Lektionen in Magie (4/20)

Posted on Dezember 16, 2011

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„Seht mal, da ist Dekan Ezzo“, sagte Amin anscheinend bemüht darum, das Thema zu wechseln. „Dann geht es gleich los.“
„Was geht los?“, wollte Liina wissen.
Amin lachte verhalten. „Magister Nabi hat es Euch nicht gesagt, nicht wahr?“
Es war eine rhetorische Frage. Jeder von ihnen wusste, dass Magister Nabi es nicht für nötig hielt, ihren Studenten genau zu sagen, was jeweils auf der Agenda für den neuen Tag stand. Meist war das auch nicht nötig, weil jeder Tag wie der vorhergehende war und sie bisher Stundenpläne besessen hatten, aber ab und an gab es nun einmal Dinge, die von der Tagesordnung abwichen.
„Nein, hat sie nicht“, meinte Fenn nur knapp.
„Der Dekan hält eine Rede?“, spekulierte Teese, die verfolgte, wie Dekan Ezzo die Taberna durchquerte und dabei die Blicke zahlreicher Anwesenden auf sich zog. Der Dekan von Weltenei war hochgewachsen und muskulös. Er bewegte sich mit einer geschmeidigen Selbstsicherheit durch den Raum, die so gar nicht zu einem Leiter eines Internats passte – eine Funktion die er durchaus auch ausfüllte.
Vielmehr ließ die Erscheinung des Dekans Teese immer wieder an einen Schwertkämpfer denken. Es hätte sie nicht gewundert, wenn er auf dem Rücken einen Schild tragen würde und ein Schwert umgegürtet hätte. Doch alles, was über seinen Rücken verlief war die violette Schärpe des Dekans, unterbrochen von den langen blonden Haaren, die ihm offen bis zur Gürtellinie fielen.
Teese hatte seine Erscheinung am Anfang ehrfürchtig bestaunt, doch seit sie wusste, dass Magier ab einem gewissen Alter ihr Erscheinungsbild magisch veränderten, um nicht zu altern, fragte sie sich manchmal, wie der Dekan früher ausgesehen hatte.
Wenn man sein Aussehen nach Belieben verändern konnte, dann würde man doch all die Dinge ändern, die man an sich bisher nicht gemocht hatte. War der Dekan also kahlköpfig gewesen und klein und schmächtig? Oder würde es eher für Spott sorgen, wenn man in einem solchen Fall sein Äußeres derartig stark veränderte?
Andererseits musste ein Dekan sicherlich auch nach etwas aussehen. Er war immerhin der mächtigste Magier in der neuen Welt, der Hüter von Weltenei und Bewahrer der Quelle. Da konnte er kaum aussehen wie ein dürrer Bibliothekar, glatzköpfiger Privatgelehrter oder dickbäuchiger Beamter.
Teese folgte mit ihrem Blick dem Dekan, der zwischen den Tischen hindurch lief und auf die Frontseite des Raumes zuhielt. Die Unterhaltung verebbte, das Tellerklappern verstummte und die Magier richteten ihre Aufmerksamkeit nach vorne. Sie alle schienen zu wissen, was nun kam.
„Hält er eine Rede?“, hakte Liina nach, die noch immer auf Amins Erklärung wartete.
„Ja, so etwas in der Art“, erwiderte Amin. „Ihr werdet gleich nach vorne gerufen, um offiziell den anwesenden Magiern vorgestellt zu werden und natürlich um Eure Prüfungsergebnisse zu erfahren.“
„Sehr schön.“ Liina wirkte äußert zufrieden, während Teese bei dem Gedanken eher mulmig wurde.
Liina hatte sicherlich am besten von ihnen allen abgeschnitten, aber sie selbst? Als angehende Dekanin sollte sie eigentlich die Beste in ihrem Jahrgang sein, doch das war sicherlich nicht der Fall. Ihr Wissen war äußerst mangelhaft im Vergleich zu dem ihrer chinesischen Freundin.
Liina sah zu Fenn. „Du hast Krümel auf der Backe“, unterrichtete sie ihn. „Wisch‘ die mal lieber weg.“
„Danke Mami“, spöttelte Fenn, wischte sich aber gehorsam über die Wange.
„Irgendeiner muss ja darauf achten, wie wir da vorne aussehen“, verteidigte sich Liina.
„Wir?“, grinste Fenn.
„Ja, wir aus Magister Nabis Haus“, sagte Liina ohne eine Miene zu verziehen.
Dekan Ezzo, der das Wort ergriff, hielt Fenn von einer weiteren Antwort ab. Der Dekan hatte sich vor dem letzten Fenster aufgebaut, jenem, das Dekan Zeni, den Begründer von Weltenei zeigte, wie Teese zur Kenntnis nahm.
„Verehrte Magister und Magier, liebe Studenten“, begann der Dekan in die entstandene Stille. „Ich begrüße Euch alle zurück auf Weltenei und freue mich über jeden, der sich auch in diesem Jahr wieder für das Studium der Magie entschieden hat und auf diese Weise unserer alten Heimat auf den Weg in eine bessere Zukunft verhelfen will.“
Das klang recht schwulstig, fand Teese. Ein Blick in die Runde verriet ihr aber, dass die meisten der Magier aufmerksam lauschten, einige sogar mit strahlenden Augen und einem gewissen Stolz. Liina gehörte zu jenen, aber auch Amin.
„Erneut hat sich eine neue Generation entschieden die Ausbildung zu einem vollwertigen Magier in Angriff zu nehmen, jene, die im letzten Halbjahr als junge Kandidaten nach Weltenei gekommen sind und ihren Platz bei uns gefunden haben.“
Der Dekan sah in die Runde. „Ich bitte Euch alle zu mir zu kommen.“
Teese stand eilig auf und wischte über ihre Robe. Liinas Sorge um ihr Aussehen hatte auf sie abgefärbt. Sie hielt zwar nicht viel davon, sich herauszuputzen, aber sie musste nun wirklich nicht mit Toastkrümeln auf der Robe und Marmelade am Mund vor den versammelten Magiern stehen.
Zusammen mit Liina, Fenn und Seth sowie den anderen Studenten aus dem letzten Halbjahr, ging Teese nach vorne. Erst jetzt bemerkte sie, dass sich ihre Reihen deutlich gelichtet hatten. Viele ihrer ehemaligen Mitkandidaten waren nicht nach Weltenei zurück gekommen.

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