Lektionen in Magie (1/20)

Posted on Dezember 5, 2011

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„Hey, Cunningham.“
Gabriel fuhr herum, als ihn ein dunkelhäutiger Junge auf dem Korridor von hinten ansprach. Er musterte den Jungen kurz und möglichst unauffällig. Er war groß und sehr schlank und trug dieselbe Schuluniform wie Gabriel. Seine Haare waren glatt und schwarz. Vielleicht waren sie ein winziges Stück zu lang für die Vorschriften des Internats, das sie beide besuchten und eine Strähne war verdächtig rötlich gefärbt.
„Hallo, Parker“, erwiderte Gabriel und versuchte seiner Stimme einen formalen Unterton zu verleihen.
Er wusste, dass Paul Edward Parker im letzten Schuljahr einem anderen Jungen ein Jo-Jo geklaut hatte und es seinem Bruder ins Mäppchen gelegt hatte. Es hatte wohl ein Scherz sein sollen, aber sein Bruder hatte deswegen einen Tadel bekommen und hatte die Toiletten im Schlaftrakt putzen müssen – die Toiletten für alle Schlafsäle.
Gabriel ging davon aus, dass Paul das inzwischen längst vergessen hatte und der Sache weiter nichts beimaß – immerhin war es von seiner Seite nur ein Scherz gewesen. Aber Gabriel wusste, dass sein Bruder es nicht vergessen würde und er würde es somit auch nicht.
„Wie waren Deine Ferien?“, hakte der dunkelhäutige Junge nach. Er grinste lässig und wischte sich die rötliche Haarsträhne demonstrativ von der Stirn.
Die Regeln des Internats waren streng. Es war ein traditionelles Elite-Internat für englische Jungen. Alles war vorgeschrieben: Die Kleidung, die sie trugen, deren Länge und Farbe sowie die erlaubte Länge der Haare. Schmuck war verboten, ausdrücklich wurde die Unsitte der Ohrringe bei Jungen hervorgehoben und das Färben von Haaren.
Doch Paul war ein Rebel. Gabriel wusste das, weil sein Bruder es ihm gesagt hatte. Paul war ein Rebel, einer der immer das tat, was verboten war und der das besonders cool fand. Im Grunde fand Gabriel dass es nicht verkehrt war, Dinge in Frage zu stellen. Aber nur etwas zu tun, weil es verboten war, das war lächerlich. Das war genauso kindisch wie etwas zu tun, weil man es so vorgeschrieben bekam.
„Ganz okay“, beantwortete Gabriel die Frage des Jungen nach seinen Ferien und wandte sich zum Gehen.
Er hatte nicht viel Zeit, um vom Religionsunterricht zum Klassenzimmer des Mathematiklehrers zu kommen. Vor der ersten Stunde in diesem Fach graute es ihm ein wenig. Er war nie besonders gut in Mathe gewesen, anders als sein Bruder. Ihm hatten sich die Zahlen sofort erschlossen. Er hatte mehrfach versucht, Gabriel zu erklären, wie einfach Mathematik sei, dass Mathe wie Musik sei, nur mit Zahlen anstatt Noten.
Dummer Weise war Gabriel allerdings auch nicht sehr musikalisch. Er konnte Flöte spielen und hatte Klavierunterricht bekommen, weil die Eltern das schick fanden und es sich leisten konnten. Aber er hatte kein wirkliches Talent dafür.
Allerdings würde er das niemandem sagen. Er bemühte sich genau wie sein Bruder zu sein. Er würde sich in Mathe in diesem Jahr besonders ins Zeug legen und jeden Tag Klavier üben und Geige. Er würde sagen, dass Mathe total einfach sei und er Musik über alles liebte, auch wenn ihm das wiederum Spott von anderen Jungen einbringen würde.
Irgendwie war Gabriel froh, dass sein Bruder nicht auch noch andere Kurse belegte, wie zum Beispiel Ballett. Obwohl Gabriel das nur für etwas für Mädchen hielt, wurde es hier unterrichtet. Es hieß, es sei gut für die Schulung des Körpers und würde die Disziplin fördern.
Gabriel wagte das zu bezweifeln. Paul belegte Ballett. Der Gedanke, den dunkelhäutigen Jungen mit seiner Rebellenfrisur in einem rosa Tutu zu sehen, zauberte ein belustigtes Lächeln auf Gabriels eher finster zusammengekniffene Mundwinkel.
