Ein neuer Anfang (20/22)

Posted on November 25, 2011

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Magister Algea und die beiden Studenten folgten ihr. Alle drei versuchten mehrmals, eine Unterhaltung mit dem kleinen Mädchen anzufangen, aber sie erwies sich als sehr wortkarg. Alleine Rinnir hatte ein wenig Erfolg, als er sie auf ihre fehlenden Schuhe ansprach.
„Ist Dir nicht zu kalt ohne Schuhe?“, wollte er wissen.
„Nein.“
„Aber es ist mitten im Winter.“
„Das macht nichts.“ Sie hielt den Blick starr nach vorne gerichtet.
„Hast Du denn keine Schuhe?“, hakte Rinnir nach.
„Doch.“
„Und warum ziehst Du sie dann nicht an?“
„Ich mag sie nicht.“
„Und warum nicht?“ Rinnir blieb hartnäckig.
„Man fühlt den Boden schlechter mit Schuhen“, erklärte Irmalie.
Darauf wusste Rinnir keine Antwort mehr und schwieg. Und auch Teese verfiel ins Schweigen. Irmalie wollte offenkundig lieber ihre Ruhe haben und Teese wollte sie nicht in Verlegenheit bringen oder sie nervös machen.
Sie ließ ihren Blick durch den Wald schweifen, der sie fast ein wenig an den Wald bei ihr zu Hause erinnerte. Die Bäume waren alle recht groß, das Unterholz war zwar dichter, aber nicht undurchdringlich und schmale Wege führten gerade durch ihn hindurch.
Nach einer Weile, konnte Teese auch das erste Seelentier entdecken. Hinter ein paar Bäumen lag ein Drache. Außer seinem gewaltigen Rücken mit einer Reihe aufgestellter Schuppen, war im Dickicht nicht viel von ihm zu erkennen. Teese dachte im ersten Moment, er würde dort einfach schlafen. Aber dann erkannte sie, dass dies nicht der Fall war. Das Graugrün des Körpers, das sie im ersten Moment an Nanu erinnert hatte, war nicht die Farbe von Haut, es war die Farbe von Stein.
„Algea, was geschieht genau mit den Seelentieren, die hierher kommen?“, wollte Teese von der jungen Frau wissen, die hinter den Kindern lief und den Spaziergang an der frischen Luft zu genießen schien.
„Du weißt, dass nur Seelentiere hierher gebracht werden, deren Magier in die“ – sie senkte ihre Stimme unvermittelt – „alte Welt zurückkehren?“
Teese nickte. „Ja, das weiß ich.“
„Wenn ein Magier längere Zeit von seinem Seelentier getrennt ist, dann wird die Verbindung zwischen ihnen schwächer“, erklärte Magister Algea wieder in normaler Lautstärke. Sie streckte die Arme zur Seite und atmete tief die kühle Waldluft ein.
„Das Seelentier wird apathisch, bewegt sich immer weniger und fällt schließlich in eine Art Starre“, fuhr Algea fort. „Es ist wie ein Winterschlaf. Nur, wenn der Magier nicht in die“ – erneut senkte sie kurz die Stimme – „neue Welt zurückkehrt, dauert dieser Schlaf an und irgendwann beginnt das Seelentier zu versteinern.“
„Stirbt es?“, wollte Teese bestürzt wissen.
„Nein, es erstarrt einfach.“ Algea wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. „Es erwacht sofort wieder, wenn sein Magier zurückkehrt.“
„Und wenn der Magier stirbt?“, mischte sich Rinnir in die Unterhaltung ein.
„Dann zerfällt das Seelentier zu Staub.“
Teese schluckte und fühlte fast panisch nach ihrer Verbindung zu ihrem eigenen Seelentier.
‚Keine Sorge, ich bin noch da‘, drang Flecks Stimme an Teeses Ohr. ‚Verstehst Du jetzt, warum ich nicht hierher wollte?‘
‚Ja.‘ Teese spürte die Beklemmung dieses Ortes.
Eben noch war es ein winterlichter Wald gewesen, kühl aber schön. Die Sonne hatte ihr Licht zwischen den Stämmen der Bäume hindurch geworfen, ein winterliches Idyll. Doch im Grunde war es nichts anderes als ein Friedhof auf Zeit. Ein Ort, an dem die verlassenen Seelentiere warteten, bis ihr Magier starb und sie mit ihm.
Es fühlte sich schrecklich an. Überall um Teese herum waren sie, die versteinerten Seelentiere der Magier, die ihren magischen Teil hier zurückgelassen hatten. Sie waren zwar noch lebendig, aber gleichzeitig waren sie erstarrt, nur noch große leblose Körper aus Stein. Teese glaubte ihre Einsamkeit spüren zu können. Sie wollte nur noch schnell Rinnirs Seelentier abholen und von hier wieder verschwinden.
„Und wenn man das Seelentier zerstört?“, drang Rinnirs Frage wie durch Watte an Teeses Ohren. „Wenn sie aus Stein sind, könnte man sie sprengen oder zerschlagen oder etwas in der Art.“
„Wenn ein Seelentier stirbt…“ Algea zögerte sichtlich. „Dann stirbt ein Teil des Magiers. Der magische Teil.“
Teese nickte mit einem Schaudern. Das war es gewesen, was der Magisterrat damals mit Roath getan hatte, oder hatte tun wollen. Sein Seelentier war zerstört worden und alles, was übrig geblieben war, war ein winziger Rest von ihm, ein klein wenig von Roaths erster Magie, die er als Junge auf Weltenei gewirkt und in seine Aura-Kugel gefüllt hatte.
Sie hatte gesehen, welche Qualen ihm dieser Vorgang bereitet hatte. Sie hatte die Schmerzen gesehen und hatte sich doch nicht vorstellen können, was genau sie verursacht hatte. Dekanin Winna hatte es gewusst. Ein Seelentier trug seinen Namen zu Recht. Es war ein Teil der Seele eines Magiers. Mit ihm zerstörte man einen Teil des Magiers und der Schmerz musste unerträglich sein.
Teese fragte sich unvermittelt, wie es für Ro sein musste, mit der Erinnerung daran zu leben. Er hatte ein neues Seelentier, die Elster, die Teese im letzten Halbjahr doch ein wenig Furcht eingeflößt hatte. Aber sie bestand nur aus dem Bisschen an Magie, das Dekanin Winna ihm gelassen hatte sowie einem Teil von ihrer Magie und – da war sich Teese noch nicht ganz sicher – vermutlich einem Teil der Magie von Magister Nabi, die das Seelentier für Ro geformt hatte.
„Wir sind da.“
Die Worte, die Teese aus ihren Gedanken riss, hatte nicht Irmalie gesprochen, wie das Mädchen im ersten Moment erwartet hatte, sondern Rinnir. Der Junge wandte sich nach rechts und verschwand mit schnellen Schritten zwischen den Bäumen.
„Halt. Da darf man nicht so hinein.“ Irmalie stürzte ihm hinterher. „Warte mal, ehrenwerter Herr Student.“
Teese musste aufgrund dieser Formulierung lachen, rannte dann aber den beiden eilig hinterher. Trockenes Laub raschelte unter ihren Füßen. Die Bäume wichen von selbst zur Seite und dann erreichte sie die Lichtung.

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