Ein neuer Anfang (19/22)

Posted on November 21, 2011

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„Und?“ Rinnir sah zu Teese, als diese ihm entgegen kam.
„Er holt jemanden, der uns zu Deinem Seelentier bringt, oder eigentlich zu Magister Meska“, korrigierte sich Teese.
„Wozu das? Den Weg dürften wir problemlos selbst finden“, stellte Rinnir fest. Und bevor Teese nachhaken konnte, wandte er sich wieder der Wand zu und dem Plan, welchen Teese bereits vorhin bemerkt hatte.
Es war eine schlichte Wandzeichnung mit schwarzen Quadraten unterschiedlicher Größe. Teese musste an einen Gebäudeplan denken, allerdings gab es keine Korridore und Stockwerke. Es gab nur viele verschieden große Vierecke. In einigen standen Namen, die Teese nichts sagten, Namen wie Matun, Xerxes, Hewen und so weiter. Magiernamen mit nicht mehr als zwei Silben.
„Faraas“, entfuhr es Teese, als sie einen nur zu bekannten Namen entdeckte.
„Was?“ Rinnir runzelte die Stirn.
„Da steht Faraas‘ Name“, erklärte Teese. „Heißt das… dass sein Seelentier dort ist?“ Sie sah zu dem Schriftzug in einem der schwarzen Quadrate. „Ist das ein Plan des Reservats?“
„Schätze ich mal“, sagte Rinnir. „Mein Name steht dort drüben.“ Er zeigte mit dem Finger nach rechts unten.
Teese musste nur kurz suchen und entdeckte ihn ebenfalls. „Das heißt, wir müssen dort hin?“
Die Frage blieb vorerst unbeantwortet, denn die Hintertür wurde geöffnet und Magister Meskas Sohn rief die Magister und die Studenten zu sich.
Draußen hinter dem Turm erstreckte sich ein großer Garten, den Teese bereits kurz hatte sehen können. In ordentlichen Reihen standen ein paar Pflanzen, die Teese auch aus ihrem Garten zu Hause kannte. Das eine waren Grünkohlstängel, die nur am oberen Ende noch Blätter besaßen und ziemlich abgeerntet aussahen. Außerdem gab ein großes Stück Land mit Feldsalat, der den Winter überdauert haben musste. Der größte Teil des Landes aber lag nun um die Jahreszeit brach.
Direkt an das Ackerland grenzte ein Gatter, in dem ein paar Ziegen in der Wintersonne umhersprangen. Ein Stall dahinter verriet, dass es wohl noch weitere Tiere gab. Sehen konnte Teese aber nur noch eine Reihe von Hühnern, welche auf der anderen Seite des Weges vor einem kleinen Steinhaus im Boden scharten.
Im Vergleich zu dem imposanten Turm aus seinem weißen Marmor und dem Gold der Türen und des Daches, wirkte das Haus hinter dem Turm eher schäbig. Nicht heruntergekommen aber schlicht und abgewohnt.
„Das ist meine Enkelin Irmalie“, stellte der alte Mann vor und schob ein kleines Mädchen mit einer energischen Bewegung nach vorne.
Das Mädchen nur wenig jünger als Teese und sehr schlank. Sie trug ein braunes Kleid, dessen Stoff bis auf den Boden fiel. Ein paar nackte Zehen lugten unter dem Stoff hervor. Über den Oberkörper hatte Irmalie eine dunkle Fellweste gestreift, die mit großen Holzknöpfen zusammengehalten wurde.
Als Teese Irmalie ansah, fielen ihr als erstes dieselben graublauen Augen auf, die auch der alte Mann besaß. Ansonsten hielt sich die Ähnlichkeit mit ihm aber in Grenzen. Irmalie hatte ein rundes Gesicht und sonnengebräunte Haut. Ihre Haare waren kurz, die Frisur entsprach dem, was Teese unter der Bezeichnung Topfschnitt kannte.
Den Namen hatte diese Frisur daher, dass die Haare so aussahen, als hätte man einfach einen Topf über den Kopf gestülpt und am Rand entlang die Haare abgeschnitten. Teese konnte sich gut vorstellen, dass die Frisur in Irmalies Fall auch tatsächlich so entstanden war.
„Hulluh“, sagte das Mädchen schüchtern und erinnerte Teese mit einem Schlag an Seth.
„Das sind die ehrenwerte Magister Algea und zwei ihrer ehrenwerten Studenten“, fuhr der alte Mann fort.
„Ich heiße Rinnir“, stellte sich der Junge vor, wobei er sich Irmalie zuwandte.
„Ich bin Teese“, fügte Teese hinzu.
Das Mädchen sah sie beide kurz an und sah dann wieder weg. Sie nickte und wippte mit den Zehen. Vielleicht war sie wirklich sehr schüchtern, vielleicht war es für sie aber auch einfach nur ungewohnt, mit Magiern zu sprechen, auch wenn ihr Urgroßvater, Magister Meska sein musste und sie somit einen Magier in der Familie hatte.
„Irmalie wird Euch zu meinem Vater führen, ehrenwerte Magier“, sagte der alte Mann. Seine Verbeugung galt dieses Mal eindeutig Teese. Vielleicht wusste er nun, wer sie war und welchen Rang sie unter den Magiern eines Tages bekleiden würde. „Wenn Ihr erlaubt, werde ich mich jetzt zurückziehen.“
Magister Algea nickte. „Bitte. Wenn wir etwas benötigen, werden wir uns melden.“
„Vielen Dank, ehrenwerte Magister.“
Reichlich flink für sein Alter, verschwand er wieder im Turm. Vielleicht hatte er etwas dringendes in einem der oberen Räume zu erledigen. Vielleicht wollte er aber auch einfach nur nicht mehr Zeit mit den Magiern verbringen als er musste.
Seine Enkelin sah vom Boden auf. „Wir müssen hier entlang“, sagte sie und streckte den Arm in Richtung des Waldes aus. Dann wandte sie sich um und ging eilig davon.

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