Ein neuer Anfang (21/22)

Posted on November 28, 2011

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Die Lichtung war quadratisch, was Teese nachdem sie den Plan im Turm gesehen hatte, nicht mehr wirklich wunderte. Anders als ihr Aussehen. Die Lichtung war von rotgoldenem langen Gras bedeckt, das Teese bis zu den Knien reichte. In Abständen ragten dunkelrote Halme in die Höhe, welche an ihrer Spitze goldene Verdickungen trugen, die Teese an Kolben im Schilf erinnerten.
Ein leichter Wind wehte durch das Gras und bewegte es sanft, so dass es im Sonnenlicht schimmerte. Auf der Lichtung war es angenehm warm, man hörte das Zwitschern von Vögeln und irgendwo plätscherte leise Wasser.
Nach einigen Schritten blieb Teese stehen und legte den Kopf in den Nacken. Die Sonne schien vom strahlendblauen Himmel und alles um das Mädchen herum erweckte den Eindruck eines schönen Tages im Spätsommer.
Nachdenklich lief Teese weiter. Die Lichtung war so groß, dass es unmöglich war, dass man sie aus der Luft nicht hatte sehen können. War sie magisch? Oder durch Magie geschützt?
Teese erreichte Irmalie, die schließlich ebenfalls stehen geblieben war. Sie hatte einen der Graskolben abgebrochen und untersuchte ihn genauer. Es schien, als habe sie diese Lichtung vorher noch nie gesehen, was Teese wiederum seltsam fand.
Sie sah sich nach Rinnir um und entdeckte ihn ein Stück weiter nahe des gegenüberliegenden Endes der Lichtung. Seine schwarze Robe zeichnete sich gegen das Meer aus Gold und Rot deutlich ab. Vor seiner Brust hielt er sein Seelentier. Die Schildkröte hatte er fest an sich gepresst und mit beiden Armen umschlungen. Im Gegenzug hatte die Schildkröte ihren Kopf auf seine Brust gepresst und schien ihn mit ihren kurzen dicken Beinchen umklammern zu wollen.
‚Ich glaube, er liebt seine magische Hälfte doch‘, kommentierte Fleck unvermittelt in Teeses Gedanken.
‚Ja.‘
Mehr brauchte Teese nicht zu sagen. Fleck konnte fühlen, was sie fühlte. Sie war erleichtert und froh zugleich. Sie hatte nicht verstehen können, wie Rinnir so gleichgültig gegenüber seinem Seelentier hatte sein können. Wie er es so kaltherzig einfach hatte zurück lassen können. Selbst auf Weltenei hatte er sich nicht wirklich um es gekümmert. Teese hatte es schon da leid getan.
Teese setzte sich wieder in Bewegung und lief auf Rinnir zu. Der Junge und sein Seelentier waren nicht alleine. Ihnen gegenüber stand Magister Meska, so wie Teese ihn aus Roaths Erinnerung kannte.
Magister Nabis ehemaliger Tutor war ein großer und kräftiger Mann, der von seinem Körperbau an Dekan Ezzo erinnerte. Er sah aus wie sich Teese einen Krieger vorstellte, einen Helden, der durch die Welt zog und Unrecht bekämpfte.
Anders als der Dekan war Magister Meska allerdings ein Südländer mit bronzefarbener Haut und schwarzen Haaren. Eine kurze Lockenfrisur umspielte seine Schläfen und ein spitzer schwarzer Bart zierte sein Kinn. Die Augen waren dunkel umrandet wie bei einer zu kräftig geschminkten Frau. Die Augenfarbe tendierte irgendwo zwischen blau, grün und grau, wie Teese feststellte, als sie den Magister und Rinnir erreichte und der Mann sie ansah.
„Guten Tag, Magister Meska“, grüßte Teese.
„Guten Tag, Studentin Teese.“
Er musterte sie mit unverhohlenem Interesse. Teese fragte sich, woher er wusste, wer sie war. Ob er ihr Gespräch mit seinem Sohn hatte verfolgen können? Ob Rinnir ihm gesagt hatte, wer sie waren? Oder wusste Magister Meska es von Magister Nabi. Sie hatte ihren ehemaligen Tutor nie erwähnt, aber sicherlich sprachen die beiden Tiermagier noch miteinander, oder?
„Guten Tag, Algea.“
Magister Meska sah über Teeses Kopf hinweg zu der jungen Frau, die inzwischen auch zu ihnen aufgeschlossen hatte. Irgendwo im Hintergrund streifte Irmalie ziellos über die Lichtung und strich mit den Händen bewundernd durch das hohe Gras.
„Meinen Glückwunsch zum Magister-Titel.“ Er reichte ihr die Hand.
Magister Algea lachte und schüttelte sie. „Danke.“ Sie sah kurz zu Rinnir, aber ihre Worte galten weiter dem Tiermagier. „Wie ich sehe, hat Student Rinnir sein Seelentier selbst gefunden.“
„Ja, es hat schon den ganzen Tag auf ihn gewartet.“ Magister Meska strich sich durch den spitzen Bart. „Ebenso wie ich. Ich wollte sicherstellen, dass der junge Student sein Seelentier findet, bevor ich nach Weltenei fliege.“

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