„Meine Ferien waren eine absolute Katastrophe“, unterrichtete Paul ihn, ohne dass Gabriel danach gefragt hätte. „Ich habe mich am ersten Tag gleich total mit meinen Eltern gezofft und hatte bis Weihnachten Stubenarrest.“
Obwohl es alles andere als lustig in Gabriels Ohren klang, lachte der dunkelhäutige Junge. „Aus Langeweile habe ich meine Tapete bemalt, mit Totenköpfen und Schlangen. Ganz in Schwarz nur mit Filzstiften. Sah richtig abgefahren aus.“
Gabriel schüttelte den Kopf. Die tadelnde Miene stellte sich ganz von alleine ein. Doch das schien Paul nicht zu stören. Im Gegensatz, sein Grinsen weitete sich stolz.
„Das gab dann noch mal Stubenarrest bis zum Ende der Ferien“, erklärte er, als wäre das eine besondere Leistung, die es zu würdigen galt.
„Hm“, brummte Gabriel. Hinter dem nächsten Knick des Korridors kam das Klassenzimmer für Mathematik in Sicht. Gabriel würde Paul da nicht abschütteln können, hoffte aber, einen Platz zu finden, bei welchem der Stuhl neben ihm bereits belegt wäre. Er wollte mit Paul nichts weiter zu tun haben. Sein Bruder hatte mit ihm nichts weiter zu tun haben wollen und Gabriel teilte in dieser Beziehung die Meinung seines Bruders.
„Du bist so ein steifer Spießer, Cunningham.“ Paul lachte und legte Gabriel kameradschaftlich den Arm um die Schulter. „Aber irgendwie mag ich Dich.“
„Toll“, brachte Gabriel hervor. Das Fehlen von Begeisterung musste er nicht spielen, das kam von ganz alleine.
„Doch, doch“, versicherte Paul ihm, dem der sarkastische Unterton entgangen war.
Die Jungen erreichten das Klassenzimmer und traten ein. Im Raum standen mehrere Doppelbänke aus Holz, die alt und ungemütlich wirkten. Die Fenster zum Hof hin waren geöffnet, um frische Luft in den Raum zu lassen. An der Tafel standen noch Reste von mathematischen Formeln, die Gabriel absolut unbekannt waren.
Das lag allerdings nicht an seinem fehlenden mathematischen Wissen, sondern daran, dass vor ihnen eine höhere Klasse unterrichtet worden war. Ein Junge mit kurzen braunen Stoppelhaaren wischte eilig die Tafel, während der Lehrer sich mit einem anderen älteren Jungen unterhielt, der am Lehrerpult stand.
Der Junge war recht groß und kräftig. Er wirkte sportlich und war vielleicht ein guter Ringkämpfer oder Boxer, vielleicht auch ein guter Ruderer. Die Schuluniform wirkte an ihm seltsam fremd. Der Junge war vielleicht vier oder fünf Jahre älter als Gabriel, hatte braune kurze Haare und Ansätze von Geheimratsecken, dazu Sommersprossen um die kurze Stupsnase.
Gabriel starrte ihn ungläubig an und stieß mit dem Knie gegen die vorderste Schulbank. Der Lehrer und der ältere Schüler sahen beide zu ihm. Der Lehrer lächelte freundlich. Der ältere Schüler sah ihn mit recht leerem Gesichtsausdruck an.
Erleichterung machte sich in Gabriel breit. Er kannte diesen Jungen, doch der erkannte ihn im Gegenzug nicht. Gabriel atmete tief durch und schollt sich selbst einen Narren. Natürlich erkannte er ihn nicht. Wie denn auch?
„Kennst Du den?“
Paul schob Gabriel auf einen der freien Plätze und setzte sich neben ihn. Gabriel nahm es nur am Rande wahr.
„Nein. Nein, woher sollte ich denn?“, wollte er heiser wissen.
„Hätte ja sein können“, meinte Paul und legte sein Mathebuch auf das Pult. „Das ist Ward. Hat Cooper gesagt. Er ist von seiner alten Schule geflogen. Hat wohl irgendwas ausgefressen.“ Anerkennung schwang in Pauls Stimme mit. „Bin gespannt, was er hier so anstellt.“
„Vielleicht gar nichts“, wandte Gabriel ein. Es war das, was er hoffte. Ihm genügte Paul als Rebell in seinem Umfeld. „Vielleicht hat er daraus etwas gelernt und benimmt sich in Zukunft.“
Paul lachte leise. „Du bist wirklich komisch, Cunningham. Wirklich komisch.“

***

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