Lektionen in Magie (2/20)

Posted on Dezember 9, 2011

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Buntes Morgenlicht fiel durch die Glasfenster in der Taberna Akademika und beleuchtete die in Gruppen zusammenstehenden Tische, an welchen die Magier ihr Frühstück einnahmen. Erwachsene, Kinder und Jugendlichen saßen in ihren schwarzen Magierroben an den Tischen, hantierten mit Kaffeetassen, strichen Marmelade auf Brotscheiben und löffelten Frühstücksbrei aus weißen Porzellanschüsseln. Man unterhielt sich, es wurde gelacht und Geschichten aus den Ferien ausgetauscht.
Teese nahm das fröhliche Durcheinander nur am Rande wahr. Ihr Blick galt wie immer, wenn sie die Taberna betrat, als erstes den Glasfenstern, welche die gesamte Höhe des Raumes einnahmen und in bunten Glasfragmenten Szenen aus der Geschichte Welteneis abbildeten.
Bisher hatte Teese nur wenige von ihnen entschlüsseln können, einfach weil sie noch zu wenig über die Geschichte der Magier in der neuen Welt wusste. Doch seit gestern war ein neues Stück dazu gekommen und sie betrachtete dieses eine Fenster nun besonders genau, auch wenn sie das bereits unzählige Male getan hatte.
Der Großteil der Scheibe, der Bildhintergrund, bestand aus Glas in den unterschiedlichsten Grüntönen und stellte Bäume mit filigranen Blättern dar. In der Mitte der Scheibe stand ein Magier in der typischen Robe mit einer blauen Schärpe um den Oberkörper, die ihn als Magister auswies.
Teese betrachtete ihn genau, entschied aber dann, dass es sich nicht um Magister Meska handelte, auch wenn dieser Magister denjenigen darstellte, welcher sich um das Reservat kümmerte. Um ihn herum waren verschiedene Tiere in abgestuften Grautönen zu sehen, die mit geschlossenen Augen ruhten wie steinerne Statuen.
Teese fragte sich, was Magister Meska eigentlich genau im Reservat machte. Verwaltete er die Ruhestätten der Seelentiere, so ähnlich wie ein Bibliothekar Bücher? Musste man sich irgendwie um sie kümmern? Oder gar vor irgendetwas beschützen?
„Teese, hey, bist Du blind?“
Jemand griff Teese von hinten auf die Schulter und als sie sich umdrehte, war es Amin. Der ältere Alleskönner-Magier lachte. „Wir haben Dich gerufen, aber Du bist anscheinend sehr in Gedanken.“
Teeses Miene klarte bei Amins Anblick sofort auf. Sie mochte den älteren Jungen der, wie die Lehrerin der Alleskönner zu Teese einmal gesagt hatte, das Mädchen als kleine Schwester adoptiert hatte. Eine Weile hatten alle im letzten Halbjahr geglaubt, dass Teese selbst eine Alleskönner-Magierin sei und sie war daher herzlich in ihre Reihen aufgenommen worden.
Und auch wenn Teese nun doch noch ein Talent gefunden hatte und Sympathiemagerin war, blieb ihr Verhältnis zu Amin das gleiche. Davon abgesehen war sie fest entschlossen auch weiterhin zu Selms Stunden zu gehen und Alleskönner-Magie zu lernen.
„Oh, tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Ich habe Euch nicht gesehen.“
Ihr Blick war Amins Hand gefolgt, der zu einem Tisch in der Mitte der Taberna wies, wo Amins Freund Icus saß, zusammen mit seiner Freundin Eje. Beide winkten als sie Teeses Blick bemerkten und Teese winkte zurück.
Einen Augenblick sah sie unschlüssig zu Seth, Fenn, Rinnir und Liina, denen sie bis eben gefolgt war und die stehen geblieben waren, als Amin Teese abgefangen hatte. Amin bemerkte ihren Blick und grinste. „Lassen wir Icus und Eje besser alleine. Sie haben sich die ganzen Ferien nicht gesehen, weil Eje nach Ägypten geflogen ist. Ihr seid zu fünft?“
Teese nickte. Yophus hatte gleich am Eingang Sum entdeckt und war zu ihrer alten Freundin geeilt, ohne zu zögern. Teese war es nur Recht. Und Flaumschnabel aß nie in der Taberna, sondern frühstückte mit Magister Nabi zu Hause. Die Formori war immerhin keine Magierin und hatte hier anscheinend ebenso wenig Zugang wie Nichtmagier wie Marisan und Schirniel, die unmagischen Kinder von Dekan Ezzo. Allein die Bediensteten in ihren weißen Roben huschten geschäftig zwischen den Tischen hindurch. Frühstücken durften sie hier aber natürlich ebenfalls nicht. Sie waren nur Angestellte.
„Ja, wir sind nur fünf“, nickte Teese.
„Fein, dann setze ich mich zu Euch“, entschied Amin. „Das Geturtel ist nämlich auf leeren Magen nicht zu ertragen.“
Als hätte sie die Worte gehört, schob Eje Icus ihren Arm auf die Schulter und raunte ihm etwas ins Ohr. Teese wandte sich ab und setzte sich wieder in Bewegung. Sie wusste, dass Amin wohl einmal selbst ein Auge auf Eje geworfen hatte, dass sie sich aber für Icus entschieden hatte, wohl vor allem deswegen, weil er sie zuerst gefragt hatte, ob sie seine Freundin sein wolle.
So jedenfalls hatte Teese das verstanden, was Eje in der Schwitzhütte gesagt hatte. Sie hatte zwar gescherzt, aber Teese glaubte dennoch, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Sicher war es somit für Amin nicht immer leicht, mit den beiden zusammen zu wohnen. Die drei hatten ihre Zimmer bei Magister Pim, dem Lehrer für Waffenführung, wo sich Amin und Icus ein Zimmer teilten. Oder jedenfalls war es im letzten Jahr so gewesen.

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