Lektionen in Magie (9/20)

Posted on Januar 2, 2012

0


Teese kam ihm entgegen und nahm ihm den Plan ab. Neugierig überflog sie ihren neuen Stundenplan. Er war noch voller als im letzten Halbjahr. Das hatte Teese eigentlich nicht erwartet. Sie hatte nun keine Stunden im Schreiben bei Magister Felyth mehr und auch kein Rechnen.
Geblieben waren eigentlich nur ihre Trainingsstunden in Schwertkampf und im Umgang mit den Wurfsternen sowie die Allgemeine Einführung in die Magie bei Magister Elgin. Die Stunden waren auf den ersten Blick auch nicht mehr geworden. Dreimal die Woche je eine Doppelstunde.
Neu hinzugekommen waren allerdings zwei Stunden die Woche, die den unheilvollen Titel ‚Zusätzliche Trainingsstunden (Ro)‘ trugen. Teese starrte die Worte mit Unbehagen an. Sie hatte schon im letzten Halbjahr für einige Zeit zusätzliche Stunden von dem ehemaligen Dekan von Weltenei bekommen und war eigentlich höchst erfreut gewesen, diese Stunden nun los zu sein.
Allerdings war Magister Pim wohl der Meinung, dass sie das zusätzliche Trainingsstunden dringend benötigen würde. Teese musste zwar zugeben, dass der Lehrer für Waffenkunde damit wohl Recht hatte, aber sie bezweifelte, dass zusätzliche Stunden bei Ro ihre Fähigkeiten wirklich verbessern würden.
Teese seufzte innerlich und ließ ihren Blick weiter über den Stundenplan gleiten. Je vier Stunden pro Tag waren als ‚Private Studien‘ eingetragen. Teese hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte.
Sie sah fragend zu Magister Elgin. „Private Studien“, begann sie.
Der junge Magister nickte und unterbrach die nicht ausgesprochene Frage. „Jeder Student sollte mindestens vier Stunden am Tag seine eigenen Studien voran bringen. Was er in diesen Stunden arbeitet, steht jedem selbst frei. Der Tutor ist allerdings dafür verantwortlich, dass der Student auch etwas arbeitet und nicht faulenzt.“
Da Teese immer noch fragend blickte, fügte er hinzu. „Wie ich gehört habe, hast Du Dich entschieden, den Unterricht der Universalminimalisten zu besuchen.“
Teese nickte.
„Das wären zum Beispiel private Studien“, erklärte Magister Elgin. „Außerdem wird von Dir erwartet, dass Du Dich mit Deinem Talent beschäftigst, Bücher dazu liest und praktische Übungen absolvierst.“
„Gehört mein Unterricht bei Dekan Ezzo auch dazu?“, wollte Teese wissen.
Magister Elgin lachte. „Nein, ich befürchte, das sind zusätzliche Stunden.“
Teese seufzte, dieses Mal allerdings nicht stumm. „Gibt es wieder eine Prüfung?“, wollte sie wissen.
„Nun, Du wirst natürlich die Prüfung für die rote Schärpe ablegen“, meinte Magister Elgin. Er sah Teese über die Schulter. „Aber das machen wir, wenn Du soweit bist. Ich finde, wir sollten noch abwarten, bis wir in der Einführung mit den allgemeinen Grundlagen fertig sind.“
„Oh.“ Teese hatte gedacht, das wären sie bereits. Sie wusste, dass sie sich in diesem Jahr verstärkt mit der Geschichte Welteneis beschäftigen würden. Aber dass sie noch weitere Grundlagen zu lernen hatte…
„Was denn?“, wollte sie wissen.
„Gedankenrede zum Beispiel“, sagte Elgin.
„Die kann ich bereits“, entfuhr es Teese.
Magister Elgin lachte. „Kannst Du denn mit mir in Gedanken sprechen?“, wollte er wissen.
Teese zögerte und schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich kann ich das nur mit Seth und mit Flaumschnabel.“
„Dem Formori-Mädchen?“
„Ja.“
„Das ist interessant. Weißt Du, in Gedanken reden kann man nur mit Menschen, die man selbst kennt. Und zwar kennen nicht im Sinne von jemanden den man einmal getroffen hat und dessen Namen man kennt. Sondern man muss die Person selbst kennen, sein Inneres.“
Teese nickte langsam. Das war ihr im Grunde bereits bewusst gewesen. Es war die erste Erkenntnis gewesen als sie die ersten Worte in Gedankenrede mit Seth gesprochen hatte. Man musste wissen mit wem man sprach. Dann war es ganz einfach.
Aber seltsamer Weise hatte es nur mit Seth und Flaumschnabel wirklich funktioniert. Mit Liina konnte sie nicht in Gedanken sprechen und das obwohl sie beide es mehrfach versucht hatten. Die kleine Chinesin hatte es ziemlich gewurmt, dass Teese diese Fähigkeit bereits besaß und sie selbst dazu überhaupt nicht in der Lage war.
‚Vielleicht liegt das daran, dass Du Liina nicht wirklich kennst‘, spekulierte eine vertraute Stimme in Teeses Kopf.
‚Aber ich kenne Liina, Fleck‘, beharrte Teese ihrem Seelentier gegenüber.
‚Vielleicht oberflächlich‘, sagte das Kaninchen. ‚Aber in ihrem Inneren ist sie vielleicht eine ganz andere Person und daher kannst Du sie nicht hören und sie Dich nicht.‘
‚Das glaube ich nicht.‘
Das wollte Teese einfach nicht glauben. Liina war ihre Freundin. Vielleicht kannte sie nicht jeden geheimen Gedanken ihrer Freundin, aber sie kannte Liina.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements