wahl einer Lampe gehabt hätte, hätte sie einen Kronleuchter dorthin gehängt, einen mit vielen kleinen Kristallplättchen, die schön geschliffen waren und das Licht bunt brachen.
Ein solcher Kristallleuchter hing in dem Restaurant am Marktplatz, in das Teese und ihre Familie immer gingen, wenn ihr Großvater Geburtstag hatte. Dort war alles sehr schick und es gab immer drei Gänge zu Essen mit Leberknödelsuppe als Vorspeise und einem großen Eis als Nachtisch.
„Herein.“
Auf Magister Elgins Klopfen ertönte von Innen Dekan Ezzos Stimme und Teese folgte ihrem Tutor in die Werkstatt.
Hier wurden alle Gedanken an Kristallleuchter, schicke Restaurants und Leberknödelsuppe sofort in den Hintergrund gedrängt. Die Werkstatt war genau das, was der Name beinhaltete: eine Werkstatt. Es war allerdings keine Werkstatt für Autos, an die Teese zuerst hatte denken müssen, sondern die Werkstatt eines Handwerkers.
Zwei schwere Werkbänke standen im Raum und waren vollgestellt und gelegt mit Farbtöpfen, Halbfertigem aus Holz und einer Vielzahl an Werkzeugen. Da waren Hämmer und Feilen, Handbohrer und Sägen, ein kleiner Block mit Sandpapier, ein Zollstock und ein Winkelmesser, um nur die zu nennen, die Teese ins Auge fielen und die sie aus dem Hobbyraum ihres Vaters kannte.
Zwei große Lampen, die jener im Flur glichen, hingen über den Werkbänken und waren hell erleuchtet, obwohl das großes Fenster der Tür gegenüber eigentlich genug Licht spenden sollte. Der hell erleuchtete Raum wirkte dadurch auf Teese irgendwie mehr wie ein Kellerraum, in dem mehrere Neonröhren für ein unwirkliches Licht sorgten als ein sonnendurchflutetes Zimmer.
„Guten Morgen, Dekan“, begrüßte Elgin Dekan Ezzo, der links von ihnen an einem Gerät saß, das Teese ein Webstuhl zu sein schien. Sie sah zweimal hin, aber es änderte nichts an ihrer ersten Zuordnung.
In einer Reihe von senkrecht verlaufenden Fäden zeichnete sich am unteren Ende ein Stück Stoff ab, das bereits gewebt worden war. Es war ein blendend weißer Stoff ohne irgendwelche Muster. Alleine als Teese Magister Elgin in den Raum folgte bemerkte sie einen leicht silbernen Schimmer, der über den Stoff huschte.
„Ich bringe Teese vorbei“, fuhr Magister Elgin fort und blieb schließlich stehen. „Sie wollten sie heute Vormittag sehen.“
„Ja, das wollte ich in der Tat.“
Dekan Ezzo wandte sich auf seinem Platz vor dem Webstuhl Teese zu. „Guten Morgen, Studentin Teese.“
Teese musste sich kurz räuspern, bevor sie antworten konnte. „Guten Morgen, Dekan Ezzo.“
Dieser Raum verwirrte sie aufs Äußerste. Gut, Magister Elgin hatte ihr gesagt, dass Objektmagier Werkstätten besaßen, um Gegenstände zu fertigen. Aber dennoch wirkte dieser Raum so unpassend.
Dekan Ezzo war der Leiter von Weltenei, praktisch eine Art Direktor. Und er wirkte auf Außenstehende gleichzeitig wie ein Krieger mit seiner muskulösen und großen Erscheinung, den festen, entschlossenen Gesichtszügen und den langen blonden Haaren.
Eine Werkstatt mit Hämmern, Holzspänen und einem Webstuhl passten weder zu seiner Funktion als Hüter der Quelle noch zu seinem Aussehen eines Schwertkämpfers. Teese konnte ihn zwar am Webstuhl sitzen sehen, aber sie konnte sich nicht vorstellen, ihn daran arbeiten zu sehen. Das war einfach so… absurd.
„Kommen Sie heute Nachmittag noch einmal wegen der Robe ins Dekanat, Magister“, wandte sich Dekan Ezzo wieder Magister Elgin zu. „Nachdem wir nun die Ankündigung gemacht haben, können Sie gleich mit den ersten Versuchen zur Gestaltwandlung beginnen.“
„Gerne.“ Magister Elgin wirkte erfreut auf Teese. „Ich habe den Nachmittag ohnehin heute noch frei.“
Teese sah ihm kurz nach, als er den Raum verließ und überlegte sich, dass dies dann wohl das letzte Mal gewesen war, dass sie ihn in seiner alten Gestalt gesehen hatte. Der Gedanke fühlte sich irgendwie befremdlich an. So als würde Magister Elgin gehen und jemand Neues seinen Platz einnehmen.
Dabei war es nur eine Äußerlichkeit, rief sie sich ins Gedächtnis. So ähnlich wie wenn sich jemand eine neue Frisur machen ließ, eine ausgefallene Dauerwelle oder einen gewagten Kurzhaarschnitt. Natürlich würde die Person danach anders aussehen, aber es blieb dieselbe Person.

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