Lektionen in Magie (7/20)

Posted on Dezember 26, 2011

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„Weiterhin“, fuhr Dekan Ezzo vor den Glasfenstern mit lauter Stimme fort, „gibt es eine Anfrage zur Gestaltwandlung. Magister Elgin wird in diesem Halbjahr sein Erscheinungsbild verändern und solange die grüne Robe tragen.“
Teese sah erneut hinüber zu dem Tisch an dem Magister Elgin neben Rehan saß. Er erwiderte ihren Blick und schmunzelte. Teese fragte sich, wie lange er nun wohl noch so aussehen würde, wie sie ihn kannte – als schlaksigen jungen Mann mit schwarzen Locken, braunen Augen und so dunkler Haut wie Teese sie nur nach den Sommerferien hatte, wenn sie jeden Tag im Schwimmbad gewesen war und sonnengebräunt.
Unvermittelt wurde Teese neugierig, wie der Magister seine Gestalt verändern würde. Musste man sich da gleich entscheiden oder hatte man mehrere Versuche? So wie Anproben in einem Kleiderladen? Und wie würde sie ihn dann nach seiner Gestaltwandlung erkennen, wenn sie ihn das erste Mal wiedersehen würde?
„Was für eine grüne Robe?“, erkundigte sich Seth flüsternd bei Fenn.
Der dunkelhäutige Junge zuckte mit den Schultern und sah fragen zu Liina. Die machte eine vage Geste.
Dekan Ezzo machte noch ein paar weitere Ankündigungen, die allerdings allesamt recht banal waren und die Teese nur mit einem Ohr verfolgte. Dann wünschte er allen viel Glück bei ihren Prüfungen und Studien und beendete seine Rede, die im Grunde nur aus Ankündigungen bestanden hatte.
Kaum hatte sich der Dekan von seinem Platz am Fenster zurückgezogen, begann die Unterhaltung an den Tischen wieder.
„Das war doch sehr erfreulich“, ergriff Liina als erste an ihrem Tisch das Wort.
Die kleine Chinesin wirkte äußerst zufrieden und hatte ein glückliches Lächeln auf dem Gesicht. Teese wunderte das wenig. Sie hatte eine Belobigung für die beste Prüfung bekommen und war die erste von ihrem Jahrgang, welche die rote Schärpe erhalten würde.
Dass sie die Prüfung bestehen würde, stand für Teese jedenfalls außer Frage. Liina war zweifellos die klügste von ihnen allen und vermutlich auch die fleißigste. Und Teese begann zu verstehen, warum dem so war. Sie genoss es, von Dekan Ezzo vor allen für ihre Leistung ausgezeichnet worden zu sein. Vermutlich spornte sie das an. Es war ein Gefühl, das Teese nicht kannte.
„Komisch aber“, fuhr Liina fort, „dass Dekan Ezzo überhaupt nicht gesagt hat, wieviel Punkte Du in der Prüfung erreicht hast, Teese.“
Teese erstarrte. Das war wahr. Das hatte er nicht gesagt.
„Das ist doch egal“, mischte sich unvermittelt Seth ein.
„Ja“, stimmte Fenn zu. „Sie hat eine Auszeichnung dafür bekommen, dass sie Magie in der Prüfung gewirkt hat. Das scheint mehr zu zählen als irgendwelche Punkte.“
Liina kniff die Lippen zusammen. „Das sehe ich nicht so.“
„Und was meinst Du, warum der Dekan die Punkte nicht genannt hat?“, wollte Amin wissen.
„Vielleicht weil Teeses Prüfung nicht so gut war?“, spekulierte Liina ganz ungeniert.
Amin lachte. „Das glaube ich nicht. Ich denke eher, dass sie mit Magie nicht die Belobigung für die beste Prüfung bekommen sollte. Das wäre doch irgendwie unfair allen den gegenüber, die nicht auf diese glorreiche Idee gekommen sind.“
Liina wirkte einen Augenblick wie vor den Kopf gestoßen. Doch sie fing sich schnell wieder. „Ich glaube, dass Teese selbst mit Magie nicht mehr als 97 Prozent erreicht hat. Das ist praktisch nicht möglich“, sagte sie entschieden.
„Wieso?“, wollte Fenn wissen.
„Weil niemand mehr weiß als Liina“, beeilte sich Teese zu antworten.
Ihr war das Thema unangenehm. Sie wollte nicht in Konkurrenz mit ihrer Freundin treten. Liina war die bessere von ihnen beiden. Daran gab es keinen Zweifel. Vielleicht hatte sie selbst mit Magie ein ganz gutes Ergebnis erreicht, aber sie war sich sicher, dass sie nicht so viel gewusst hatte und somit auf ihren Zettel hatte schreiben können wie Liina.
