Lektionen in Magie (6/20)

Posted on Dezember 23, 2011

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„Studentin Sum“, rief der Dekan das Mädchen mit den kurzen blonden Haaren als nächste auf.
Während Sum einen Schritt nach vorne machte, begann Teeses Herz vor Aufregung schneller zu schlagen. Sie waren nur noch zu dritt. Außer Sum und ihr stand nur noch Liina neben dem Dekan. Sollte es wirklich möglich sein und sie hätte die zweitbeste Leistung?
„Studentin Sum ist Elementmagierin“, fuhr der Dekan fort. „Ihr Tutor ist Magister Pim. Ihre Prüfung schloss sie mit 92 Prozent ab.“
Sum blieb mit einem erleichterten und deutlich glücklichen Gesichtsausdruck stehen und wandte sich dann zum Gehen, als der Dekan die nächste Schülerin aufrief. Entgegen Teeses Erwartung war das allerdings nicht sie.
„Studentin Liina.“
Liina schien genauso vom Schlag getroffen wie Teese und trat mit kurzer Verzögerung nach vorne. Sie wirkte ungläubig. Ihr Blick traf den von Teese und ein Hauch von Zweifel lag in ihm. Teese teilte diesen. Das konnte doch nicht sein. Hier musste ein Irrtum vorliegen.
„Studentin Liina ist Schriftmagierin“, sagte Dekan Ezzo unterdessen. „Ihr Tutor ist Magister Felyth. Sie hat bereits eine Belobigung dafür erhalten, dass sie als erste aus ihrem Jahrgang ihre Aura-Kugel gefüllt hat. Außerdem erhält sie hiermit eine Belobigung für die beste Abschlussprüfung. Studentin Liina hat die Prüfung mit 97% bestanden.“
Es dauerte, bis Teese verstanden hatte, was genau das bedeutete. Liina war wie zu erwarten die Beste in ihrem Jahrgang. Aber Teese war noch nicht aufgerufen worden. Warum war sie noch übrig geblieben? Stimmte mit ihrer Prüfung irgendetwas nicht? Sie hatte doch bestanden, oder? Sonst konnte man doch überhaupt nicht nach Weltenei zurückkehren, oder?
Teese war wie paralysiert und nahm Liinas freudiges Strahlen nur am Rande wahr. Sie sollte sich eigentlich für ihre Freundin freuen, aber im Augenblick war sie zu keinem Gedanken fähig.
„Zuletzt möchte ich den versammelten Magiern Studentin Teese vorstellen.“ Dekan Ezzo wandte sich zu dem Mädchen und lächelte sie an.
Teese kannte dieses Lächeln. Es sah äußerlich herzlich und warm aus. Aber sie wusste, wie schnell es von seinem Gesicht weichen konnte, so dass sie daran zweifelte, dass es echt war. Sie schaffte es nicht, das Lächeln zu erwidern. Verwirrt trat sie einen Schritt nach vorne. Was würde nun kommen?
„Studentin Teeses Talent ist die Sympathiemagie“, verkündete der Dekan das, was die meisten im Raum ohnehin bereits wussten. „Ihr Tutor ist Magister Elgin. Sie erhält eine Belobigung dafür als einzige aus ihrem Jahrgang in ihrer Abschlussprüfung Magie gewirkt zu haben. Die Quelle der Welten hat sie zudem als diejenige ausgezeichnet, welche mir in meinem Amt folgen wird. Ich bitte die Anwesenden, sich kurz zu erheben.“
Teese stand einen Augenblick da und dachte einfach überhaupt nichts. Mit vernehmlichen Stühlerücken erhoben sich die versammelten Magier, Magister wie Lizentiaten und Studenten. Der eine oder andere reckte sich neugierig, um Teese besser sehen zu können. Anscheinend war es doch nicht jedem bekannt, das ihr Name in der Quelle erschienen war.
„Studentin Teese trägt ab sofort den Titel Dekananwärterin.“ Dekan Ezzos Stimme klang feierlich. „Sie wird von mir für ihr Amt sorgfältig und nach bestem Wissen und Gewissen ausgebildet werden. Ich werde ihr meinen Platz als Dekan überlassen, sobald meine Zeit gekommen ist, sie mich um die violette Schärpe herausfordern wird oder wenn es der Wille des Magisterrats ist.“
