Lektionen in Magie (8/20)

Posted on Dezember 30, 2011

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„Warst Du schon einmal in Dekan Ezzos Werkstatt?“, wollte Magister Elgin wissen, während sie durch den fast menschenleeren Kreuzgang liefen. Reste von Schnee lagen in dem kleinen Garten in der Mitte. Vom Springbrunnen stieg heißer Dampf auf, während das warme Wasser unbeirrt des Winters fröhlich plätscherte.
„Nein.“ Teese zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich wusste nicht einmal, dass er so etwas hat.“
Wozu brauchte der Dekan denn eine Werkstatt? Eine Werkstatt war für Teese ein Ort an dem kaputte Autos repariert wurden. Ihr Mercedes war immer für den Ölwechsel in der Werkstatt und für irgendwelche Untersuchungen, die Teese nie so wirklich interessiert hatten.
Sie sah durch die steinernen Bögen zur ihrer Rechten und auf die dunkeln Wellen des winterlichen Meeres. Der Himmel war heute wolkenverhangen und wirkte nicht mehr so schön und einladend wie gestern. Heute wirkte alles kalt und ungemütlich.
„Alle Objektmagier legen sich über kurz oder lang ihre eigene Werkstatt zu“, erklärte ihr Magister Elgin. „Wenn man magische Gegenstände fertig, lohnt sich das mehr als ein normales Arbeitszimmer. Wobei kaum einer von uns ein wirklich ‚normales‘ Arbeitszimmer besitzt.“
Magister Elgin wandte seine Schritte nach links am Brunnen vorbei und zum Durchgang, der in den Magieturm führte.
„Aber apropos Arbeitszimmer. Am besten ich zeige Dir noch schnell mein Studienzimmer“, sagte er zu Teese. „Dann weißt Du gleich, wo Du mich findest, wenn ich keinen Unterricht halte. Außerdem muss ich Dir ohnehin noch Deinen Stundenplan aushändigen.“
„Okay.“
Teese folgte ihrem Tutor hinüber zur Osttreppe des Turms. Diese führte, wie sie wusste, zu den Studienzimmern der Magister. Dort gewesen war sie allerdings noch nie. Die vier Treppen im Magieturm führten in jeweils abgeschlossene Bereiche, die nur über die dazugehörige Treppe betreten und verlassen werden konnten.
Teese ging zwar davon aus, dass hinter der letzten Wand der Schreibstube im Südteil das Arbeitszimmer eines älteren Studenten lag, die im Westteil angesiedelt waren und dass hinter der Wand des letzten studentischen Arbeitszimmers die Bibliothek anschloss, welche auf der anderen Seite hier an die Studienzimmer der Magister anschlossen. Aber Durchgänge zwischen den Bereichen gab es keine.
„Mein Arbeitszimmer liegt im dritten Stock“, führte Magister Elgin aus, während sie nach oben gingen. „Ich hatte verhältnismäßig Glück.“
Er bemerkte Teeses ratlosen Blick und grinste.
„Oder wäre es Dir lieber jedes Mal zu mir in den siebten Stock gehen zu müssen?“
„Äh, Nein“, sagte Teese ehrlich.
Im Magieturm gab es keine Aufzüge, nur Treppen. Genau das war der Grund, warum es eigentlich recht unpraktisch war, dass es eben keine Durchgänge gab. Warum hatte man das so kompliziert gebaut? Und warum schlug man nicht einfach ein paar Durchgänge. Das dürfte doch nicht so schwer sein.
Bei ihr zu Hause hatte ihr Vater sogar einmal eine ganze Wand herausgenommen. Damals war das Wohnzimmer sehr klein gewesen und hatte an Teeses altes Kinderzimmer gegrenzt. Als sie mit vier Jahren ihr neues Zimmer im Dachgeschoss bezogen hatte, hatte ihr Vater die Wand zwischen dem Wohnzimmer und dem alten Kinderzimmer eingerissen und nun hatten sie ein großes Wohnzimmer.
