Lektionen in Magie (3/20)

Posted on Dezember 12, 2011

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„Wohnt Ihr noch zusammen?“, wollte Teese wissen, als sie sich alle an einen freien Tisch setzten. Liina goss Teese ungefragt Kakao ein, um dasselbe dann bei Fenn zu ihrer Rechten zu machen.
„Ja, dieses Jahr noch“, erwiderte Amin. „Bis Eje ihre Prüfung für die nächste Schärpe ablegt. Dann zieht sie aus.“
„Oh.“ Teese war irritiert. Sie hatte es eigentlich so verstanden, dass Schüler nur zu Beginn des Schuljahres umzogen, um Platz für die neuen Kandidaten zu schaffen. „Wohin zieht sie denn?“
„Na, in den Magieturm, natürlich.“ Amin bemerkte Teeses ratlosen Blick. „Wusstest Du nicht, dass ältere Studenten dort eigene Zimmer bekommen?“
Da selbst Liina offensichtlich nichts davon wusste, entschied sich Amin weiter auszuholen.
„Wenn man die Prüfung für die gelbe Schärpe besteht, zieht man bei seinem Magister aus“, erklärte er. „Eje ist recht früh dran, weil sie einfach so eine Büchereule ist. Sie wird im März siebzehn. In der Regel legt man die Prüfung für die gelbe Schärpe zwischen siebzehn und zwanzig ab. Dann studiert man für die grüne Schärpe und kann unterrichten oder Tutor für neue Kandidaten werden.“
Amin griff sich ein Croissant aus dem Brotkorb und schnitt es der Länge nach auf. „Wenn man dann seine Magisterprüfung ablegt und die blaue Schärpe trägt, kann man entweder ein Haus auf Weltenei beziehen, so eines frei ist oder man zieht in eines der Colligate.“
„Colli-was?“, hakte Fenn nach.
„Colligat“, sagte Teese. „Das ist ein Magierstadtteil in einer Stadt der Nicht-Magier.“
Schastel Awrosch besaß ein solches Colligat, wie Teese wusste. Sie hatte es in einer von Roaths Erinnerungen auch schon gesehen. Es war ein sehr hübscher Ortsteil gewesen mit gemauerten Häusern, schönen Vorgärten und sauberen Straßen. Das Colligat sah sehr malerisch aus, wie ein Dorf von einer Ansichtskarte.
Der Rest von Schastel Awrosch war allerdings nicht so schön gewesen. Die Häuser waren verfallen und baufällig gewesen, die Straßen schmutzig und Gärten hatte Teese keine gesehen.
„So was wie ein Ghetto?“, mischte sich Seth misstrauisch ein.
Amin schüttelte den Kopf. „Nein, oder ja, doch so ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass das Colligat der schönere Teil der Stadt ist. Außerdem gibt es noch Colligate ohne Städte, eine Art eigenständiger Siedlung. Dort leben vor allem Magier, die mit Nichtmagiern verheiratet sind und Kinder haben. Jene, die“ – Amin zögerte – „eher wie Nichtmagier leben und höchstens theoretische Forschung betreiben.“
„Aha“, sagte Liina mit interessierter Miene. „Und was passiert mit den Familien, wenn der Magier in ihrer Familie stirbt?“
„Nun, in der Regel ziehen sie dann in eine Siedlung der Nichtmagier. Obwohl es auch Orte gibt, in denen vor allem Magiernachwuchs erster Generation lebt.“ Amin biss in sein Croissant und kaute kurz. „So nennen sie sich selbst“, fügte er noch mit vollem Mund hinzu.
„Nichtmagiern ist es also nicht erlaubt in Magiercolligaten zu leben, wenn sie nicht zu einem Magier gehören“, fasste Fenn zusammen. Er sah ein wenig grimmig drein.
„Ja, aber das ist nicht so schlimm, wie es klingt“, beeilte sich Amin zu sagen. „Meist stirbt der Nichtmagier lange vor seinem magischen Ehepartner. Magier leben nun einmal wesentlich länger.“
„Und die Kinder?“, wollte Teese wissen. Sie musste an Marisan und Schirniel denken, Dekan Ezzos Kinder.
„Meist überleben die Magier auch ihre Kinder“, sagte Amin, „oder jedenfalls oft. In der Regel verlassen die Kinder das Elternhaus aber ohnehin wenn sie volljährig sind. So wie bei uns auch.“
„Und dann ziehen sie in eine Nichtmagier-Siedlung“, hielt Fenn fest.
