Lektionen in Magie (11/20)

Posted on Januar 9, 2012

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„Weißt Du, das ist erst mein zweites Jahr, in dem ich die Einführung unterrichte“, sagte er, während sie durch den Korridor mit den Fischlampen gingen. „Vorher hat Magister Loi sie unterrichtet.“
Teese zuckte mit den Schultern. Ihre Wangen waren noch immer leicht gerötet, auch wenn das Gefühl, etwas Peinliches gesagt zu haben, langsam abebbte. „Den kenne ich noch nicht.“
„Die“, verbesserte Magister Elgin. „Magister Loi ist eine Frau. Sie hat geheiratet und ist nach Schastel Awrosch gezogen. Und da ich gerade meine Magisterprüfung abgelegt hatte, hat Dekan Ezzo mich gefragt, ob das nichts für mich wäre, die Einführung zu unterrichten.“
Teese konnte den unterschwelligen Stolz in seiner Stimme hören. Und vermutlich war es auch sein gutes Recht stolz zu sein. Sicherlich bekam nicht jeder Magier, der die blaue Schärpe erwarb, auch gleich solche Verantwortung. Vermutlich hatte es viele ältere Magister gegeben, die Dekan Ezzo hätte fragen können. Wobei…
„Magister Elgin?“, wollte Teese zögerlich wissen.
„Hm?“
„Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Oh.“ Er lachte. „Ich bin einundzwanzig. Das ist ziemlich jung für einen Magister, wie Du… wissen solltest.“
„Ich habe schon aufgepasst“, verteidigte sich Teese. Im Unterricht hatten sie die Schärpen bereits durchgenommen und auch das ungefähre Alter, in welchem Studenten die Prüfungen ablegten. Mit zwanzig stand eigentlich erst die grüne Schärpe an und noch nicht die blaue. Magister Elgin hatte diese, die Magisterschärpe, aber bereits mit neunzehn Jahren bekommen, wenn Teese sich jetzt nicht verrechnet hatte.
„Im Grunde bin ich nicht so viel älter als Du. Gerade einmal zehn Jahre, oder?“
„Ja. Stimmt.“
Allerdings fand Teese zehn Jahre sehr viel. Magister Elgin war damit fast doppelt so alt wie sie. Andererseits konnten Magier sehr alt werden. Da waren dann zehn Jahre nicht sehr viel. Ro und Magister Nabi waren schon über zweihundert Jahre alt.
Teese wusste von den Grabsteinen vor der Kapelle, dass Ros Vorgängerin, Dekanin Irmfed, 1792 gestorben war. Da musste Ro bereits Magister gewesen sein. Für ihn waren zehn Jahre sicherlich nicht mehr als für Teese ein paar Monate.
Das Problem war, dass man Magiern ihr wahres Alter nicht ansehen konnte, jedenfalls ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr. Irgendwann veränderte jeder Magier sein äußeres Erscheinungsbild, um es für den Rest seines Lebens zu behalten. Und das war meist das Erscheinungsbild eines mehr oder weniger jungen Erwachsenen. Wirklich alte Magier, die auch alt aussahen hatte Teese noch nicht zu Gesicht bekommen.
Vermutlich war das etwas, das niemandem erstrebenswert vorkam – alt auszusehen. Wenn man sein Aussehen nach Belieben ändern konnte, wählte man eine schöne und das hieß dann wohl auch junge äußere Form.
„Magister Elgin“, begann Teese erneut, während sie die Treppe des Magieturms hinunter gingen. „Wenn Sie nun Ihre Gestalt verändern…“ Sie wusste nicht genau, wie sie es ausdrücken sollte. „Wie werden Sie in Zukunft aussehen?“
Magister Elgin wurde unvermittelt ernst. „Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht“, sagte er.
Ihre Schritte halten durch das steinerne Treppenhaus, bis sie das Erdgeschoss erreichten und den Turm durchquerten. Hier nahmen sie die Südtreppe, die Teese im letzten Halbjahr bereits öfter gegangen war. Die Südtreppe führte unter anderem zu Magister Felyths Schreibstube.
„Ich habe mir natürlich schon ein paar Gedanken gemacht, wie ich mein Aussehen ändern könnte.“ Magister Elgin ging voran und nahm die ersten Stufen hinauf in den ersten Stock. „Und ob ich es überhaupt ändern sollte. Immerhin könnte ich meine derzeitige Gestalt praktisch einfrieren.“