Das sollte doch hier auch möglich sein. Es musste auch nicht gleich eine ganze Wand sein. Es würde doch genügen, in jedem Stock eine Tür in die Wand einzufügen. Dann könnte man problemlos von überall in jeden Bereich.
„So, dritter Stock“, kommentierte Magister Elgin, als sie den dritten Treppenabsatz erreichten. „Hier geht es lang.“
Teese folgte ihrem Tutor in einen Gang mit steinernen Wänden. An der Decke hingen in Abständen goldene Lampen, die wie Fische aussahen. Sie waren sehr hübsch und strahlten von sich aus, mit magischem Licht.
„Schön, nicht wahr?“ Magister Elgin hatte Teeses bewundernden Blick zu den Lampen bemerkt. „Magister Ota hat sie für ihren damaligen Freund angefertigt, der sein Arbeitszimmer dort hinten hat.“
Magister Elgin deutete den Gang hinunter. Soweit hatten sie allerdings nicht zu gehen, denn bereits an der vierten Tür blieb der junge Magister stehen und öffnete sie.
„Das hier ist mein Reich. Tritt ein.“
Er hielt Teese die Tür auf und das Mädchen betrat das Studienzimmer. Es war recht groß und besaß an der gegenüberliegenden Wand drei Fenster, welche einen Blick ins Freie erlaubten. Im dritten Stock waren sie bereits hoch genug, dass man einen guten Überblick über Weltenei hatte.
Der Blick aus dem Fenster war gleichzeitig der Blick in den Innenhof der Trainingshalle. Teese konnte Sums blonden Haarschopf entdecken. Das Mädchen übte schon wieder Bogenschießen. Sum war, was das Training anging, genauso ehrgeizig wie Liina mit ihren Büchern.
Teese fragte sich, warum ihr jeglicher Ehrgeiz so gänzlich fehlte. Sie könnte sich zwar vornehmen mehr zu lernen oder mehr zu üben, aber nach spätestens einer Woche würde sie ihre selbstauferlegte Stunde einmal ausfallen lassen und dann nur noch ein paar Mal halbherzig ihrem guten Vorsatz nachkommen.
Danach wäre die Sache erledigt und sie würde wieder zu ihrem eigentlichen Arbeitsrhythmus zurückkehren: Sie würde zwar wissen, dass sie mehr tun müsste, aber erst auf den letzten Drücker anfangen. Und das war in der Regel zu spät, um herausragende Ergebnisse zu erzielen.
„Oh, da ist tatsächlich schon jemand am trainieren“, kommentierte Magister Elgin, der Teese in den Raum gefolgt war und wie sie aus dem Fenster sah.
„Das ist Sum“, erklärte Teese.
„Pims Studentin, ich weiß.“ Magister Elgin lächelte versonnen. „Und genauso fleißig beim Training wie ihr Tutor.“
Teese seufzte.
Elgin lachte. „Keine Sorge, Teese. Nicht jeder Magier muss der perfekte Kämpfer sein. Wenn Dir die Waffen nicht liegen, wirst Du Dir etwas anderes suchen, worin Du glänzen kannst.“
„Ich weiß nicht“, meinte Teese. „Ich glaube, Dekan Ezzo und Magister Pim werden darauf pochen, dass ich wenigstens eine gute Kämpferin werde.“
„Möglich“, stimmte ihr Magister Elgin zu. „Aber auch sie wissen, dass nicht jeder zum Waffenmagier geboren ist.“
Der junge Mann wandte sich vom Fenster ab und ging zu dem schweren Schreibtisch, der im linken Bereich stand. Direkt dahinter erstreckten sich drei Reihen mit Regalen voller Bücher. Teese war ein wenig überrascht, so viele Bücher hier zu sehen. Immerhin gab es eine Bibliothek im selben Gebäude.
Magister Elgin beugte sich über den Schreibtisch und schob ein paar Papiere zur Seite, um dann eines davon mit einem „Ah, hier“ in die Hand zu nehmen.
„Dein Stundenplan, Teese“, reichte er dem Mädchen den Zettel.

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