Lektionen in Magie (10/20)

Posted on Januar 6, 2012

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„Und wenn man mit jemandem nicht in Gedanken sprechen kann, heißt das, dass man ihn nicht wirklich kennt?“, wollte Teese ungläubig von Magister Elgin wissen.
Der junge Mann musste schmunzeln. „Nein, es kann auch daran liegen, dass die Person ihren Geist verschlossen hält und Dich nicht in ihre Gedanken lassen will.“
Teese erwog dies kurz. Wollte Liina sie nicht in ihre Gedanken lassen? Sie selbst hatte sicherlich kein Problem damit, dass Liina wusste, was sie dachte.
„Fast alle Magier halten ihren Geist verschlossen“, fuhr Magister Elgin fort, „und sind nur für ihre Freunde beständig offen. Nur die Tiermagier sind von Natur aus offene Menschen.“
„Seth“, entfuhr es Teese.
Magister Elgin nickte. „Und da Du ihm im Gegenzug auch traust, ist es nur natürlich, dass Ihr Euch versteht. Mit dem Formori-Mädchen ist es allerdings seltsam…“
„Wieso?“, wollte Teese wissen.
„Formori untereinander stehen beständig in Kontakt zueinander“, erklärte Magister Elgin. Er wandte sich von Teese ab und umrundete den Schreibtisch. Links neben der Tür stand eine Couch quer an der Wand, auf welche sich der Magister fallen ließ und die Beine hoch legte.
„Formori sind praktisch immer offen. Man kann sie auch immer erreichen“, erklärte er weiter. „Aber normaler Weise sind wir Menschen ihnen gegenüber verschlossen. Außer… hast Du sie berührt?“
Teese zögerte. Das klang als hätte sie das besser nicht tun sollen, oder? „Ja“, sagte sie langsam. „Das habe ich.“
Wobei eigentlich hatte Flaumschnabel sie berührt. Sie hatte ihre Hand genommen und ab diesem Moment mit ihr in Gedankenrede sprechen können. Teese hatte sich dabei weiter nichts gedacht. Sie hatte sich oft mit Flaumschnabel an den Händen gehalten, um überhaupt mit ihr reden zu können.
„Das dachte ich mir.“ Magister Elgin nickte offenkundig zufrieden. „Der direkte Körperkontakt ermöglicht fast immer die Gedankenrede. Es sei denn, Du hast Deinen Geist wirklich sehr verschlossen. Jeder von uns hat sich Dekan Ezzo auf diese Weise geöffnet, damit er jeden von uns erreichen kann und wir jederzeit ihn.“
„Ah.“ Teese dämmerte, was das bedeutete. Gedankenrede war nicht so selbstverständlich wie sie gedacht hatte. Sie hatte gedacht, jeder Magier würde mit jedem in Gedanken sprechen können und dies auch regelmäßig tun, aber das war wohl nicht der Fall.
„Ihr Studenten“, fuhr Magister Elgin von seiner Couch herüber fort, „müsst aber erst einmal lernen, Euren Verstand zu verschließen. Das ist besonders wichtig, damit wir das Risiko eines Magieschlags reduzieren.“
Der junge Magister ließ den rechten Arm über die Lehne hängen. „Du hast bei dem Formori-Mädchen von Glück sagen können, dass es in der Schlacht so geschwächt worden ist, dass ihr von der Magie auf einem ähnlichen Level gewesen sein müsst. Jetzt würde ich Dir jedenfalls nicht mehr empfehlen, sie anzufassen.“
„Oh… okay.“ Teese musste schlucken.
Sie hatte bereits zweimal einen Magieschlag erlebt. Einmal als Yophus ihren Drachen angefasst hatte und einmal als Magister Elgin sie berührt hatte. Das war in der alten Welt gewesen und ein Unfall. Dennoch waren sie beide seitdem miteinander verbunden – auch wenn Teese noch nicht allzu viel davon mitbekommen hatte, außer Träumen von seinem Seelentier ganz zu Anfang. Dennoch verspürte sie wenig Lust mit noch einem weiteren Wesen verbunden zu sein.
„Formori sind fast so starkmagisch wie Drachen“, erklärte Magister Elgin unterdessen weiter. „Und sie können ihren Geist nicht verschließen, jedenfalls so viel wir wissen.“
„Aber viel wissen wir nicht über sie?“, hakte Teese nach.
„Nicht allzu viel“, gab Magister Elgin zu. „Formori waren immer Feinde der Menschen. Das war schon so als wir noch alle in der alten Welt zusammen lebten.“
Teese nickte. Natürlich waren die Formori nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Sie waren wie alle anderen magischen Geschöpfe bei der Erschaffung der neuen Welt hierher versetzt worden. Seltsamer Weise hatte Teese von Formori allerdings noch nie etwas in der alten Welt gehört, während ihr Riesen und Drachen bekannt waren und sie auch Pferde mit Flügeln aus einem ihrer Bücher über griechische und römische Sagen kannte.
Magister Elgin lachte glucksend. „Meine Güte, und schon sind wir wieder bei einem Lehrer-Schüler-Gespräch.“ Er setzte sich auf. „Ich wollte Dir eigentlich keine Unterrichtsstunde halten, Teese“, sagte er.
Teese zuckte lächelnd mit den Schultern. „Ich finde das eigentlich interessant.“
„Unterricht ist immer interessant.“
„Naja“, sagte Teese.
Magister Elgin lachte. „Das heißt, mein Unterricht ist nicht immer interessant?“, wollte er mit neckendem Unterton wissen.
„Äh. Doch. Schon, also fast immer jedenfalls.“ Teese wurde unvermittelt heiß.
„Und ich dachte, mein Unterricht wäre immer mitreißend und interessant.“ Magister Elgin lachte. Anscheinend war er über Teeses Worte nicht wütend oder böse. „Es ist halt noch kein Meister vom Himmel gefallen.“ Er stand schwungvoll von der Couch auf.
„Dann lass uns mal lieber zu Dekan Ezzo gehen“, wechselte er das Thema. „Bevor Du durch meine Privatstunden so viel weißt, dass es selbstverständlich ist, dass Dich die nächste Stunde langweilen wirst.“
Mit rotem Kopf folgte Teese Magister Elgin aus dem Raum. Ihren Stundenplan faltete sie dabei geschäftig zusammen und verstaute ihn in der Tasche. Sie hatte nicht sagen wollen, dass Magister Elgins Unterricht langweilig wäre. Aber manche Dinge waren eben nun einmal nicht so interessant wie andere. Das war einfach so. Das war nicht Magister Elgins Schuld.

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