„Aber?“, erkundigte sich Teese.
„Aber jeder wird natürlich von der Vorstellung in Versuchung geführt, sich eine Gestalt zuzulegen, die ihm besonders gut gefällt. Immerhin ist eigentlich alles möglich.“
Sie passierten den ersten Stock, ohne das Treppenhaus zu verlassen und gingen weiter nach oben. Hier war Teese noch nie gewesen.
„Ich denke“, fuhr Magister Elgin fort, „ich werde einfach ein paar Dinge ausprobieren. Das ist auch der Grund, warum alle Magier, welche die Gestaltveränderung vornehmen, die grüne Robe tragen müssen, von welcher der Dekan gesprochen hat.“
„Hm.“ Teese erinnerte sich an seine Worte. „Das habe ich ehrlich gesagt nicht so ganz verstanden“, gab sie zu.
„Nun, es ist so“, erklärte Magister Elgin bereitwillig. „Wenn man verschiedene Gestalten durchprobiert, erkennt einen natürlich niemand mehr. Immerhin sieht man unter Umständen vollkommen anders aus. Daher müssen alle Gestaltwandler eine grüne Robe tragen, damit man sie als solche erkennt. Und es muss vorher den versammelten Magiern mitgeteilt werden, wer die grüne Robe tragen wird. Damit weiß jeder Bescheid.“
„Ach so.“ Das war eigentlich recht einleuchtend. „Es ist einfach nur eine grüne Robe, damit man die Person wiedererkennt.“
„J-ein. Nicht nur“, wiegelte der Magister ab. „Die Robe ist auch ein magisches Kleidungsstück, das es überhaupt erst erlaubt, die Gestalt öfter zu wandeln, ohne dass man allzu viel Magie aufwänden muss. Immerhin ist viel Magie nötig, um sein Erscheinungsbild zu verändern.“
Teese überlegte kurz und nickte dann. Das hätte sie sich eigentlich denken können. Magier waren nicht allmächtig. Das wusste sie inzwischen. Außerhalb ihres Talents kostete Magie sie Kraft. Und Gestaltwandlung war mit vielen Talenten bestimmt schwierig zu vollführen.
Mit ihrem eigenen Talent würde Teese zwar schon eine Möglichkeit einfallen, aber sie wusste nicht, ob sie wirklich sich selbst auf diese Weise verändern wollte. Was, wenn etwas schief gehen würde?
„Hier liegen die Werkstätten.“
Magister Elgin bog im vierten Stock in den Gang ein, welcher der Krümmung des Magieturms folgend in einem leichten Bogen verlief. Auch in diesem Gang hingen Lampen, die allerdings vollkommen anders aussahen als jene im Korridor von Magister Elgins Studienzimmer.
Jede Lampe war anders geformt und doch waren allesamt Lampen wie Teese sie aus der alten Welt kannte. Einige wirkten sehr altmodisch, andere waren ganz modern. Gleich die erste erinnerte Teese an die Wohnzimmerlampe ihrer Großmutter. Der Lampenschirm war glockenförmig und mit einem sandgelben Stoff bespannt, der leicht golden schimmerte. Eine bronzefarbene Korden war oben um die Lampe gebunden und endete in einer Schleife.
Teese sah verwundert nach oben. Die nächste Lampe sah aus wie eine Küchenlampe. Sie war knallrot und wirkte vor allem praktisch. In ihrem Inneren konnte Teese eine ganz normale Glühbirne sehen, auch wenn sie sicher war, dass es nicht Strom war, der sie zum Leuchten brachte.
„Ein wenig wie in einem Lampengeschäft, oder?“, meinte Magister Elgin.
Teese kicherte. „Ja“, stimmte sie dann zu. Genau so sah es eigentlich aus. „Oder in einem Lampenmuseum.“
„Ja, eigentlich trifft es das mehr“, gab Magister Elgin zu. „Ein Museum alter und zeitgenössischer Lampen.“
Er schmunzelte. „Hier bei den Werkstätten ist jeder Magier selbst für die Lampe vor seiner Tür verantwortlich“, erklärte er die bunte Mischung. „Und je nachdem, welchen Geschmack der jeweilige Magier hat und wann er geboren wurde…“
„Ach so.“ Das erklärte wirklich Einiges.

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