„Liina ist von uns allen die klügste“, fuhr Teese fort. „Selbst wenn ich jeden Tag drei Stunden lernen würde, würde ich nicht so viel wissen wie sie.“
„Nun, Du würdest aber natürlich besser werden“, sagte Liina wohlwollend.
„Puh, drei Stunden am Tag lernen“, kommentierte Fenn. „Da bleibe ich lieber bei meinen 61 Prozent.“
„Ein wenig mehr Ehrgeiz würde Dir aber sicherlich nicht schaden“, sagte Liina mit oberlehrerhafter Miene.
„Ja, aber dann bleibt keine Zeit mehr für Freizeit“, stellte Fenn fest.
„Lernen ist Freizeit“, hielt Liina dagegen.
Seth verschluckte sich an seinem Tee und musste husten. Fenn grinste. „Sehe ich ganz genau so, Seth“, sagte er. „Liina, Du spinnst. Freizeit ist Zeit, die man frei hat.“
„Und was macht man in seiner Freizeit?“, wollte Liina wissen. „Dinge, die einem Spaß machen. Bücher lesen und das ist praktisch eine Form des Lernens.“
„Bücher lesen macht keinen Spaß“, sagte Fenn trocken. Er wandte den Blick. „Was ist los, Amin?“
Teese sah ebenfalls zu dem älteren Jungen, der sichtlich Mühe hatte Ernst zu bleiben. Er hatte sich hinter einer Tasse mit Kakao verschanzt und verkniff sich nicht sehr erfolgreich ein breites Grinsen.
„Ach, nichts weiter“, wiegelte Amin ab. „Ihr erinnert mich nur an Icus und Eje. Die Unterhaltung hätten auch die beiden führen können als sie in Eurem Alter waren.“
„Und jetzt bewirbt sich Eje um die gelbe Schärpe, während Icus noch die orangefarbene trägt“, pochte Liina auf ihrem Standpunkt.
„Ja, aber damit ist sie viel weiter als sie eigentlich sein müsste“, hielt Fenn dagegen.
„Eben“, sagte Liina.
Amins breites Grinsen wich langsam von seinem Gesicht. „Lernen ist wichtig und Spaß machen sollte es auch. Es gibt viele interessante Dinge, die man auf Weltenei lernen kann. Aber es gibt auch noch anderen Dinge für die man Zeit finden sollte. Schärpen sind nicht alles im Leben, Liina.“
„Siehst Du“, grinste Fenn.
„Aber niemand möchte ewig mit einer weißen Schärpe durch die Gegend laufen“, beharrte Liina.
„Nö“, gab Fenn zu. „Das will niemand. Aber es langt doch, wenn ich meine rote habe, bis die neuen Kandidaten kommen.“
„Muss man sie bis dahin haben?“, wollte Seth wissen, der während der Unterhaltung erstaunlich appetitlos für seine Verhältnisse an einer Scheibe Toast herumgeknabbert hatte.
„Nein, es gibt überhaupt keine zeitlichen Vorgaben“, beruhigte Amin ihn. „Einige Schüler haben die weiße Schärpe noch bis zum nächsten Halbjahr und machen ihre Prüfung erst dann. Früher oder später werdet Ihr Euch alle von Schärpe zu Schärpe arbeiten, bis zur grünen.“
„Nicht bis zur blauen?“, wollte Liina wissen.
Teese sah ihre chinesische Freundin in Gedanken eigentlich erst mit der violetten ihre Schärpenjagd beenden, behielt das aber lieber für sich.
„Nicht jeder Magier wird Magister“, erklärte Amin. „Auch wenn man dann verschiedene Vorteile hat.“
„Welche denn?“ Liinas Interesse war sofort wieder geweckt.
„Das lernt Ihr alles im nächsten Halbjahr.“
Die Antwort war von Magister Elgin gegeben worden, der an den Tisch getreten war. Er blickte fröhlich in die Runde. „Guten Morgen, Allerseits.“
„Guten Morgen, Magister Elgin“, erwiderten die anderen mit Teese zusammen im Chor.
Magister Elgin lachte auf. „Ihr klingt fast wie im Unterricht“, meinte er und sah dann zu Teese. „Bist Du fertig mit frühstücken? Dekan Ezzo möchte Dich heute Vormittag sprechen.“
Das Lächeln gefror Teese auf den Lippen.
„Nein, keine Sorge. Es ist nichts Ernstes“, beeilte sich Magister Elgin zu sagen. „Komm mit, ich bringe Dich zu ihm nach oben.“
Nach oben? Teese beeilte sich aufzustehen und folgte Magister Elgin aus der Halle in Richtung Kreuzgang. Trotz seiner Worte hatte sie ein mulmiges Gefühl. Gab es einen besonderen Grund, dass der Dekan sie sprechen wollte?

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