Amin nickte. „Ich habe noch von keinem gehört, der das nicht gewollt hätte.“ Er schien nachdenklich. „Die meisten Nichtmagier wollen überhaupt keinen engen Kontakt zu Magiern“, sagte er dann. „Stellt Euch doch mal vor, wie es wäre wenn Ihr keine Magie wirken könntet und Ihr müsstet Euer ganzes Leben unter Magiern verbringen. Ich stelle mir das nicht sehr angenehm vor. Ich würde auf alle Fälle lieber unter Nichtmagiern leben.“
Amin sah auf sein angebissenes Croissant. „Mir genügt es oft schon als Alleskönner unter die Nase gerieben zu bekommen, dass ich kein Talent besitze. Aber überhaupt keine Magie wirken zu können und um einen herum wachsen alle zu glänzenden Magiern heran … das stelle ich mir sehr deprimierend vor.“
Teese hatte das Gefühl, dass sie ein recht heikles Thema angeschnitten hatten. Amins Erklärungen waren ihr schon einleuchtend. Aber dennoch war irgendetwas an der ganzen Sache faul. Irgendwie fühlte es sich falsch an.
So war es schon in Lorphitals Gasthaus gewesen, in dem die Nichtmagier ihre Plätze unten im Schankraum hatten, während die Magier in einem schön eingerichteten Obergeschoss mit sonniger Terrasse saßen. Teese dämmerte, was ihr daran falsch vorkam.
Die Magier lebten nicht einfach nur in anderen Häusern und eigenen Stadtteilen. Sie lebten in den schöneren Häusern und den hübscheren Stadtteilen. Leben mit Magie sorgte für Kleidung, die im Winter warm hielt und im Sommer kühlte, für magisch geheizte Zimmer und die Möglichkeit, alle Krankheiten zu heilen. Magier veränderten sogar ihr Aussehen ab einem bestimmten Alter und konnten sich eine wunderschöne Gestalt zulegen wie Magister Nabi. Äußerlich wurden sie nie alt und gebrechlich.
Die Nichtmagier hingegen wurden alt und hinfällig. Sie lebten in einfachen Verhältnissen und führten ein mühevolles Leben. Teese wusste noch nicht viel von dieser Welt, aber Thorhafen auf der anderen Seite von Weltenei war eine kleine Stadt, die vom Fischfang und wohl auch vom Handel lebte. Die Menschen dort lebten in einfachen Verhältnissen und mussten wohl hart arbeiten für ihr Geld. Sie wurden alt, verloren Zähne, bekamen Runzeln und … nun waren einfach kein Vergleich zu den Magiern. Das war falsch.
Teese sah zu ihren Freunden. Rinnir hatte die Unterhaltung höflich schweigend verfolgt und schien höchstens etwas nachdenklich. Seth hatte sich vor allem seinem Frühstück gewidmet und hatte vielleicht sogar nur am Rande zugehört.
Liina hatte die Augenbrauen zusammen gezogen, doch Teese ging davon aus, dass sie sich in erster Linie nur für die Fakten selbst interessierte. Liina konnte erstaunlich gleichgültig sein, wenn es um andere Menschen ging. Vielleicht sah sie die Sache genauso wie Amin. Vielleicht war es nicht gerade schön, Nichtmagier auszugrenzen, aber was wäre denn die Alternative? Es war ja nicht so, dass es ihre Schuld war, dass sie Magier waren und die anderen Nicht-Magier. Sicher hätten alle Magier gerne ihre Magie geteilt, wenn das ginge.
Teeses Blick glitt zu Fenn, der finster auf sein Frühstück blickte, eine Gebäckstange mit überbackenem Käse, die er mit den Fingern in kleine Stückchen gezupft hatte. Ihm schien das Konzept von Magiern und Nichtmagiern ebenfalls nicht zu gefallen. Allerdings schienen ihm auch die Worte für eine Widerrede zu fehlen.
Teese seufzte und biss in ihr Toast. Es war eine perfekt getoastete Scheibe Weißbrot mit knusprigem Rand und goldenem Teig in der Mitte. Es war nirgendwo angebrannt und nirgendwo zu weich oder labberig. Es war eine magische Scheibe Toast. Es war ein Detail, das Teese bisher noch nie wahrgenommen hatte. Aber unvermittelt störte es sie.

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