Ein neuer Anfang (22/22)

Posted on Dezember 2, 2011

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„Nach Weltenei?“ Algea stutzte. „Wieso das?“
Anscheinend verließ Magister Meska sein Reservat nur selten.
„Du hast es doch schon gehört“, erklärte er. „Graf Tithamins Gefolgsleute schleichen seit einigen Tagen in der Gegend herum. Ich muss dem Rat davon berichten.“
Algea wirkte bestürzt. „Ist es so besorgniserregend?“
Zwar hatte sie Dekan Ezzo vorhin in Gedankenrede von den schwarzen Gestalten des Grafen berichtet, aber dennoch hatte sie den Worten von Magister Meskas Sohn anscheinend nicht wirklich viel beigemessen und seine Besorgnis nicht geteilt.
„Das kommt darauf an, Algea“, erwiderte der Tiermagier. Für Teese klang er eher als würde er mit einer Studentin sprechen als mit einer Magister. Ein wenig klang er wie Magister Elgin, wenn er etwas im Unterricht erklärte, was sie alle noch nicht wussten.
„Für uns“, fuhr Magister Meska fort, „sind all diese Entwickungen der Nicht-Magier letzten Endes ohne irgendeine Bedeutung. Ihre Machtkämpfe, ihre Rivalitäten und ihre Kriege betreffen unsere Sicherheit nicht. Es werden nur Nicht-Magier sterben und irgendwann werden sie zu einem neuen Gleichgewicht gefunden haben – wie immer.“
Teese musterte ihn skeptisch. Sie war sich nicht ganz sicher, aber sie glaubte, dass Magister Meska die Worte ironisch meinte. Wenn Menschen starben, konnte das niemand einfach so ignorieren, oder? Nicht-Magier waren doch keine minderwertigen Menschen, deren Schicksal einen nicht zu interessieren hatte.
„Dann wollt Ihr, dass der Rat interveniert?“, hakte Magister Algea nach.
„Ich will, dass der Rat weiß, was vor sich geht“, erwiderte Magister Meska. „Früher oder später werden wir uns entscheiden müssen, ob wir Dekan Ezzos Kurs der Einmischung fortsetzen oder ob wir uns aus der Welt der Nicht-Magier zurückziehen.“
Algeas Gesicht verriet ihre Anspannung. „Ich bin nicht der Meinung, dass es sich um Einmischung handelt. Dekan Ezzo vertritt eine Position der Diplomatie, des Miteinanders mit den Nicht-Magiern.“
Ein schwer zu deutendes Lächeln spielte um Magister Meskas Mundwinkel. „Dann frage ich mich für welche der beiden Grafen er Partei ergreifen wird: für Graf Tithamin, seinen Schwager, oder für Grafen Darion, seinen treuen Vasallen? Argentanien oder Awrosch?“
Algea schwieg. Teese hatte den Eindruck, dass sie sich ihre Antwort mit Mühe verkniff. Sie selbst hatte im Grunde keine Ahnung von der Politik der Nicht-Magier und ihrer Geschichte, aber es erschien ihr nicht richtig, überhaupt für eine der beiden Parteien einzutreten und gegen die andere vorzugehen.
Magier waren viel mächtiger als Nicht-Magier. Die Seite, für die sie sich entscheiden würden, würde wohl jeden Krieg gewinnen und die Verluste der Gegenseite würden gewaltig sein. Konnte man ruhigen Gewissens eine Entscheidung gegen eine der beiden Grafschaften und ihre Menschen treffen?
„Werdet Ihr gleich aufbrechen?“, erkundigte sich Algea nachdem ein Moment des Schweigens vergangen war.
„Wenn es Euch nicht stört, würde ich Euch auf den Inselberg begleiten.“
„Es stört uns nicht“, versicherte Algea höflich.
Magister Meska nickte. „Irmalie“, rief er dann seine Ur-Enkelin. „Student Rinnir wird seine Lichtung gleich verlassen. Du solltest zurück auf den Weg.“
Das Mädchen antwortete nicht, eilte aber sichtlich aufgescheucht zurück zum Waldrand. Teese schloss sich den beiden Magistern und Rinnir an, der seine Schildkröte behutsam auf seinem angewinkelten rechten Arm trug.
Sie fragte sich, warum es für Irmalie wichtig war, die Lichtung zu verlassen, bevor Rinnir dies tun würde. Die Formulierung ‚seine Lichtung‘ klang in ihren Ohren sehr seltsam. Dieser Ort war überaus merkwürdig. Auf alle Fälle verbarg sich mehr dahinter, als sie zuerst gedacht hatte.
In Gedanken vertieft lief Teese neben Rinnir, der wie sie schwieg. Die Magister gingen ihnen voran und erreichten als erste wieder den weißen Turm mit dem kleinen Haus und dem Garten dahinter. Bevor Teese den anderen zur Anlegestelle folgte, wo Nanu und das Flügelpferd warteten, sah sie noch einmal zurück.
Irmalie trottete ohne viel Eile aus dem Wald und ging zu den Ziegen in ihrem Gatter. Der Wald des Reservats setzte erst ein gutes Stück hinter diesem Bereich an. Der Übergang war nicht fließend wie bei einem echten Wald, sondern abrupt. Keine kleinen Büsche und jungen Bäume säumten den Waldrand. Die großen Bäume standen wie einzelne Pfosten einer hölzernen Palisade nebeneinander und bildeten eine geschlossene Wand.
Teese wandte sich ab und ging zu Nanu, die dösend auf der Kaimauer lag und behäbig auf die Beine kam, als sich die Kinder ihr näherten. Ohne weitere Worte schwang sich Teese auf den Rücken ihres Drachens. Nanu wartete brav, bis Rinnir aufgesessen hatte und erhob sich dann in die Luft, ohne dass Teese ihr sagen musste, dass es wieder nach Hause ging.
Gleich darauf flog auch Magister Algea mit ihrem Flügelpferd in den Himmel, gefolgt von einem dunklen fliegenden Pferd, das Magister Meska trug. Nanu drehte bei und ließ Teese einen letzten Blick auf das Reservat werfen. Wie die Stämme bildeten auch die Wipfel der Bäume ein geschlossene Barriere. Von oben sah der Wald aus wie ein dunkelgrünes Blätterdach. Von einer Lichtung keine Spur.
‚Es ist ein magischer Ort‘, rief Fleck dem Mädchen in Erinnerung. ‚Ein sehr magischer Ort. Schon einmal durch die Magie der ruhenden Seelentiere.‘
Teese schauderte bei der Formulierung. Sie war froh, diesen Ort hinter sich zu lassen. Als Nanu dem Verlauf des Kanals folgte, der von Magister Meskas Turm zum Meer führte, wandte sie ihren Blick nach vorne und war fest entschlossen, nie wieder zu diesem Reservat zurückzukehren. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, warum sie dies überhaupt irgendwann einmal tun sollte.

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