Das klang in Teeses Ohren sehr nach einer feststehenden Formulierung. Sie musste unvermittelt an Roath denken und daran, dass er nicht bereit gewesen war, seinen Platz für Dekanin Winna zu räumen. Ob es diesen Zusatz mit dem Willen des Magisterrates schon damals gegeben hatte? Es würde Teese überhaupt nicht wundern, wenn diese Möglichkeit erst danach hinzugefügt worden wäre.
Sie wusste immer noch nicht genau, was damals vorgefallen war. Sie wusste nur, dass Ro sich geweigert hatte, als Dekan zurückzutreten. Und sie wusste aus Winnas Erinnerung, dass er versucht hatte, dies zu verhindern, indem er sie zu töten versucht hatte. Sie wusste aber nicht, wie dieser Versuch ausgesehen hatte und wie er vereitelt worden war.
Allerdings hatte der Magisterrat wohl eine gewisse Rolle dabei gespielt. Die Magier in ihrer Gesamtheit hatten ihn schließlich zu Fall gebracht. Aber auch darüber wusste Teese eigentlich nichts. Vermutlich würde Dekan Ezzo ihr aber im Zuge ihrer Ausbildung mehr darüber erzählen.
Ansonsten würde ihr nur übrig bleiben, Ro selbst zu fragen. Allerdings stand das nicht zur Debatte. Das würde sich Teese schlicht und ergreifend nicht trauen. Zu sehr fürchtete sie die Reaktion des Magiers, der nun dazu verdammt war für immer die Schärpe eines Kandidaten zu tragen und kaum Magie wirken zu können.
„Man möge sich wieder setzen“, rief Dekan Ezzo Teese in die Gegenwart zurück.
Sie sah kurz zögernd zu ihm hoch und als er nickte ging Teese zurück zu ihrem Platz. Unvermittelt war sie sehr erleichtert, es hinter sich zu haben.
„Kommen wir nun zu ein paar wichtigen Ankündigungen zum Beginn des neuen Halbjahres“, sprach der Dekan weiter, bevor Teese ihren Platz erreicht hatte.
„Für den nächsten Monat liegen mir vier Anträge auf eine Prüfung für die nächsthöhere Schärpe vor. Alle sind von mir bewilligt. Es bewerben sich um die rote Schärpe Studentin Liina, um die orange Schärpe Student Irich, um die gelbe Schärpe Studentin Eje und um die blaue Schärpe Lizentiat Rehan.“
Teese rutschte auf ihren Platz und sah suchend über die versammelten Magier. Rehan, der Pförtner, saß bei Magister Elgin und zwei älteren Schülern am Tisch. Der glatzköpfige Magier war Tutor von Yophus geworden. Ob er deswegen nun auch Magister werden wollte?
Teeses Blick glitt weiter zu Eje, die neben ihrem Freund Icus saß. Wie Amin richtig erkannt hatte, würde sie ihre Prüfung für die gelbe Schärpe ablegen. Und Student Irich? Teese wusste, dass sie den Namen kannte und er rief bei ihr keine allzu positiven Gefühle in Erinnerung. Allerdings wusste sie nicht genau, warum. Sie konnte dem Namen kein Gesicht zuordnen noch wusste sie, woher sie den Namen überhaupt kannte.
„Wow, Liina“, flüsterte Fenn mit gesenkter Stimme. „Du lässt Dich jetzt schon prüfen?“
Liina grinste geschmeichelt. „Magister Felyth meinte, ich wäre bereits soweit“, sagte sie mit gesenkter Stimme, “und man solle nicht ohne Grund länger warten als nötig.“
Teese seufzte stumm. Schon wieder eine Prüfung, die auch ihr bevorstand. Und vermutlich würde sie diese auch noch in diesem Halbjahr ablegen müssen. Immerhin kamen im nächsten Halbjahr neue Kandidaten, die ihre weißen Schärpen erhielten. Dann sollte sie bereits weiter sein. Alles andere wäre wohl sehr peinlich.

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